Politik

Rechtsradikal und fanatisch Hanauer Täter fühlte sich als "Genie"

Der mutmaßliche Hanauer Täter hinterlässt Dokumente und Videos, in denen er Einblick in sein Denken gibt. Darin finden sich Rechtsextremismus, Verschwörungstheorien, Größenwahn und Frauenhass.

Zehn Menschen ermordete der Täter von Hanau, bevor er sich schließlich selbst tötete. Die meisten Opfer haben einen Migrationshintergrund, der Täter suchte nach diesen Menschen gezielt in zwei Shisha-Bars der osthessischen Stadt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sprach in einer Telefonkonferenz der Innenminister von einem rechtsradikalen Hintergrund der Gewalttat. Zunächst hatten sich die Ermittler in diesem Punkt nicht festgelegt und gesagt, es könne sich um "eine Beziehungstat oder eine wahllos begangene Tat" handeln.

Allerdings hinterließ der 43-Jährige auf seiner inzwischen nicht mehr erreichbaren Webseite ein 24-seitiges Manifest. Es gibt einen Einblick in sein Denken. Daraus wird deutlich: Offenbar hat er über Jahre sein zerstörerisches Weltbild entwickelt, das aus Rechtsextremismus, Verschwörungstheorien, Verfolgungs- und Größenwahn, Frauenhass und religiösem Fanatismus besteht.

Tobias R. war seiner Darstellung zufolge davon überzeugt, dass er seit frühester Kindheit überwacht wurde und Fremde seine Gedanken lesen konnten. Als Beweis dafür führt er an, dass der Irak- und der Afghanistan-Krieg auf eine Weise geführt wurden, die er für richtig erachtet habe. Außerdem habe er lediglich über seine Gedanken für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 das Trainer-Manager-Gespann aus Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff und an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl "Internationales Management" initiiert. Auf seine Gedanken gingen demnach mehrere Hollywood-Filme und die Präsidentschaft von Donald Trump zurück. Es gebe etliche weltgeschichtliche Ereignisse, die auf seinen Willen zurückzuführen seien, unter anderem führt er die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA an.

Größenwahn und psychische Probleme

R. folgt in seinen Ausführungen immer wieder der gleichen Logik: Er hat aufgrund seiner außergewöhnlichen "Gehirnkapazität" besondere Gedanken, die von einer Geheimorganisation überwacht und anschließend umgesetzt werden. Davon fühlt er sich gleichzeitig geehrt und bedroht. Nach eigenen Angaben hat er 2002, 2004 und 2019 bei verschiedenen Polizeidienststellen Anzeigen wegen illegaler Überwachung gestellt, die aber ohne Ergebnis blieben. Außerdem habe er sich an verschiedene Privatermittler gewandt und Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft in Hanau und beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe eingereicht.

Seine "Überwacher" seien Deutsche mit starken Verbindungen in die USA. Ihr Vorgehen stehe in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Kalten Krieg. Allerdings will R. an sich selbst auch körperliche Verletzungen "satanischen Ursprungs" festgestellt haben. Ähnliche Aussagen finden sich auch in dem Video, das er wenige Tage vor den Hanauer Todesschüssen auf Youtube veröffentlichte. Darin spricht er auf Englisch von unterirdischen Militäreinrichtungen in den USA, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt.

Zu Beginn seines Manifests entwirft der 43-Jährige, der nach seinen Bluttaten auch seine Mutter und schließlich sich selbst getötet hatte, ein komplexes rechtsradikales Gedankengefüge. Darin stellt er einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem "schlechten Verhalten bestimmter Volksgruppen" und deren "kompletter Vernichtung" her. Das betreffe: "Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Israel, Syrien, Jordanien, Libanon, die komplette saudische Halbinsel, die Türkei, Irak, Iran, Kasachstan, Turkmekistan (sic), Usbekistan, Indien, Pakistan, Afghanistan, Bangladesh, Vietnam, Laos, Kambodscha bis hin zu den Philippinen." R. benutzt Begriffe wie "Säuberung" und "reinrassig", die er anschließend mit religiösen Ideen wie der Wiedergeburt und eines Paradieses auf Erden verbindet. Den Islam schließt er als "destruktiv" aus.

Ausdrücklich geht er auf das Thema "Frauen" ein. Mehrfach betont der Mann, der nach den Angaben auf seiner Webseite Bankkaufmann gelernt und ein BWL-Studium abgeschlossen hatte, dass er nie eine feste Freundin hatte. Er begründet das mit seinen besonders hohen Ansprüchen, vor allem an das Äußere seiner Partnerin. Der deutsche Politikwissenschaftler Peter R. Neumann schrieb bei Twitter, für ihn sei der Mann ein sogenannter Incel. Diese sogenannten "Involuntary Celibates", unfreiwillig Enthaltsamen, hassen Frauen. Sie fühlen sich als Opfer, weil ihnen weibliche Liebe, Intimität und Sex aus ihrer Sicht vorenthalten werden. Gleichzeitig werden Frauen im Bestreben nach Überlegenheit entmenschlicht.

Diese verschiedenen Argumentationsketten führt R. in dem Schluss zusammen, dass er handeln müsse, wie er es getan habe. An anderer Stelle verweist er in dem Dokument auf seinen schriftlichen Nachlass, was zumindest den Schluss zulässt, dass er mit der Ermordung mehrerer Menschen öffentlich wahrgenommen werden wollte.

Quelle: ntv.de