Politik

Wohin mit dem Atommüll? Deutschlands langer Weg zum Endlager

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Die Suche nach einem Endlager-Standort wird Deutschland noch mindestens elf Jahre beschäftigen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf ihrer Suche nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung ihren ersten "Zwischenbericht" vorgestellt. 54 Prozent Deutschlands sind noch im Rennen. Darunter der Berliner Stadtrand, der Salzstock Gorleben aber nicht mehr.

Die Satire-Partei "Die Partei" hat bereits vor neun Jahren gefordert, im Berliner Szene-Kiez Prenzlauer Berg ein Atommüll-Endlager zu errichten. Wie jetzt bekannt geworden ist, taugt der hippe Ortsteil im Bezirk Pankow nicht als Standort für hochradioaktiven Abfall, dafür jedoch Gebiete am Berliner Stadtrand, in Spandau und Reinickendorf. So steht es im "Zwischenbericht Teilgebiete" der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Ein Endlager in Berlin ist aber allenfalls theoretisch möglich. "Die Frage der Durchsetzbarkeit ist kein Maßstab, an dem wir uns orientieren können. Wir gehen nach den geologischen Kriterien vor, die uns der Gesetzgeber vorgegeben hat", erklärt BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Nur noch sechs Atomkraftwerke sind in Deutschland am Netz, und auch die werden in den nächsten zwei Jahren abgeschaltet. Ein Endlager für den strahlenden Müll fehlt aber noch immer. "Es geht um 1900 Castorbehälter. Einer davon ist etwa sechs Meter hoch und hat einen Durchmesser von ungefähr drei Metern", beschreibt Kanitz. Das Endlager müsse demnach 27.000 Kubikmeter groß sein. "Das entspricht einem Würfel mit einer Kantenlänge von 30 Metern."

In Deutschland wäre ein solches Endlager in 90 Regionen grundsätzlich vorstellbar. Diese sogenannten "Teilgebiete" decken 54 Prozent der deutschen Landesfläche ab. Dazu zählen fast ganz Niedersachsen und Schleswig-Holstein, aber auch alle ostdeutschen Bundesländer sowie große Teile Süddeutschlands. Dort seien geologisch günstige Bedingungen grundsätzlich zu erwarten, heißt es von Seiten der BGE. Als geologisch günstig für die Atommüll-Endlagerung werden Salzgestein, Tongestein und Granit betrachtet.

Sichere Lagerung für eine Million Jahre

"Es geht darum, radioaktive Abfallstoffe für eine Million Jahre sicher zu lagern", stellt Geschäftsführer Kanitz klar. "Unsere Datengrundlage sind Daten, die wir von den geologischen Landesämtern zur Verfügung gestellt bekommen haben. Das sind Daten, die aus dem Bereich der Rohstoff-gewinnenden Industrie stammen, also beispielsweise aus Bohrungen der Erdöl- oder Erdgasindustrie sowie aus dem Bereich des Bergbaus", sagt Kanitz, der anmerkt, dass die Daten "teilweise Jahrzehnte alt" seien. "Wir haben die Daten ausgewertet und daraus ein geologisches Bild der Bundesrepublik gezeichnet." Regionen mit Erdbebenbelastung, Vulkanismus oder Bergbaugebieten wurden direkt aus dem Auswahlverfahren eliminiert. "Andersherum haben wir festgestellt, wo wir auf Basis der Daten Wirtsgesteinsvorkommen in Salz, Ton oder Kristallin vermuten können, die mindestens 100 Meter mächtig sind und mindestens 300 Meter unter der Erde liegen."

Keine günstigen geologischen Voraussetzungen bietet der Salzstock Gorleben. Damit geht eine jahrzehntelange politische Posse zu Ende. Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt sowie Niedersachsens damaligem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht hatten den Ort im Nordosten Niedersachsens 1977 als Endlager-Standort benannt. Dazu kann es jetzt jedoch nicht mehr kommen. "Das liegt insbesondere an einer komplizierten geologischen Struktur, was das Deckgebirge anbelangt. Der Salzstock ist relativ weit aufgestiegen und hat dabei das Deckgebirge kaputt gemacht. Und wir können nicht ausschließen, dass es innerhalb von einer Million Jahren Verbindungen zum Grundwasser geben kann", erklärt BGE-Chef Kanitz.

Weiter im Rennen sind dagegen große Teile Bayerns. Obwohl der Freistaat so stark wie kaum ein anderes Bundesland auf Atomkraft gesetzt hat und drei der noch sechs aktiven Meiler in Bayern stehen, will man den Müll dort auf keinen Fall haben. Das zentrale Argument der bayerischen Staatsregierung: Der Untergrund in Bayern sei nicht geeignet, um darin strahlenden Müll zu lagern. Wenn der Salzstock Gorleben aus dem Rennen ist, müsste es ganz Bayern auch sein, sagte Ministerpräsident Markus Söder in einer ersten Reaktion: "Wenn man breit angelegt diskutieren will, bleibt bei uns die Frage, weshalb man Gorleben fundamental ausschließt. Das ist eine Schwäche in der Argumentation."

"Das kann Geologiestudent im dritten Semester"

Auch der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern sparte nicht mit Kritik. 54 Prozent der deutschen Fläche als möglichen Standort ausweisen, das könne auch "ein Geologiestudent im dritten Semester".

Grundsätzlich will aber auch der Freistaat den Auswahlprozess nicht total blockieren. Man werde sich der Wissenschaftsdebatte stellen, ergänzte Ministerpräsident Söder. Gleichzeitig habe man in Bayern aber eine politische Einflussnahme aus anderen Bundesländern wahrgenommen. Nach dem Motto: Den Bayern zeigen wir es jetzt. Politische Einflussnahme habe es jedoch bislang nicht gegeben, das könne man hinsichtlich des Zwischenberichts "auch sehr selbstbewusst sagen", hält Steffen Kanitz dagegen.

Frei von politischer Einflussnahme soll auch das weitere Verfahren laufen. Und möglichst transparent. Deshalb finden in den nächsten Monaten öffentliche Konferenzen statt, bei denen jeder interessierte Bürger Fragen stellen kann. Anschließend werden die 90 Teilgebiete näher untersucht. Der Berliner Stadtrand dürfte in diesem Schritt von der Liste verschwinden. Alle anderen Teilgebiete werden in sogenannte Standortgebiete eingegrenzt. Bundestag und Bundesrat entscheiden dann, welche Standortregionen übertägig erkundet werden und welche sich auch für eine untertägige Erkundung eignen.

Ein langwieriger Prozess, dessen Ende erst in elf Jahren, 2031, geplant ist: Dann soll der endgültige Standort vorgeschlagen werden. Darüber stimmt noch einmal der Deutsche Bundestag ab, bevor dann 2050 die Castoren eingelagert werden können. Für mindestens eine Million Jahre.

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Quelle: ntv.de