Politik

35. Corona-Talk bei "Anne Will" Frustrierte Virologin trifft auf zögernde Politik

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Talkrunde bei "Anne Will" mit Virologin Melanie Brinkmann (Mitte) und Psychologin Cornelia Betsch (rechts).

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

So früh wie möglich Maßnahmen ergreifen: Dieses Vorgehen hat sich in der Pandemie bewährt. Doch zuletzt tat sich die Politik schwer, die vierte Corona-Welle entschlossen zu bekämpfen. Hat die vergangene Woche die Wende gebracht? Darüber diskutiert Anne Will mit ihren Gästen.

In wenigen Tagen steht der nächste traurige Rekord der Pandemie bevor. Dann werden nachweislich mehr als 100.000 Menschen in Deutschland an den Folgen von Covid-19 gestorben sein. Und so wie die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen in den vergangenen Wochen extrem gestiegen ist, wird auch die Zahl der registrierten Toten rasch weiter zulegen. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten, wie der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, zuletzt schonungslos erklärte. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist lediglich: Welche Maßnahmen können die Neuansteckungen eindämmen, das Gesundheitssystem entlasten und so in letzter Konsequenz auch Menschenleben retten?

Zum 35. Mal seit Beginn der Pandemie bat Moderatorin Anne Will ihre Gäste am Sonntagabend um eine Einschätzung der aktuellen Corona-Lage, um genau diese Frage zu beantworten. Trotz wechselnder Studio-Besetzung ist auch diesmal nach rund 60 Minuten klar: Es gibt viele Probleme, auch einige Lösungsansätze, aber so richtig schlau wird der Zuschauer/die Zuschauerin am Ende nicht.

Die Sendung beginnt mit dem Ausdruck eines Gefühls, das viele Menschen momentan teilen dürften: Frust. Anne Will fragt die Virologin Melanie Brinkmann, wie sie es findet, dass sich Deutschland trotz früher Warnungen aus der Wissenschaft derzeit wieder in einer echten Corona-Notlage befindet. Sie sei "wahnsinnig frustriert", so Brinkmann. Die Braunschweiger Professorin sieht sich auch im zweiten Jahr der Pandemie bemüßigt, zu erklären, was exponentielles Wachstum in Bezug auf die Fallzahlen bedeutet. Sie nimmt das Beispiel eines Fußballstadions, in das ein Regentropfen fällt. Am nächsten Tag sind es zwei Tropfen, dann vier, dann acht und so weiter. Am 42. Tag ist das Stadion halb voll. Einen Tag später ganz.

Dieser schleichende Prozess mag mit bloßem Auge anfangs nicht zu sehen sein. Doch im Hinblick auf Sars-CoV-2 und unter Zuhilfenahme entsprechender Modellrechnungen hätte man bereits im Sommer den Ernst der Lage vorhersehen können. Vermutlich auch vorhersehen müssen. Mit genau diesem Vorwurf sehen sich die anwesenden Vertreter aus der Politik konfrontiert. "Ich wäre jetzt nicht geneigt zu sagen, wir haben zu 100 Prozent alles richtig gemacht", drückt es der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans aus. "Wer von uns ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein", sagt Arbeitsminister Hubertus Heil. Beide Politiker verteidigen die jüngst beschlossenen Maßnahmen, die etwa im neuen Infektionsschutzgesetz der Ampel-Koalitionäre festgehalten sind, beziehungsweise in der Bund-Länder-Runde am Donnerstag verabredet wurden. Etwa 3G am Arbeitsplatz und in den öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Pflicht zum Homeoffice.

Das Problem sind die Ungeimpften

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Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans und FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Dass die Infektionszahlen im November so massiv hochgehen, dass die Schutzwirkung der Impfung so früh nachlasse, mit all dem habe man so nicht gerechnet, führt CDU-Politiker Hans aus. Sein SPD-Kollege Heil nutzt die Sendezeit, um noch einmal an die Bevölkerung zu appellieren, sich impfen beziehungsweise boostern zu lassen. Er zeigt sich von den jüngsten Beschlüssen überzeugt. Es gebe jetzt alle Instrumente, um adäquat auf diese vierte Welle zu reagieren, "aber wir müssen sie jetzt auch konsequent umsetzen - im Schulterschluss von Staat, Gesellschaft, Bürgerinnen und Bürgern".

