Politik

Mit Macron in Südafrika Die Probleme holen Spahn auch im Ausland ein

Bundesgesundheitsminister Spahn reist auf Einladung des französischen Präsidenten nach Südafrika. Dort hat er das Elend der Corona-Pandemie direkt vor Augen. Gleichzeitig relativieren sich die Probleme in Deutschland - zumindest vorübergehend.

Der Kollege aus Frankreich zeigt sich irritiert. Emmanuel Macron und Jens Spahn sind an der Universität von Pretoria als Redner angekündigt. "Jens Spahn?" Nie gehört. Er gibt den Namen bei Google ein. Auch die Gastgeber müssen sich an den Gesundheitsminister aus Germany erst noch gewöhnen. Spain, Spahns, Spansch: Der Variantenreichtum in den Aussprachen kennt keine Grenzen. Frankreichs Staatspräsident Macron macht's sich einfach. Er ist schon beim "Jens" angekommen, den er herzlich begrüßt.

Die Stippvisite des Bundesgesundheitsministers in Südafrika ist aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Erst wenige Tage vor Abflug steht die Tour fest. Die Journalisten werden 48 Stunden vorher von dem Mitfahrangebot überrascht, verschiedene Programmversionen werden in den nächsten Tagen und Stunden zugestellt. Und selbst in der Luft ist nicht ganz klar, wie es nach der Landung weitergeht.

Der Fairness halber muss gesagt werden: Die Konstellation dieser Auslandsvisite besitzt Seltenheitswert. Frankreichs Staatspräsident Macron hat seine Afrika-Reise von langer Hand geplant. Erst Ruanda, dann Südafrika: Staatsbesuche, die die Grande Nation wie Feiertage zelebriert. In Südafrika jedoch möchte er die Deutschen gern dabeihaben, vor allem wegen des Themenspektrums: Es geht um Corona, ums Impfen, letztlich ums Geld.

Südafrikas Wirtschaft ist um acht Prozent eingebrochen, zwei Millionen Menschen haben ihren Job verloren und die Pandemie steht vor der nächsten Welle. Paris wendet sich ans Kanzleramt und das entscheidet, Jens Spahn als Vertreter der Bundesregierung zu entsenden. Die Bundeskanzlerin selbst zieht es vor, in Berlin zu bleiben. Dem Vernehmen nach wollte man den Gastgebern keinen zweiten Staatsbesuch aufbürden - und Macron nicht die Show stehlen.

Formale Nettigkeiten täuschen nicht über Differenzen hinweg

Diese Gefahr droht mit Spahn nicht. Anlässlich der Diskussionsveranstaltung an der Universität von Pretoria wird die Rangfolge deutlich. Spahn ist drei Stunden früher da und wartet geduldig auf Macron, der, mit reichlich Verspätung und großem Gefolge, wie ein Superstar in den Hörsaal einzieht. Umgekehrt wertet der französische Staatspräsident den deutschen Gesundheitsminister auf, der protokollarisch betrachtet nicht seine Ebene teilt.

Abends beim Staatsbankett nehmen das auch die Gastgeber verblüfft zur Kenntnis. Wegen Corona sind gerade einmal zwölf Personen zugelassen, sechs von jeder Seite. Die Franzosen räumen extra einen Platz frei für den Vertreter aus Deutschland. "Das sollten wir umgekehrt auch einmal machen", heißt es in Kreisen der Bundesregierung.

All diese formalen Nettigkeiten täuschen nicht darüber hinweg: Die Frankreich/Deutschland-Connection pflegt inhaltlich ihre Differenzen. Heikel ist vor allem die Frage, ob die Impfstoffpatente freigegeben werden sollen, wie es nicht nur Frankreich fordert, sondern auch Südafrika und inzwischen selbst die USA. Deutschland, Sitz des neuen Börsenlieblings Biontech, setzt auf Produktion in Lizenz. Das geistige Eigentum müsse geschützt, ein Technologietransfer verhindert werden. Vor allem China und Russland traut man in dieser Hinsicht alles zu, und für die neue Haltung der USA hat man überhaupt kein Verständnis. Aus deutschen Kreisen heißt es kommentierend: "Vom Impfnationalismus zum Impfkommunismus - und das in wenigen Tagen."

Berlin hofft, mit Fakten die Diskussion befrieden zu können. Spahn übergibt offiziell ein sogenanntes Roche-Cobas-Gerät, mit dem im Schnellverfahren PCR-Tests durchgeführt werden können. Kostenpunkt: eine Million Euro. Im ganzen südlichen Afrika gibt es von diesen Analysengeräten bislang erst sieben; allein in Deutschland stehen rund 50. Außerdem verspricht Spahn zum Aufbau einer heimischen Impfstoffproduktion 50 Millionen Euro. Die Bundesregierung unterstütze Gespräche zwischen deutschen Herstellern mit afrikanischen Unternehmen. "Das kann eine Frage von Monaten sein, wenn es gelingt, schnell miteinander die Bedingungen zu klären", sagt Spahn.

"Wir können demütig und dankbar sein"

Bis dahin herrscht Mangelwirtschaft. Erst ein Prozent der etwa 60 Millionen Südafrikaner ist geimpft. Die offizielle Inzidenz liegt bei 39, doch jeder weiß, diese Zahl hat mit der Realität nichts zu tun. Vor allem in den Townships breitet sich die südafrikanische Mutante nahezu ungehindert aus. Ärzte berichten dem deutschen Minister, dass sich kaum jemand testen lässt und kaum jemand zum Arzt geht. Nicht zufällig gilt Südafrika als Risikovariantengebiet. "Wir können demütig und dankbar sein", sagt Spahn im Gespräch mit ntv. "Wir debattieren darüber, ob wir 12- und 15-Jährige bald impfen können. Hier in Südafrika dagegen sind noch nicht einmal alle Schwerstkranken geimpft. Das zeigt, wir haben weltweit in dieser Impfkampagne noch viel zu tun."

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Rund 8870 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt scheint es so, als ob sich die Sorgen von zu Hause relativierten. Schleppender Impfstart, teure Maskendeals, umstrittene Priorisierungen: aus der Perspektive Südafrikas keine großen Sachen. Doch dann spricht sich der Abrechnungsbetrug diverser Testzentren bis an die Südspitze Afrikas herum. Der Minister werde sich dazu im Ausland nicht äußern, heißt es zunächst, doch diese Linie lässt sich nicht durchhalten. Die SPD hat sich längst auf den Gesundheitsminister eingeschossen und nimmt ihn ob der laxen Vorschriften in Mithaftung für den Missbrauch.

Schließlich reagiert der Christdemokrat. Auf der Fahrt von Pretoria nach Johannesburg meldet das Smartphone neue Nachrichten. "Jeder, der die Pandemie nutzt, um sich kriminell zu bereichern, sollte sich schämen", schreibt Spahn via Twitter. Wer den notwendigen Pragmatismus in diesen Zeiten ausnutze, dürfe nicht davonkommen. "Deswegen wird es stichprobenartig mehr Kontrollen geben."

Damit haben Spahn, noch bevor er den Flughafen in Johannesburg zum Rückflug erreicht hat, die Diskussionen von daheim wieder eingeholt. Es zeigt sich: Nicht nur Probleme sind relativ, sondern auch Entfernungen.

Quelle: ntv.de

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