Politik

"Drachenbrut, elender Rest!" Linke lässt sich von Biermann beschimpfen

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"Ihr wollt immer, aber ihr könnt nicht", ruft Biermann der Linkspartei zu.

(Foto: dpa)

Der Liedermacher Wolf Biermann gibt sich alle Mühe, aber der Eklat bleibt aus - denn die Abgeordneten der Linkspartei spielen nur halbherzig mit. Nicht einmal Gregor Gysi reagiert auf die Attacken des Ehrengastes im Bundestag.

Der Liedermacher Wolf Biermann hat die Abgeordneten der Linkspartei bei einem Auftritt im Bundestag scharf angegriffen. Die Linke sei "der elende Rest dessen, was zum Glück überwunden ist", sagte Biermann in der Feierstunde des Parlaments anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren.

Biermann, der immer wieder "Drachentöter" genannt wird, sagte: "Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen." Aus seiner Sicht sei es "Strafe genug" für die Linkspartei, "dass Sie hier sitzen müssen, dass Sie das anhören müssen". Auf den ironischen Hinweis aus der Linksfraktion, man wolle ja hier sitzen, entgegnete Biermann: "Ihr wollt immer, aber ihr könnt nicht."

Daraufhin kam aus der Linksfraktion ein weiterer Einwand: Immerhin seien die Abgeordneten gewählt. Biermann dazu, deutlich erregt: "Im Deutschen Bundestag kann man doch nicht erklären, dass eine Wahl ein Gottesurteil ist!"

"Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen", sagte er in Richtung Linksfraktion. "Ich gönne es euch. Ich weiß ja, dass die, die sich links nennen, nicht links sind und nicht rechts, sondern reaktionär. Dass die, die hier sitzen, der elende Rest sind von dem, was zum Glück überwunden ist."

Biermann feiert die Oktoberrevolution

Zuvor hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert darauf hingewiesen, dass Biermann eigentlich gar nicht sprechen, sondern nur singen dürfte. Lammert hatte Biermann ohne Absprache mit den Fraktionen eingeladen, was bei der Linkspartei für erhebliche Verärgerung sorgte.

Die Feindschaft zwischen Linkspartei und Biermann hat Tradition: Die SED, deren Nachfolger die Linkspartei ist, hatte Biermann 1965 öffentliche Auftritte verboten. Elf Jahre später ließ sie ihn nach Westdeutschland ausreisen. Während er bei einem Konzert in Köln auftrat, entzog die DDR ihm die Staatsbürgerschaft. Die Biermann-Ausbürgerung war in der DDR ein ungeheurer Skandal, der bis heute nachwirkt. Im Berliner Abgeordnetenhaus lehnte die Linkspartei/PDS, wie sie damals hieß, 2007 die Ehrenbürgerschaft für Biermann ab.

Im Bundestag liefern Biermann und die Linksfraktion sich zwar einen scharfen Wortwechsel. Doch die Abgeordneten der Linken verlassen nicht den Saal. In seiner Rede später geht Linksfraktionschef Gregor Gysi mit keinem Wort auf Biermann ein - der Eklat fällt also aus. Als Biermann sein Lied "Ermutigung" aus dem Jahr 1968 vorträgt, singt der Linken-Abgeordnete Richard Pitterle sogar mit.

Nach dem Auftritt gehen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel zu Biermann und geben ihm gut gelaunt die Hand. Lammert gratuliert dem 77-Jährigen zur Silberhochzeit. Biermann widerspricht: Heute feiere er den Jahrestag "der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" (die nach gregorianischem Kalender am 7. November 1917 stattfand).

"Biografien haben wir alle"

Zu Beginn der Feierstunde, die eigentlich nur der Auftakt für eine ganz normale Bundestagssitzung war, hatte Lammert - vor ziemlich vielen freien Stühlen in den hinteren Reihen des Plenums - an den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow und an die Befreiungsbewegungen in Osteuropa erinnert, ohne die der Fall der Mauer nicht möglich gewesen wäre.

In der eigentlichen Debatte ist Gerda Hasselfeldt, die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, die erste Rednerin. Sie ist eine von noch elf Abgeordneten im Bundestag, die bereits 1989 im Parlament saßen. Als die SPD-Abgeordnete Iris Gleicke an das Gefühl aus der Zeit vor 25 Jahren erinnert, kommen ihr die Tränen. Sie wünsche sich, dass die Feier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ein bisschen von diesem Gefühl wieder wecken könne, sagt Gleicke.

Auf Gysis Hinweis, dass die ostdeutschen Biografien stärker gewürdigt werden müssten, entgegnet Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt: "Biografien haben wir alle." Die Aufmerksamkeit müsse vor allem jenen gelten, die unter dem System der DDR gelitten hätten. Dann sagt sie: "Es kann schon sein, dass jemand doof findet, was das Staatsoberhaupt sagt. Aber hier kommt man dafür nicht in den Knast. Sondern man kriegt Sendezeit in der Tagesschau." Auch der CDU-Politiker Arnold Vaatz geht auf Gysi ein. Der Linksfraktionschef hatte beklagt, dass es in der Bundesrepublik zwar Freiheit, aber nicht ausreichend soziale Sicherheit und Gerechtigkeit gebe. Vaatz beschrieb, wie er 1982 in einer Strafanstalt der DDR von einem Gefängniswärter begrüßt worden sei. Dort habe es alles gegeben, was ein Mensch brauche - nur eben keine Freiheit. Ohne Freiheit, so Vaatz, sei aber alles nichts.

Quelle: ntv.de