Politik

Rummel im Park? Politiker drohen mit drastischen Maßnahmen

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Lebhaftes Treiben am Nordmarkt in Dortmund.

(Foto: imago images/Cord)

Corona-Zeiten hin oder her: Noch genießen viele das frühlingshafte Wetter in den Parks - zum Entsetzen von Politikern und Ärzten. Manche hätten "den Ernst der Lage noch nicht erkannt", beklagen Ärzte. Politiker warnen vor Ausgangssperren.

Seit dieser Woche fährt Deutschland massiv das öffentliche Leben runter: Die Schulen und Kitas sind geschlossen - mit weitreichenden Folgen für 11 Millionen Schüler, 3,7 Millionen Kita-Kinder und deren Eltern. Doch gerade vielen Jugendlichen und jungen Menschen, die nicht zu den Hauptrisikogruppen des Coronavirus zählen, aber natürlich diesen weitertragen können, fällt es offenbar schwer, die Situation einzuschätzen. "Ich nehme mit Erstaunen und Entsetzen wahr, dass manche den Ernst der Lage noch nicht erkannt haben", sagte die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Angesichts frühlingshafter Temperaturen sieht es in manchen Parks kaum anders aus als in Nicht-Corona-Zeiten. Es wird gepicknickt, getrunken und Eis gegessen. Die Mahnung von Kanzlerin Angela Merkel, Sozialkontakte möglichst zu vermeiden, scheint bei etlichen noch nicht angekommen zu sein - was nun zu scharfen Ermahnungen, Aufrufen und latenten Drohungen von Politikern und Ärzten gleichermaßen führt.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder appellierte etwa an die Einsicht der Bevölkerung und erklärte: Man werde nun beobachten, wie sich das öffentliche Leben weiter entwickle und ob die Auflagen eingehalten würden. Ob also Geschäfte, für die es keine Ausnahmen gibt, tatsächlich geschlossen haben und ob sich Gaststätten an die Beschränkungen und Regeln halten. Dies werde kontrolliert, auch von der Polizei und allen staatlichen Stellen. Und mit Blick auf volle Parks, sagte Söder, das gelte auch für das öffentliche Leben. "Ich verstehe, dass die Leute es rausdrängt bei so einem Wetter", sagte er, mahnte aber: "Bitte verantwortlich damit umgehen."

Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil forderte die Bürger zu vernünftigem Handeln auf. Es sei unverantwortlich, wenn sich Menschen aktuell in großen Gruppen in den Parks träfen oder Coronapartys feierten, sagte Klingbeil der RTL/ntv Redaktion. "Ich kann da nur an alle appellieren: Verhaltet euch vernünftig, damit es nicht zu drastischeren Maßnahmen kommen muss!"

"Am besten noch mit der Kiste Bier"

Diesem Tenor schließen sich viele andere Politiker an. Soziale Kontakte müssten unterbunden werden, forderte der stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamp. Es dürfe nicht sein, dass man sich "auf den Rheinwiesen oder in Parks in Gruppen zusammensetzt, am besten noch mit der Kiste Bier und sich dann noch die Bierflaschen teilt". Man könne natürlich an der frischen Luft joggen und im Wald spazieren gehen, "aber bitte nicht in Menschengruppen zusammensetzen", so der Minister weiter. Sonst werde man die Ketten der Infektion nicht beenden können. "Ich sage das auch in aller Deutlichkeit: Wenn es nicht ein anderes Verhalten gibt, dann wird es automatisch auch zu drastischeren Maßnahmen kommen."

Ähnlich eindringlich äußerten sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. Sie erklärten zugleich, welche drastischen Maßnahmen noch den Deutschen bevorstehen könnten. "Freiheiten, die jetzt noch da sind, muss jeder für sich selber schätzen. Ich appelliere an die Vernunft aller Beteiligten, Möglichkeiten vernünftig zu nutzen. Ich hoffe, dass wir eine Ausgangssperre vermeiden können", sagte Müller.

Genau eine solche wurde an diesem Mittwoch erstmals in Bayern verhängt. Das Landratsamt Tirschenreuth entschied sich für die Stadt Mitterteich zu einer derartigen Maßnahme. Sie soll bis zum 2. April dauern, wie die Behörde mitteilte.

Tatsächlich herrschen bereits in mehreren europäischen Ländern landesweit Ausgangssperren. In Frankreich gilt eine solche seit Dienstagmittag, in Spanien seit der Nacht zum Sonntag. Die 60 Millionen Italiener dürfen schon seit Längerem das Haus nur für Einkäufe, Arbeit oder aus medizinischen Gründen verlassen. In Österreich gibt es zwar noch keine offiziell so benannte Ausgangssperre, aber die Menschen wurden sehr eindringlich gebeten, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Für einen Aufenthalt im Freien gibt es laut der Regierung nur drei triftige Gründe: Lebensmittel kaufen, anderen helfen oder zur Arbeit fahren - wenn kein Homeoffice möglich ist.

"Wir bleiben für euch da! Und ihr bitte zu Hause!"

Auch von Ärzten und Pflegern kommen inzwischen eindringliche Bitten. "Wir bleiben für euch da! Und ihr bitte zu Hause!" ist auf Spruchbändern von Krankenhausmitarbeitern zu lesen. Unter anderem das Team der Zentralen Notaufnahme an der Uniklinik Essen fotografierte sich so. Die Essener Ärztin Carola Holzner, im Internet bekannt als "Doc Caro", sagte über das Foto mit ihren Kollegen: "Wir können hier nur an der Front kämpfen, wenn im Hintergrund alle mitmachen." Bundesweit posteten Krankenhäuser ähnliche Fotos mit Spruchbändern in sozialen Medien.

*Datenschutz

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund äußerte sich ebenfalls entsetzt. "Der Abstand zum anderen ist das alles Entscheidende - und zwar ein Abstand von zwei Metern", sagte die Vorsitzende Susanne Johna. Zugleich gab sie aber auch etwas Entwarnung: Das lasse sich auch einhalten, wenn man draußen spazieren gehe. Es helfe niemandem, "wenn Menschen bald in Depressionen verfallen, weil sie nicht mehr an die frische Luft kommen".

Vorrangiges Ziel sei nun ein Abflachen der Kurve bei den Neuinfektionen, betonte Johna weiter. "Ein Abflachen der Kurve wird allerdings dazu führen, dass die Welle länger läuft." Deswegen helfe es nicht weiter, zu strikte Maßnahmen zu ergreifen oder - wie manche Länder in Europa - Ausgangssperren zu verhängen. "Allerdings muss die Bevölkerung weiter aufgeklärt werden, was in dieser Situation geht und was nicht geht."

Quelle: ntv.de, ghö/dpa/AFP