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Merkel und Löw Schaffen sie das noch?

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Ein gutes Abschneiden der DFB-Elf würde der Kanzlerin helfen, aber bei der Mannschaft von Joachim Löw läuft es zurzeit nicht rund.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Angela Merkel und Joachim Löw haben beide eine Ära geprägt. Sie sind lange im Amt, weil sie erfolgreich waren. Nun müssen Kanzlerin und Bundestrainer plötzlich fast zeitgleich fürchten, ihren Job zu verlieren.

Es ist drei Wochen her, da sagte Joachim Löw in einem Interview über Angela Merkel: "Sie kam nach dem Endspiel in die Kabine und saß plötzlich mittendrin, hat mit uns angestoßen und war ganz natürlich. Das hat einen tollen Eindruck bei meinen Spielern hinterlassen. Das wünsche ich mir wieder." Nicht nur wegen der gemeinsamen Feier nach dem WM-Finale 2014 verstehen sich der Bundestrainer und die deutsche Kanzlerin prächtig. Löw war im Kanzleramt zu Gast, Merkel nicht nur in der Kabine. Ende Mai, also vor der Fußball-Weltmeisterschaft, besuchte sie die deutsche Mannschaft auch im Trainingslager in Südtirol. Die Stimmung war gut. Aber drei Wochen später sind sowohl Löw als auch Merkel in großer Not, beide erleben die schwierigste Zeit ihrer Karriere. Fast gleichzeitig müssen sie um ihren Job kämpfen - und damit rechnen, ihn zu verlieren.

"Packt er das?" titelte der "Kicker" in dieser Woche nach der 0:1-Niederlage der Nationalelf beim WM-Auftakt gegen Mexiko und zeigte ein ernstes Bild von Löw. "Wir schaffen das", versprach der Bundestrainer nach dem Spiel und wiederholte damit ausgerechnet den wohl symbolträchtigsten Satz von Merkels Kanzlerschaft. "Schafft sie das?", das ist die Frage, die die Regierungschefin seit fast drei Jahren begleitet, wegen des schwelenden Asylstreits vermutlich stärker als je zuvor. Es sind Schicksalstage für Löw und Merkel.

Unterm Strich existenziell

Beide verbindet einiges, sie haben Ären geprägt. Merkel wurde 2005 Kanzlerin, Löw 2004 Co-Trainer und zwei Jahre später Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft. Die Fußball-WM 2006 in Deutschland war das erste gemeinsame Turnier der beiden. Später hat Merkel einmal angedeutet, dass Gerhard Schröder mithilfe der Stimmung des "Sommermärchens" vermutlich wiedergewählt worden wäre - wenn er nicht ein Jahr vorher die Vertrauensfrage gestellt hätte. Die Kanzlerin und der Bundestrainer blieben im Amt, weil sie erfolgreich waren, während viele Amtskollegen kamen und wieder gingen. Merkel feierte ihren wohl größten Sieg im September 2013, als die Union nur knapp die absolute Mehrheit verpasste. Löw holte ein Dreivierteljahr später, im Juli 2014, den vierten deutschen WM-Titel. Anschließend feierte die Mannschaft in der Kabine zusammen mit der Kanzlerin.

Seither ging es zunächst langsam abwärts, zuletzt heftiger. Das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 und die komplizierte Regierungsbildung schwächten Merkel und ihre Autorität in ihrer ohnehin schwierigen, da wohl letzten Amtszeit. Vor dem EU-Gipfel am Sonntag in Brüssel steht sie unter riesigem Druck. Dass die europäischen Partner das wissen, macht es nicht leichter. Merkel muss unbedingt etwas mitbringen, das ausreicht, um die aufmüpfige CSU zu befrieden. Gelingt das nicht, droht ein Dominoeffekt: Sollte Seehofer gegen ihren Willen Flüchtlinge zurückweisen, wäre Merkel gezwungen, ihn rauszuwerfen. Es wäre wohl das Ende der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU, das Ende der Koalition und auch das ihrer Kanzlerschaft.

