Politik

Militärexperte im Interview "Putin scheint bereit für den großen Knüppel"

Mit seiner Ankündigung, die Abschreckungsstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen, zündet Russlands Präsident Putin die nächste Eskalationsstufe im Ukraine-Konflikt. Doch was heißt das? Militär- und Sicherheitsexperte Thomas Wiegold gibt im ntv Interview eine Einschätzung.

ntv: Russland hat die Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Was genau bedeutet das?

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Thomas Wiegold ist Experte für Militär- und Sicherheitsfragen. Er betreibt den Blog "Augen geradeaus!".

(Foto: picture alliance / photothek)

Thomas Wiegold: Es bedeutet, dass die sogenannten Abschreckungsstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden sind. Das sind nicht nur, aber auch die Atomstreitkräfte. Es sind auch andere Luftwaffenteile mit Überschallraketen. Also es ist ein gewisser Mix an im weitesten Sinne konventioneller und atomarer Bewaffnung. Aber insgesamt sind es die Truppenteile, die als Rückhalt da sind, die nicht abgefangen werden können, bei denen der Gegner keine wirkliche Gegenwehr hat. Es ist also schon ein Alarmzeichen, dass Putin offensichtlich bereit scheint, den ganz großen Knüppel rauszuholen.

Man will es eigentlich kaum wissen: Aber was hat denn Putin an nuklearen Möglichkeiten in der Hand?

Nach wie vor sind die USA und Russland die Staaten weltweit mit dem größten Atomwaffenpotenzial. Alle anderen Atomwaffenstaaten, auch China, fallen weit dahinter zurück. Das ist ein bisschen zynisch, aber so heißt es nun mal: Es gibt eine gesicherte gegenseitige Zerstörungsfähigkeit. Das heißt, es ist ein großes, auch sehr abgestuftes Potenzial, das von taktischen nuklearen Gefechtsfeldwaffen bis zu den großen Interkontinentalraketen reicht. Diese Alarmbereitschaft ist zunächst einmal eine Drohgebärde - und so soll sie wohl auch verstanden werden im Westen.

Glauben Sie, er würde wirklich so weit gehen?

Sie fragen mich etwas, was niemand im Westen weiß und einschätzen kann. Wir haben innerhalb einer Woche eine massive Eskalation gesehen - von der Ankündigung  "wir helfen unseren bedrohten Brüdern in der Ostukraine im Donbass" bis zur heutigen Alarmbereitschaft der Atomstreitkräfte. Welches Kalkül dahintersteckt, ist nicht wirklich einschätzbar. Ich will etwas dazu sagen als jemand, der etwas älter ist und im Kalten Krieg aufgewachsen ist: Da gab es dieses gegenseitige atomare Drohpotenzial auch. Aber es schien immer von einer, wenn auch schwer verständlichen Rationalität untermauert. Das Gefährliche ist, glaube ich, dass jetzt diese Rationalität nicht erkennbar ist.

Nun gibt es auch aus Deutschland direkt Waffenlieferungen in die Ukraine. Das war bisher ein Tabu. Wie kann das den Krieg verändern?

Es ist nicht viel, gemessen an dem Gesamtumfang der Auseinandersetzung und der russischen Streitkräfte. Es ist ein Teil dessen, was ja auch andere westliche Nationen liefern. In der Tat können solche Waffen, auch wenn sie keine High-Tech-Waffen und nicht besonders komplex sind, am Boden durchaus eine Wirkung haben - unter anderem die 1000 Panzerfäuste, die Deutschland liefern will. Das sind Waffen, die kein langes Training und keine lange Vorbereitungszeit erfordern. Wenn man sieht, dass die Ukraine alle Männer zwischen 18 und 60 zu den Waffen gerufen hat, werden da auch genügend dabei sein, die keinerlei militärische Ausbildung haben, die aber nach einer kurzen Einweisung auch solche Waffen bedienen können.

Die Russen konnten womöglich gar nicht so weit vordringen, wie sie wollten. Da fragt sich tatsächlich: Wie lange kann die Ukraine das noch durchhalten?

Das ist im Moment ganz schwer zu beurteilen. Wir sehen ja auch auf den zahlreichen Videos und Fotos, die aus der Ukraine kommen, überwiegend relativ altes russisches Gerät. Dann fragen sich natürlich alle: Wo sind denn zum Beispiel die modernen Panzer, die Russland in den vergangenen Jahren angeschafft hat? Werden die bewusst zurückgehalten oder gibt es davon doch viel weniger, als der Westen bisher geglaubt hat? Das ist im Moment nicht wirklich einschätzbar. Es ist sowohl denkbar, dass die Ukrainer diesen russischen Vorstoß eindämmen können als auch, dass die Russen Material, das sie noch in der Hinterhand haben, jetzt erst an die Front werfen.

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Das ist eine Aussage, die es immer wieder gab. Da gab es aber auch ein Hin und Her. Ich glaube, das ist ein Instrument der psychologischen Kriegsführung. Wenn man die Bilder gesehen hat aus dem Tschetschenien-Krieg, die Zerstörung Grosnys, und wenn man die Berichte kennt über das sehr brutale Vorgehen tschetschenischer Kämpfer, auch zum Beispiel in Syrien, dann soll das das Drohpotenzial noch weiter aufmachen. Es soll signalisieren: Da kommen Leute, die keine Rücksicht nehmen, die niemanden schonen. Das macht es alles noch schlimmer.

Mit Thomas Wiegold sprach Pinar Atalay

Quelle: ntv.de

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