Politik

Müder Wechsel in München In der CSU herrscht keine Spur von Euphorie

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Da lächeln sie beide: Söder überreicht Seehofer die Urkunde, die ihn zum Ehrenvorsitzenden erklärt.

(Foto: dpa)

In der CSU endet eine Ära. Die Partei gibt sich einen neuen Chef und befördert Seehofer umgehend zum Ehrenvorsitzenden. Der Wechsel an der Spitze wirkt allerdings eher wie ein Verwaltungsakt. Es ist die Zeit der Appelle, die dann auch noch verhallen.

Um kurz vor halb eins atmet Markus Söder durch. Soeben hat ihn der Sonderparteitag zum neuen CSU-Chef gewählt. Fünf Minuten später ist Vorgänger Horst Seehofer per Akklamation zum dritten Ehrenvorsitzenden der Christsozialen gekürt. Weitere drei Minuten später ist der Wechsel an der Parteispitze vorbei. Ein letztes Mal lassen Söder und Seehofer keine Gelegenheit aus, sich zu gegenseitig zu bescherzen. Doch was witzig sein soll, zeigt nur noch einmal, weshalb der Wechsel Monate dauerte. Dabei leckt die Partei noch immer ihre Wunden, die ihr bei der Landtagswahl geschlagen wurden. Und so wirkt der Wechsel an der Spitze auch eher wie ein Verwaltungsakt. "Es gibt keinen Grund für Euphorie", sagt ein Delegierter.

Schon der Einzug von Söder und Seehofer in die Halle fällt nüchtern aus. Kein Applaus brandet auf. "Krönungsmessen wie früher gibt es nicht mehr", sagt Andreas Schmalcz vom Bezirksverband München. Viele Delegierte sprechen von würdevoller Verabschiedung und einem Zeichen des Aufbruchs. Mario Rabenbauer aus Tischenruth nennt es einen "wichtigen, sauberen Schnitt". Die 87,4 Prozent für Söder werden mehrheitlich als "ehrliches" Ergebnis gewertet. Manch einer hätte ihm mehr gewünscht. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass Söder nicht nur Freunde in der Partei hat", sagt Schmalcz. Immerhin sei der "sehr langwierige Wechselprozess" nun endlich abgeschlossen, wie Benjamin Taitsch aus Niederbayern sagt.

Seehofer: "Vergesst mir die kleinen Leute nicht"

Zuvor hatte Seehofer in seiner wahrscheinlich kürzesten Rede als Parteichef die geschundene Seele der Partei gestreichelt. Es sei die "Realisierung eines Lebenstraums" gewesen, Parteichef zu sein, immerhin mehr als zehn Jahre. In dieser Zeit sei ihm die "Partei ans Herz gewachsen", und selbstverständlich müsse man als Vorsitzender "alles vermeiden, was Schäden am Herz" auslöst. Das möge künftig bitte Markus Söder tun, der als Ministerpräsident bewiesen habe, Aufgaben "gut, sehr gut" bewältigen zu können. Nur eines noch: "Vergesst mir die kleinen Leute nicht", gibt Seehofer mit auf den Weg. Mehr als 3700 Tage als Chef der CSU enden mit dreieinhalb Minuten Applaus. Kanzlerin Angela Merkel hatte vor gut eineinhalb Monaten bei ihrem Rücktritt von der Parteispitze mehr als neun Minuten Applaus erhalten.

Sein Horoskop, erzählt Seehofer noch, sage, dass er keineswegs sein Gesicht verlöre, revidiere er bereits getroffene Entscheidungen. "Noch vor zehn Jahren hätte ich es als Auftrag empfunden. Heute fehlt mir die Risikobereitschaft." Söder kann dies nicht unkommentiert lassen. Seine Sterne raten ihm, keine Aufgabe zu scheuen, wie dieser erzählt.

Zum Abschied spendiert die Partei Seehofer ein Modell der CSU-Zentrale für die heimische Modelleisenbahn. Dies löse in ihm vielleicht den Wunsch aus, "da wieder einzuziehen", sagt Seehofer dazu. Da keime die Hoffnung, Hoffnung führe zu Bewerbungen. "Und Bewerbungen sind nie aussichtslos. Ich bin ja erst 70." Auch hier hat Söder das letzte Wort: Es sei damit nun aussichtslos, erklärt er ihm später bei der Unterzeichnung der Urkunde für die Ehrenmitgliedschaft.

