Politik

Fischsterben in der Oder Lemke vermutet Vergiftung durch chemische Substanzen

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Mit einem flexiblen Damm werden in Polen tote Fische aus der Oder geholt.

(Foto: dpa)

Noch ist unklar, woran viele Fische in der Oder sterben. Bundesumweltministerin Lemke fordert dazu Informationen von Polen. Dort war das Fischsterben bereist im Juli bekannt - dass die Kenntnisse nicht weitergeleitet wurden, kommt auf der deutschen Seite gar nicht gut an.

Das massive Fischsterben in der Oder geht nach Angaben von Bundesumweltministerin Steffi Lemke möglicherweise auf eine Vergiftung durch chemische Substanzen zurück. "Mir liegen dazu bisher keine Erkenntnisse vor. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass es sich um chemische Substanzen aus industrieller Produktion handelt", antwortete die Grünen-Politikerin bei einem Treffen mit Vertretern der polnischen Regierung in Stettin auf eine Journalistenfrage nach der Ursache. "Aber wir wissen das nicht abschließend", hob Lemke hervor. "Deshalb muss mit Hochdruck zusammengearbeitet werden, um das zu klären."

Weiter sagte Lemke, man habe lösungsorientiert diskutiert und "gute und gemeinsame Schritte" vereinbart. Dazu zählen insbesondere Verbesserungen bei den Informationsketten. Hier habe es in den vergangenen Tagen Versäumnisse gegeben. Die deutsche Seite sei zunächst durch Angler über das Fischsterben informiert worden. Ziel sei nun die Schadensminimierung, die Information und der Schutz der Bevölkerung sowie die Identifizierung des Verursachers der Umweltkatastrophe.

Lemke dankte zudem den haupt- und ehrenamtlichen Helfern, die bereits Unmengen an toten Fischen aus dem Grenzfluss geborgen haben. "Es ist klar, dass wir uns einer wirklich schlimmen Umweltkatastrophe gegenübersehen", sagte die Ministerin. Die Auswirkungen, die sich möglicherweise auf Jahre erstrecken könnten, seien noch nicht absehbar.

Die Ministerin tauschte sich in Stettin mit der polnischen Umweltministerin Anna Moskwa und dem polnischen Infrastrukturminister Andrzej Adamczyk aus. Auch die Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, Till Backhaus von der SPD und Axel Vogel von den Grünen, waren zu dem Krisentreffen in Polen geladen.

Bisher keine toxischen Substanzen entdeckt

Bei Laboruntersuchungen von verendeten Fischen wurden nach Angaben von Polens Regierung bislang keine toxischen Substanzen entdeckt, die das Fischsterben verursacht haben. Die Fische seien auf Quecksilber und andere Schwermetalle untersucht worden, sagte Polens Umweltministerin Moskwa. In den kommenden Stunden würden die Proben der Fische auf weitere 300 schädliche Stoffe untersucht, darunter auch auf Pestizide. Zudem sollen Fischleichen seziert und das Verhalten der Fische kurz vor ihrem Verenden untersucht werden.

Moskwa sagte weiter, Wasserproben hätten einen erhöhten Sauerstoffgehalt ergeben, was für die Sommerperiode und den niedrigen Wasserstand ungewöhnlich sei. Möglicherweise sei es zu einem Oxidierungsprozess des Wassers gekommen. Dies könne darauf hindeuten, dass das Fischsterben möglicherweise keine natürliche Ursache habe, sondern dass es einen Täter gebe, der Substanzen ins Wasser eingeleitet habe.

Vor dem Treffen hatte Lemke von Polen Aufklärung über die Hintergründe des Fischsterbens verlangt. Die Regierung des Nachbarstaats habe bereits eingeräumt, dass Informationen zu der Umweltkatastrophe auch innerhalb Polens nicht weitergegeben worden seien, sagte die Grünen-Politikerin dem NDR. "Uns haben diese Informationen noch viel später erreicht." Nach dem Treffen zeigte sich die Ministerin dankbar, dass die polnische Regierung die Probleme bei der Kommunikation offen angesprochen und erste Konsequenzen gezogen habe. "Das ist ein gutes Zeichen. Und das darf nicht wieder passieren, dass solche Informationen nicht direkt weitergegeben werden", fügte die Ministerin hinzu.

Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben bereits Ende Juli Hinweise, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben. Dass diese Informationen nicht weitergegeben wurden, hat zu Verstimmungen zwischen Deutschland und Polen geführt. Am Freitag entließ der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki den Chef der polnischen Wasserschutzbehörde sowie den obersten Kontrolleur der Umweltschutzbehörde. Die deutschen Behörden hatten am Dienstag erste Hinweise auf ein ungewöhnliches Fischsterben erhalten. Zunächst war eine größere Menge an Quecksilber als Ursache vermutet worden. Erste toxologische Untersuchungen ergaben nach polnischen Angaben jedoch, dass das Schwermetall als Ursache ausgeschlossen sei.

Bisher keine Fischkadaver im Stettiner Haff

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke fordert weitere Ermittlungen zur Ursache. Am Rande der Verleihung des Kunstpreises in Neuhardenberg sagte er: "Wir müssen weiter intensiv dran arbeiten, aufzuklären, was genau passiert ist. Wir wissen bis heute nicht, um welche Stoffe es sich handelt." Die Aufklärung müsse gemeinsam mit den polnischen Behörden erfolgen. In Brandenburg sind laut Woidke für Montag Labor-Ergebnisse angekündigt. Zudem ärgere es ihn schon, "dass es so lange gedauert hat, bis Informationen vorlagen", sagte Woidke. "Wir werden dieses dann auch mit der polnischen Seite kritisch ansprechen müssen."

Dem Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern zufolge sind bisher keine Fischkadaver im deutschen Teil des Stettiner Haffs entdeckt worden. "Bislang hat die Wasserschutzpolizei keine Kadaver gesichtet. Auch Anwohner haben uns bislang nichts Derartiges gemeldet. Dennoch sind wir weiterhin in Alarmbereitschaft und beobachten die Situation vor Ort genauestens", sagte Landesminister Backhaus in Schwerin.

Am Samstag genommene Proben haben den Angaben nach unauffällige Werte für pH, Sauerstoffgehalt und Leitfähigkeit ergeben. Die Untersuchung auf Schadstoffe ist jedoch den Angaben zufolge noch nicht abgeschlossen und könnte mehrere Tage dauern. Entnommen werden die Proben an drei Messstellen unter anderem bei Ueckermünde und nahe der deutsch-polnischen Grenze. Bereits am Samstag hatte das Landesministerium Anliegern empfohlen, vorläufig auf das Fischen in und die Wasserentnahme aus dem Gewässer zu verzichten.

Die polnische Wasserbehörde dementierte derweil Berichte, wonach zwischen Ende Juli und Anfang August Wasser aus polnischen Staubecken in den Fluss eingeleitet worden sein soll. Dies seien falsche Informationen, die in polnischen und deutschen Medien verbreitet würden, hieß es in einer Mitteilung der Behörde laut Nachrichtenagentur PAP. Demnach sei der kurzzeitige Anstieg des Wasserspiegels auf die Wetterbedingungen zurückzuführen. "In Tschechien kam es Ende Juli zu heftigen Regenfällen, die sich auf den Durchfluss und den Wasserstand der Oder auswirkten", heißt es in der Stellungnahme.

Quelle: ntv.de, mli/AFP/dpa

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