Politik

Linnemann verteidigt Pflichtjahr "Für den Zusammenhalt ist das ganz wichtig"

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Wenn es nach Carsten Linnemann geht, soll auch das Technische Hilfswerk mit einbezogen werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine sorgen sich viele um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Vergangenes Wochenende schlägt Bundespräsident Steinmeier eine Debatte über einen "sozialen Pflichtdienst" vor. CDU-Vize Carsten Linnemann springt ihm bei. Er rechnet vor, dass es in sechs Jahren ein Gesellschaftsjahr geben könnte.

ntv.de: Herr Linnemann, Sie kämpfen schon lange für eine Form des sozialen Pflichtdienstes für junge Menschen, warum?

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Seit 2022 ist Carsten Linnemann stellvertretender Parteivorsitzender der CDU und Vorsitzender der CDU-Programmkommission.

(Foto: picture alliance/dpa)

Carsten Linnemann: Die Gesellschaft wird immer pluralistischer, bestimmte Milieus begegnen sich nicht mehr. Gleichzeitig nimmt die Digitalisierung immer mehr Raum ein und führt dazu, dass wir uns zunehmend in Blasen bewegen. Meiner Meinung nach würde ein solches Gesellschaftsjahr - so nenne ich es - die Bindekräfte in unserer Gesellschaft stärken und gleichzeitig die jungen Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. Eines möchte ich aber betonen: Die Idee eines Gesellschaftsjahres hat nichts mit der alten Wehrpflicht zu tun. Es geht darum, alle jungen Menschen nach der Schule zu erreichen, und zwar indem wir ihnen ein breites Angebot für den Dienst an der Gemeinschaft anbieten. Sei es etwa bei sozialen Diensten, bei der Bundeswehr oder auch im europäischen Ausland.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stieß mit seinem Vorschlag besonders bei Grünen und FDP auf Abwehr. Können Sie die Kritik nachvollziehen - vor allem, wenn es um den Zeitpunkt geht?

Nein. Die Debatte hätte eigentlich schon bei der Abschaffung der Wehrpflicht geführt werden müssen. Wir spüren doch schon seit längerer Zeit, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

Vor allem für junge Menschen ist der Zeitpunkt dennoch kritisch. Schülerinnen und Schüler waren lange im Home Schooling, Studierende haben Hörsäle zwei Jahre lang nur virtuell gesehen. Und nun noch ein Pflichtjahr?

Vielleicht sollte ich eins klarstellen: Ein solches Gesellschaftsjahr soll sich künftig an Schulabgänger richten und nicht an junge Leute, die bereits mitten im Studium oder in der Ausbildung sind. Zudem ist mein Blickwinkel ein anderer: Ich will, dass die jungen Menschen nach der Schule mal den Kopf frei bekommen, sich mitten ins Leben stürzen und gleichzeitig wertvolle Kompetenzen erwerben. Ich war selbst bei der Bundeswehr. Meine Begeisterung dafür hielt sich anfangs in Grenzen, denn ich wollte nach der Schule eigentlich sofort ein duales Studium beginnen. Damals dachte ich, was für eine Zeitverschwendung! Doch schon während des Dienstes habe ich meine Meinung geändert und kann heute sagen, dass diese Zeit Gold wert war. Auch keiner der Zivildienstleistenden, die ich kenne, hat diese Monate im Nachhinein als verschwendete Zeit empfunden.

Es gibt den Vorschlag, dass auch ältere Menschen - etwa rund um das Renteneintrittsalter - einen Pflichtdienst absolvieren sollten.

Richard David Precht hat bereits vor mehr als zehn Jahren diesen Vorschlag gemacht. Ich kann den Impuls zwar verstehen, aber das sind für mich zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Mir geht es vor allem um die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen.

Einige Wohlfahrtsverbände, die ja mit der Umsetzung zu tun hätten, haben sich zuletzt skeptisch geäußert. Der Präsident der Diakonie, Ulrich Lilie, sagte etwa, dass weitere Anreize und bessere Rahmenbedingungen besser seien als eine Pflicht.

Anscheinend gehen die Meinungen zu diesem Thema querbeet. Bei mir kommen jedenfalls andere Rückmeldungen an. So spricht sich etwa der Feuerwehrchef in meinem Wahlkreis klar dafür aus. Und auch der Caritas-Chef dort unterstützt die Idee.

