Politik

Novum in der Bundeswehr Militärrabbiner Balla schreibt Geschichte

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Balla kam zum Thorastudium nach Deutschland.

(Foto: dpa)

Die Bundesrepublik bekommt das erste Mal in ihrer Geschichte einen Militärrabbiner. Der gebürtige Ungar Zsolt Balla bringt Kindheitserfahrungen und Eindrücke mit, die weit über seine Arbeit als Rabbiner in Leipzig hinausgehen.

Bisher hat die Bundeswehr lediglich katholische und evangelische Seelsorger, doch nun bekommt sie auch einen Militärrabbiner. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass jüdische Soldatinnen und Soldaten ihren eigenen religiösen Ansprechpartner haben und die Tatsache ist noch immer so außergewöhnlich, dass es selbst ausländischen Medien wie CNN oder "Daily Mail" eine Meldung wert ist. Das mag auch mit der Person des ersten Militärrabbiners der Bundeswehr zu tun haben.

Zsolt Balla ist seit zwölf Jahren Rabbiner in Leipzig und war einer der ersten beiden orthodoxen Rabbiner, die wieder in Deutschland studieren konnten. Seine eigenen jüdischen Wurzeln entdeckte er fast zufällig. Bis zu seinem neunten Lebensjahr wusste er nicht, dass er Jude und Sohn einer Holocaust-Überlebenden war. Damals fragte er seine Mutter, ob er eine Kirche besuchen könne. "Da hat sie mir gesagt, wir müssten reden", erzählte er CNN. Sein jüdisches Erbe zu entdecken, sei wie das Auffinden eines "alten Tagebuchs auf dem Dachboden" gewesen, "das deinen Urgroßeltern gehörte".

Ballas Interesse an Religion verband sich so mit der eigenen Familiengeschichte. Er besucht eine jüdische Schule, die der US-amerikanische Kosmetikunternehmer Ronald Lauder nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Ungarn in Budapest finanzierte, liest jüdische Schriften und leitet Jugendgruppen im Sommerlager. Beruflich orientiert sich Balla jedoch erstmal anders: 2002 schließt er sein Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Technischen Universität Budapest ab.

Thora-Studien in Berlin

Doch Balla entscheidet sich gegen den Weg in die freie Wirtschaft und dafür, die Thora intensiver zu studieren. Er geht nach Berlin an eine Schiwa, später wechselt er an das wiedergegründete orthodoxe Rabbinerseminar. 2009 wird er schließlich in München zum Rabbiner ordiniert. Danach übernimmt er zunächst als Gast und später dauerhaft die Leitung der jüdischen Gemeinde in Leipzig. Hier wuchs seine Frau Marina als Zuwanderin einer ukrainisch-jüdischen Familie auf. Inzwischen hat das Paar drei Kinder, Balla wurde 2019 sächsischer Landesrabbiner und ist zudem Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Die Arbeit des Militärrabbiners und den Aufbau des Rabbinats, zu dem nach und nach zehn weitere, auch liberale jüdische Geistliche hinzukommen sollen, übernimmt er zusätzlich.

Das Bundesverteidigungsministerium schätzt, dass es etwa 300 jüdische Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr gibt. Die Religionszugehörigkeit der Armeeangehörigen wird nicht erfasst. Das seelsorgerische Angebot soll wie bei den christlichen Religionen auch den Familien zur Verfügung stehen. "Die Rabbinerinnen und Rabbiner werden außerdem wie ihre christlichen Kollegen mit in die Auslandseinsätze gehen und 'Lebenskundlichen Unterricht' für alle Soldatinnen und Soldaten erteilen", heißt es zudem.

Schon im 1. Weltkrieg gab es Militärrabbiner. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, spricht deshalb von einem "längst überfälligen Schritt zu mehr Normalität jüdischen Lebens in Deutschland - und in der Bundeswehr". "Mit der Berufung von Militärrabbinern knüpfen wir an eine alte Tradition an und schlagen zugleich ein neues Kapitel auf".

Balla sieht sein Amt vor allem als Ermutigung. "Wir sind als Militärrabbiner bei der Bundeswehr und trotzdem sind wir Zivilisten. Das ermöglicht uns, auf Augenhöhe mit jedem Soldaten, jeder Soldatin zu sprechen", sagte er dem MDR. "Das verpflichtet uns auch, für jeden Soldaten da zu sein." Ballas inzwischen verstorbener Vater war Oberstleutnant in der ungarischen Volksarmee. "Ich war nicht beim Militär, habe aber mit meiner Familie viel Zeit auf Basen in Ungarn verbracht", erzählte Balla der Katholischen Nachrichtenagentur.

Nicht mehr die Wehrmacht

Er hoffe, dass die Bundeswehr irgendwann wieder "genauso selbstverständlich" wie die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und in anderen Ländern jüdische Soldaten in ihren Reihen haben werde, sagte er dem Bayerischen Rundfunk (BR). "Das ist unser Ziel." Es gebe noch immer historische Reflexe, "dass es eine komische Sache ist für eine jüdische Person in der deutschen Bundeswehr zu dienen. Aber wir können sehen, die Welt hat sich geändert", sagt Balla. Er sieht es als Aufgabe von jüdischen Geistlichen, zu zeigen, dass die Bundeswehr eben nichts mehr mit der deutschen Wehrmacht gemein habe.

Allerdings steigt die Zahl der in Deutschland gemeldeten antisemitischen Straftaten wieder. 2020 wurden dem Bundesinnenministerium zufolge 2351 Vorfälle erfasst, das sind über 15 Prozent mehr als 2019. Fast alle waren rechtsextremistisch motiviert. Innenminister Horst Seehofer nannte dies "vor dem Hintergrund unserer Geschichte nicht nur besorgniserregend, sondern auch zutiefst beschämend". Dass mit Franco A. und den Vorfällen beim KSK die Streitkräfte besonders von diesen Vorgängen betroffen sind, muss zusätzlich beunruhigen.

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Balla will auch gegen solche Tendenzen vorgehen. "Ich denke, dass Antisemitismus und jede Art von Hass gegen Minderheiten eine Sache sind, die wir niemals für immer von unserer Gesellschaft eliminieren können - aber hoffentlich mit guter Arbeit, mit Gespräch und Austausch können wir diese Tendenzen mindestens isolieren", sagte er dem BR. "Der beste Weg Antisemitismus in der Bundeswehr zu bekämpfen, ist, präsent zu sein und zu zeigen, dass wir jüdische Bürger auch da sind, um das Land zu schützen."

Sein neues Amt wird der Militärrabbiner von Berlin aus ausüben, aber er kündigte bereits Reisen zu verschiedenen Bundeswehrstandorten und vor allem zu den Universitätsstandorten der Bundeswehr in München und Hamburg an. "Ich bin auch darauf vorbereitet, zu Auslandseinsätzen gerufen zu werden." Vielleicht wird es aber auch um ganz alltägliche Fragen gehen, beispielsweise darum, ob es koscheres Essen gibt. Und dann wünscht sich der jüdische Militärgeistliche, dass er bald auch einen muslimischen Kollegen bekommt.

Quelle: ntv.de

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