Aber ist der besagte Instrumentenkasten wirklich so wirkungsvoll wie erhofft? Virologin Brinkmann ist skeptisch. Zwar sei die Booster-Impfung für Ältere wichtig und richtig. Aber: "Das Hauptproblem ist die hohe Quote der Nicht-Geimpften. Die treiben gerade die Zahlen." Wissenschaftlichen Beistand in der Talk-Runde leistet die Psychologin Cornelia Betsch. Sie fasst die Problematik so zusammen: "Bei neun von zehn Ansteckungen sind Ungeimpfte involviert, entweder als Ansteckende oder Angesteckte oder beides."

So wie auch der Charité-Virologe Christian Drosten sind die beiden Wissenschaftlerinnen davon überzeugt, dass die Impflücke zwingend geschlossen werden muss. Sprich: Diejenigen, die noch nicht immunisiert sind, müssen davon überzeugt werden, sich impfen zu lassen. "Das Problem ist ja immer die Zeit und die Zeit rennt uns gerade weg", sagt Brinkmann. Und deswegen fragt Moderatorin Anne Will auch in dieser Sendung nach der Impfpflicht. Dass eine solche für Berufsgruppen kommen soll, die Kontakt zu vulnerablen Gruppen haben, begrüßt Brinkmann. Doch das sei angesichts der schieren Gruppengröße der Ungeimpften nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD)

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Arbeitsminister Heil hält die Debatte um eine allgemeine Impfpflicht, wie sie etwa in Österreich kommen soll, für verfrüht. Darüber ließe sich nur diskutieren, wenn es ein Konzept gebe, wie diese Pflicht rechtssicher umzusetzen sei. Psychologin Betsch sieht dagegen eine aufkeimende Präferenz dafür. Das Thema müsse ihrer Meinung nach enttabuisiert werden.

Ein "Fenster der Handlungsbereitschaft"

Betsch ist Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und Leiterin des "Covid-19 Snapshot Monitoring" (COSMO), das sich seit dem vergangenen Jahr grob gesagt mit dem Befinden der Bevölkerung in einer globalen Pandemie befasst. Bei der Auswertung von Bürger-Befragungen habe sich gezeigt, dass sich ein "Fenster der Handlungsbereitschaft" öffnet, sobald die Fallzahlen hochgehen und sich dementsprechend die Risikowahrnehmung steigert. Die Menschen würden vorsichtiger und empfänglicher für Impfaufrufe. Es gebe nur dann ein Vertrauensproblem, wenn auf ein dramatischeres Infektionsgeschehen keine Reaktion aus der Politik komme und Maßnahmen auf sich warten ließen.

Die Politik müsse sich schon jetzt Gedanken machen, was passiert, wenn die vierte Welle tatsächlich gebrochen sein sollte, erläutert Betsch. Denn auch dann bedürfe es einer deutlich höheren Impfrate. Boostern allein reiche nicht, denn die jetzige Quote von rund 68 Prozent vollständig Geimpfter wäre zwar bei der Ursprungsvariante von Sars-CoV-2 ausreichend gewesen, ist es aber nicht bei der Delta-Mutante, die so viel infektiöser ist, sagt Brinkmann. Doch auch davor wurde bereits gewarnt.

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FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann treibt derweil etwas ganz anderes um. "Ich glaube, dass wir soziale Verwerfungen haben in einer Form, wo wir noch in Jahren das merken, was gerade passiert." Sie berichtet von Studierenden, die noch nie eine Universität von innen gesehen und Senioren, die den Kontakt zur Außenwelt verloren haben. Die Verteidigungspolitikerin bemüht ein militärisches Bild. Sie mache sich Sorgen um die "Resilienz" des Volkes. "Was ist eigentlich, wenn mal ein Angriff auf uns erfolgt und das ist ja de facto einer, dass wir gar nicht mehr die Kraft haben, da zusammenzurücken, sondern eine solche Verwerfung haben", führt sie aus. Diese menschlichen Probleme dürften bei all den gesundheitlichen Herausforderungen nicht außer Acht gelassen werden.

An Stellen wie diesen zerfasert die Sendung. Moderatorin Will vermag die vielen Anekdoten ihrer Gäste nicht einzufangen. Am Ende muss sie Strack-Zimmermann abrupt aus ihren Gedanken reißen und ungalant zu den "Tagesthemen" überleiten. Das ist nicht schön zu beobachten. Aber was ist in der aktuellen Virus-Misere schon schön?

Quelle: ntv.de

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