Manche befürchten, dass soziale Berufe entwertet würden, wenn dort viele Ungelernte arbeiten. Es könnte das Signal senden, dass es keine Fachkräfte für diese Berufe braucht.

Diese Gefahr besteht nicht, denn viele Tätigkeiten im Pflegebereich dürften die jungen Menschen gar nicht ausführen, da dort eine Qualifizierung verlangt wird. Beim Zivildienst gab es dieses Argument nie - im Gegenteil: Der von mir zitierte Caritas-Chef sieht es genau andersherum. Soziale Berufe würden aufgewertet, weil wir mit einer Pflicht sogar das Interesse von jungen Menschen wecken würden, die wir normalerweise gar nicht erreicht hätten.

Für ein Freiwilliges Soziales Jahr gibt es maximal 423 Euro Taschengeld pro Monat. Kann sich das jemand, der gerade aus der Schule kommt und kein wohlhabendes Elternhaus hat, überhaupt leisten - statt sofort zu arbeiten?

Wenn wir das Gesellschaftsjahr einführen, dann müssen die jungen Menschen auch abgesichert sein. Da werden 400 Euro nicht ausreichen. Wenn wir 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr ausgeben, dann sollte uns auch der gesellschaftliche Zusammenhalt etwas wert sein. Wir müssen Prioritäten in Zukunft ohnehin neu setzen, da würde ich den gesellschaftlichen Zusammenhalt weit oben ansiedeln.

Wie sehen Ihre weiteren Planungen aus?

Als Nächstes werden wir als CDU die Einführung eines Gesellschaftsjahres auf dem Parteitag im September debattieren. Sollte es dort verabschiedet werden, würde ich mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass es auch ins nächste Wahlprogramm kommt. Die nächste Bundestagswahl ist 2025. Rein theoretisch könnten wir dann also ein solches Gesellschaftsjahr in das Regierungsprogramm hineinverhandeln. Mal angenommen, das würde gelingen, bräuchte es aber noch zwei bis drei Jahre für die Umsetzung, allein um die Strukturen aufzubauen.

Es gibt auch andere ökonomische Aspekte. Wer nach der Schule ein Gesellschaftsjahr macht, beginnt auch ein Jahr später mit Studium oder Ausbildung. In Zeiten von Fachkräftemangel fehlt dann jemand.

Auch das sehe ich anders. Man könnte das Gesellschaftsjahr auch berufsbegleitend anbieten. Beispielsweise für fünf bis sieben Jahre beim THW oder bei der Feuerwehr. Zudem wäre es auch eine Chance, der fortschreitenden Akademisierung ein bisschen entgegenzuwirken. Immer weniger junge Menschen wollen eine Ausbildung machen, sondern nach dem Abi sofort studieren. Darunter sind mit Sicherheit einige, die in einem praktischen Beruf glücklicher wären. Das Gesellschaftsjahr kann Einblicke in praktische Berufe geben. Gleichzeitig werden soziale Kompetenzen vermittelt, die - wenn man sich mit Arbeitgebern unterhält - im Berufsleben immer wichtiger werden.

Nach Angaben der Bundesregierung engagieren sich derzeit 100.000 junge Menschen bei Freiwilligendiensten. Für die Zahl der Interessierten reichen die Stellen oft nicht aus. Müssten bestehende Kapazitäten nicht einfach ausgebaut werden?

Auf jeden Fall. Wir müssen noch weiter ausbauen, wenn wir den Dienst verpflichtend machen.

Wenn es aber schon eine große Bereitschaft gibt, braucht es dann noch die Pflicht?

Ja, denn wir müssen genau diejenigen in den Blick nehmen, die wir mit einem Freiwilligendienst nicht erreichen. Das sind vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Milieus. Sie aber würden von einem solchen Dienst am meisten profitieren. Aber nochmals: Mit einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr bringen wir die verschiedenen Milieus wieder mehr zusammen. Für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist das ganz wichtig.

Aber ist es wirklich die Aufgabe der jungen Leute, für diesen Zusammenhalt zu sorgen? Wenn wir beispielsweise über den Bildungsbereich sprechen, sind dann nicht eher Staat und Eltern in der Pflicht, Kinder aus unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammenzubringen?

Ja, in der Sache stimme ich Ihnen zu, aber das allein wird nicht ausreichen. Denn keine Schule kann das praktische Leben ersetzen.

Mit Carsten Linnemann sprach Sebastian Schneider

Quelle: ntv.de

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