Politik

"Ich wusste nicht, was passiert" Kemmerichs Frau spricht über die Wahl

129320952.jpg

"Der unwahrscheinlichste Ministerpräsident dieser Republik."

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit den Worten "Das wird nie was" beruhigt Kemmerich seine Familie. Wenig später ist der Chef einer Fünf-Prozent-Partei Ministerpräsident. Eine Welle der Empörung überrollt die Thüringer Politik. Sie trifft mit voller Wucht auch die Familie, wie seine Frau erzählt.

In der Rückschau klingt der Plan naiv - seine Folgen indes sind gravierend. Sollte bei der Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten vor dem dritten Wahlgang noch keine Entscheidung gefallen sein, trete er an, sagte FDP-Landeschef Thomas Kemmerich vor wenigen Tagen. Voraussetzung sei, dass die AfD einen eigenen Kandidaten stelle und es eine Absprache mit der CDU gebe. Mit den Worten, "Schatz, mach dir keine Sorgen, ich werde nicht Ministerpräsident", beruhigte der sechsfache Vater laut seiner Frau Ute daheim die Familie. Es kam dramatisch anders - für den politischen Betrieb, den 54-Jährigen und auch für seine Familie.

Denn plötzlich ist Kemmerich Ministerpräsident eines Bundeslandes. Im Rücken hat er eine Fraktion, die nur hauchdünn in den Erfurter Landtag eingezogen war. Diese hat ihn am vergangenen Mittwoch zusammen mit CDU und AfD mit einer Stimme Mehrheit in die Staatskanzlei gehievt. Das scheinbar Unmögliche ist geschehen. Der kluge Thüringer Politikdeuter Martin Debes spricht vom "unwahrscheinlichsten Ministerpräsident", den diese Republik jemals sah.

Damit habe niemand gerechnet. "Ich habe es überhaupt nicht begriffen. Ich komme von der Arbeit nach Hause, und da steht schon die Polizei. Ich wusste überhaupt nicht, was jetzt passiert", sagt seine Frau wenig später dem MDR.

Er nehme die Wahl an, sagt Kemmerich nach dem überraschenden Ausgang der Abstimmung. Seine Frau versucht, diesen Schritt mit einem Vergleich zu erklären: In Quizshows etwa brächte selbst die einfachste Frage manchen aus dem Konzept. Er sei perplex gewesen und habe nicht realisiert, wer ihn gewählt habe. So geht es in den folgenden Stunden auch der Bundespartei und Teilen der CDU. "Mein Mann hat nie und wird auch nie irgendwas mit der AfD planen, machen, tun - wie auch immer", sagt sie. Die Welle der Empörung trifft die Partei mit voller Wucht, ebenso die Familie.

Ohnmacht wie in einer Quizshow

Schnell sei das Netz voll gewesen mit Anfeindungen und heftigen Beleidigungen, sagt sie. Sorgen machte sie sich vor allem um die sechs Kinder, die auch in der Schule unter Beschuss stünden. Einen Sohn holt der Vater aus der Schule. Vor dem Haus stehen plötzlich Menschen. Damit ändert sich die Meinung der Familie zum Thema Polizeischutz.

Ein FDP-Sprecher sagt, Kemmerichs Frau sei auf der offener Straße angespuckt worden. In einem Supermarkt hänge eine Art Fahndungsfoto von ihm. Bundesweit sind Vertreter der FDP seit der Wahl Anfeindungen ausgesetzt. Gebäude werden beschmiert, Veranstaltungen vereinzelt gestört. Das Maß der Anfeindungen sei bedenklich, sagt der Sprecher. "Wir erleben gerade eine absolute Eskalation, so etwas habe ich noch nie erlebt", sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle der "Welt".

Das Thema Neuwahl scheint derweil verbaut. CDU und AfD haben Klage gegen das Paritätsgesetz eingereicht. Die FDP beantragt im Landtag dessen Aufhebung. Das Gericht aber entscheidet nicht, solange dieser Antrag in der Schwebe ist. Das Gesetz besagt, dass die Landeslisten der Parteien für eine Wahl abwechselnd mit Männern und Frauen besetzt werden müssen. Ohne endgültige Entscheidung aber können keine rechtssicheren Listen erstellt werden. Eine Neuwahl, fasst Ramelow zusammen, trage also zum jetzigen Zeitpunkt bereits "den Keim der Niederlage, nämlich der Nichtigkeit" in sich. Es droht eine monatelange Hängepartie mit allen Konsequenzen für Regierbarkeit des Landes und Haushaltserstellung.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa