Politik

Psychotherapeutin auf Lesbos "Kinder sagen, sie wollen nicht mehr leben"

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Tagsüber sind die Temperaturen auch im Winter oft knapp zweistellig, doch nachts wird es eisig in Kara Tepe, direkt am Meer.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die norwegische Psychotherapeutin Katrin Glatz-Brubakk ist zum neunten Mal binnen fünf Jahren im Einsatz für die Bewohner der Flüchtlingslager auf Lesbos. Im Auftrag der Organisation Ärzte ohne Grenzen behandeln dort Teams aus jeweils vier Psychotherapeuten Kinder und Erwachsene, die im Flüchtlingslager Kara Tepe leben - dem Nachfolger des abgebrannten Camps Moria. Im Interview mit ntv.de beschreibt Glatz-Brubakk unerträgliche Zustände - und Kinder, die sich aus Verzweiflung selbst verletzen.

ntv.de: Frau Glatz-Brubakk, rund fünf Monate ist es her, dass das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos abgebrannt ist. Die Menschen wurden danach in Kara Tepe untergebracht, wo sie nun den Winter über ausharren. Wie sind sie dort untergebracht?

Katrin Glatz-Brubakk: Damals hieß es: "Nie wieder Moria!" Europa hatte Besserung versprochen. Aber die Menschen hier leben seitdem in Zelten, ohne Heizung und ohne Strom. Es gibt keinen Ort, wo man sich aufhalten kann, außer draußen bei Wind und Regen oder eben im Zelt. Das müssen sich die Familien mit anderen teilen. Jede Familie hat vier Quadratmeter, also in etwa die Fläche eines Doppelbettes.

Es hat in den vergangenen Wochen teils stark geregnet auf Lesbos, die Nachttemperaturen bewegen sich um die null Grad…

…und das Camp liegt direkt am Meer. Plastikplanen auf den Zelten sollen vor Regen schützen, doch die halten auch die Feuchtigkeit im Zelt und schützen bei starken Regenfällen nicht wirklich. Es ist also immer kalt und klamm im Zelt. Nasse Kleidung und Decken trocknen nicht. Die Menschen frieren und starken Windböen halten die Zelte nicht stand. Aber die griechische Regierung behauptet, dass hier alles winterfest ist.

Wie ist die hygienische Versorgung?

Seit einem Monat kann jeder Bewohner einmal pro Woche Duschcontainer benutzen. Ansonsten müssen sich die Menschen draußen in der Kälte mit Wasser aus dem Hahn waschen. Es gibt keine Sanitärräume. Viele leiden deshalb an der Hautkrankheit Krätze. Die kommt auch bei Behandlung immer wieder, weil die Menschen ihre Kleidung nicht heiß waschen können.

Und die Toiletten?

200 Menschen teilen sich jeweils eine Chemietoilette, die deshalb oft schmutzig ist. Wenn die Toilettenboxen im Wind umkippen, sind sie total verdreckt. Kinder und Erwachsene sagen uns, dass sie so wenig wie möglich essen und trinken, damit sie diese ekligen Toiletten nicht benutzen müssen. Das ausgeteilte Essen ist aber ohnehin oft zu wenig oder vergammelt.

Von den rund 7500 Bewohnern von Kara Tepe sind ein Drittel Kinder. Was machen die Menschen den ganzen Tag?

Nichts, abgesehen vielleicht von einem Sprachkurs, den Geflüchtete selbst organisiert haben. Die Tage haben keinen Zweck. Fast 80 Prozent der Menschen, die in Kara Tepe leben, kamen vor November 2019 auf Lesbos an. Sie leben also mindesten seit einem Jahr und vier Monaten in Lagern. Es sind total inhaltslose Tage. Das zermürbt die Kinder psychisch.

Was erfahren Sie in Ihrer Arbeit mit den Kindern?