Bei Löw ist es anders, aber unterm Strich ähnlich existenziell. Die DFB-Elf spielte zwar eine starke Qualifikation, aber schon in den Vorbereitungsspielen zur WM verstetigte sich der Eindruck, dass es gewaltig hakt. Die Bestätigung folgte beim miesen Auftritt von Löws Team gegen Mexiko. Beim zweiten Vorrundenspiel am Samstagabend braucht er unbedingt einen Sieg - was nicht einfach werden dürfte. Seine Mannschaft ist verunsichert, Gegner Schweden kommt nach dem Sieg im ersten WM-Spiel dagegen mit breiter Brust und will gegen die Deutschen den Achtelfinaleinzug perfekt machen. Auch bei einem Unentschieden droht das Ausscheiden. Gut möglich, dass Löw, der kürzlich seinen Vertrag verlängert hat, dann hinschmeißen würde. Beide stehen also vor einem Endspiel.

Im DFB-Team gibt es keinen Seehofer

Wie konnte es so weit kommen? Hat Merkel ihre Politik zu schlecht erklärt? Ist Löws Truppe nach dem Titel zu selbstzufrieden? Kann sie dem Land nach so vielen Jahren überhaupt noch was geben und er der Mannschaft? Spekulieren ist müßig, auch weil es an der jetzigen Situation nichts ändert. Zinedine Zidane ist kürzlich als Trainer von Real Madrid zurückgetreten, nachdem er zum dritten Mal in Folge die Champions League gewonnen hatte. Bundestrainer und Kanzlerin haben sich für einen anderen Weg entschieden und riskiert, dass sie den Zeitpunkt des Ausstiegs nicht mehr selbst bestimmen können.

Merkel ist 63, Löw 58, beide sind Baby-Boomer. Sie sind nicht alt, dennoch drängeln die Jungen. Die Spahns, Lindners und Dobrindts auf der einen, die Tuchels, Nagelsmanns, Tedescos und Kovacs auf der anderen Seite. Trotzdem gibt es einige Unterschiede. Die neue Trainer-Generation drängt sicher nicht aktiv auf Löws Nachfolge. Die Zahl der Hobby-Bundestrainer am Spielfeldrand ist zwar groß, aber anders als Merkel hat er auch keinen vergleichbaren Widersacher, denn im DFB-Team gibt es keinen Seehofer. Die Kanzlerin hat einen anderen Vorteil: Im Gegensatz zum erfolgsverwöhnten Löw ist sie krisenerfahrener. Ob Finanzkrise, Griechenland-Rettung, Ukraine-Konflikt, Brexit oder Flüchtlingskrise - ruhig war es in den vergangenen 13 Jahren selten, das hat sie gestählt.

Als Merkel und Löw sich im Mai zum bisher letzten Mal getroffen haben, war nicht absehbar, was auf sie zukommen würde. Wann sie sich wiedersehen, ist unsicher. Auch ob sie dann beide noch im Amt sind. "Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn Angela Merkel ein Spiel von uns in Russland besucht", hat Löw vor ein paar Wochen gesagt. Ein gutes Abschneiden der Nationalelf ist wichtig für Merkel, es könnte die Anspannung lösen und die Stimmung im Land verbessern. Das kann die Kanzlerin zurzeit ganz gut gebrauchen, allerdings ist die geschwächte DFB-Elf dazu zurzeit möglicherweise gar nicht in der Lage. Am Samstag könnte sie Merkels Unterstützung gut gebrauchen. Womöglich gibt es anschließend nämlich nicht mehr viel Gelegenheit, ihr bei der WM zuzuschauen. Wenn die Kanzlerin auf Nummer sicher gehen will, müsste sie sich also beeilen. Nur kommt es ihr an diesem Wochenende ziemlich ungelegen. Während Löw mit seiner Mannschaft die Wende schaffen will, muss sie mal eben ihre Kanzlerschaft retten.

Quelle: n-tv.de

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