Söder hatte zuvor vorgeschlagen, dass Seehofer in eine Reihe mit Edmund Stoiber und Theo Waigel rückt. Er verweist auf eine "große Lebensleistung". Seehofer habe sich um die "Geschichte der Partei und um diese Partei verdient gemacht". Gefühlt bleibt es bei diesen drei Sätzen, in denen Söder den Namen Seehofer nennt, ohne sich anschließend selbst im Satz unterzubringen.

Kampf um die Staatskanzlei - Parteiamt als Bonus

Söder tritt nun in beiden Ämtern in die Fußstapfen Seehofers. Für den Einzug in die Staatskanzlei hat er so heftig gekämpft, wie Seehofer es verhindern wollte. Die Bandagen waren hart. "Wir haben uns geprüft", sagt Söder nun. Vor allem, so scheint es, haben sie in der Nachfolge-Debatte die Partei strapaziert. "Macht's gut", sagt Seehofer zum Abschied.

Nun soll es der 52-Jährige richten. Jünger und weiblicher soll die Partei werden. Ein entsprechender Leitantrag wird ohne Debatte angenommen. Es sei schwierig, junge Leute für die Politik zu gewinnen, sagt Taitsch. Der Partei fehle das Selbstbewusstsein, ihre Erfolge zu verkaufen, sagt Schmalcz. Die Sorgen der Menschen wieder wahrzunehmen, fordert Taitsch. Und die Parteispitze müsse sich nun zusammenreißen. Das Ergebnis der jüngsten Landtagswahl sei noch nicht verdaut, sagt Manuel Mück aus Freising. Schmalcz spricht von einer deprimierten Basis in München.

Söder liefert mit seiner Bewerbungsrede in den Augen vieler Delegierter ein kraftvolles Aufbruchsignal. Tatsächlich ist der Applaus während seiner Ausführungen aber bestenfalls spärlich. Es ist eine normale Parteitagsrede. Söder versucht, Zwischenapplaus mit Lautstärke zu erzwingen. Erst am Ende, als er die Grünen angeht, wird die Resonanz lebhafter. "Erneuerung braucht Zeit und Geduld", sagt er. Es werde Rückschläge geben. Immerhin werde schon im Mai wieder gewählt - und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in bayerischen Kommunen. Und Wahlen sind die Währung für einen Politiker

Keine Rückschläge soll es derweil im neuen guten Verhältnis zur CDU geben. Er werbe für einen "Neuanfang von CDU und CSU". Beide sollen wieder miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. "Effizienz statt Effekt" möge das Leitmotiv für 2019 sein und auch für die GroKo gelten.

AKK: "Wir sind und waren eine politische Familie"

Die frisch gewählte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wird später von "Brüdern und Schwestern" reden. "Wir sind und waren eine politische Familie." Man streite zusammen, doch wenn die Nachbarn kämen, halte man zusammen. Der Rest ist bekannte Programmatik. Die flammendste Rede hält Europwahl-Spitzenkandidat Manfred Weber.

Und wie beginnt der Aufbruch, das neue Zusammenarbeiten? Es gestaltet sich zumindest bei der CSU holprig. Inmitten der Antragsberatung zweifelt ein Delegierter die Beschlussfähigkeit an. Zu viele Delegierte sind nach der Wahl des Parteichefs abgereist. Dies beobachte er seit Jahren, nun sei Schluss, moniert er. Mit Mühe rettet die Antragskommission die noch offenen Anträge auf einen Sonderparteitag. Dann ist Schluss in München.

Dabei hatte Generalsekretär Markus Blume zur Eröffnung noch gemahnt: "Wir haben in diesem Jahr viel vor." 2019 solle ein Jahr des Aufbruchs und der Geschlossenheit werden. Doch wie sagte Söder? Es werde Rückschläge geben.

Quelle: n-tv.de

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