Viele Kinder sind vor der Flucht, währenddessen oder beim Feuer in Moria traumatisiert worden. Traumatisierte Kinder brauchen aber das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, Sicherheit und Voraussehbarkeit. Im Camp gibt es nichts davon. Sie fürchten sich viel.

Wovor haben die Kinder Angst?

Sie fürchten sich, weil es Messerstechereien gibt im Lager; weil sie mitbekommen haben, dass hier im Dezember eine Dreijährige vergewaltigt und schwer verletzt wurde. In der vergangenen Woche kam ein Mädchen zu uns, das mitansehen musste, wie ihr Vater bei den Toiletten ein Messer an die Kehle gedrückt bekam, damit er alle seine Wertsachen herausrückt. Die Kinder fürchten sich bei Wind, weil das Zelt zusammenbrechen könnte oder weil das Windgeräusch sie an die Überfahrt nach Griechenland erinnert.

Was macht diese ständige Angst mit den Kindern?

In den schlimmsten Fällen ziehen sich die Kinder ganz von der Welt zurück. Wir haben Patienten, die seit acht Monaten nicht mehr sprechen und das Zelt nicht verlassen. Manche Kinder sind so apathisch, dass sie gefüttert werden müssen; Achtjährige, die wieder Windeln brauchen. Kinder sagen uns, dass sie nicht mehr leben wollen, weil sie keine Hoffnung haben.

In welchem Alter äußern die Kinder so etwas?

Die Jüngste, die wir betreut haben, war acht. Diese Kinder können einfach nicht mehr, sie haben nicht die Kraft für einen weiteren Tag im Lager.

Und die ganz Kleinen?

Jüngere Kinder, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können, neigen zur Selbstschädigung. Sie reißen sich die Haare aus, beißen sich selbst, bis sie bluten oder knallen den Kopf gegen Wand oder Boden, um diese Unruhe rauszukriegen. Wir sehen Kinder mit schweren Panikattacken, oft mehrmals die Woche. Die Kinder haben panische Angst, dass ihnen wieder etwas passiert. Was seit dem Brand neu dazugekommen ist, ist das Schlafwandeln.

Wieso?

Die Kinder träumen, dass es wieder brennt und sie um ihr Leben laufen müssen. Manche Kinder sind im Schlaf ins Wasser gerannt, weil das Lager direkt am Meer liegt. Die Eltern haben Angst, dass die Kinder ertrinken. Manche binden ihre Kinder nachts am Arm an, denn die Zelte haben keine Türen.

Was können Sie tun, um den Kindern zu helfen?

Wir versuchen, bei den Kindern die Widerstandskraft zu stärken. Viele von ihnen waren schon vor der Flucht traumatisiert. Durch die Bedingungen in den Camps sind ihre Krankheiten schlimmer geworden. Unser Ziel ist, Zuversicht zu wecken, indem wir über ihre Wünsche für die Zukunft oder gute Erinnerungen reden. Im Kern helfen wir diesen Kindern, Kraft zu finden, eine Situation auszuhalten, in der sie eigentlich nicht sein sollten.

Was macht diese Erfahrung mit Ihnen persönlich?

Seit fünf Jahren komme ich immer wieder her und es ist nur schlechter geworden. Manchmal bin ich zutiefst traurig, weil ich das Leiden jeden Tag sehe. Wenn man einmal versucht hat, einen Acht- oder Zehnjährigen Händchen haltend vom Weiterleben zu überzeugen; davon, dass es Hoffnung gebe und dann blickt man in diese leeren Augen: Das vergisst man nicht. An manchen Tagen packt mich auch die Wut, denn diese Situation ist keine Naturkatastrophe, die wir nicht verhindern konnten. Das ist politisch gewollt. Wenn man wollte, könnte man alle 8800 Menschen hier auf Lesbos schon morgen an einen sicheren Ort bringen. Es fehlen nur die Unterschriften von ein paar Politikern.

Mit Katrin Glatz-Brubakk sprach Sebastian Huld

Quelle: ntv.de