Politik

Ärger über Holocaust-Aussage Selenskyj vergleicht Russland mit Nazi-Deutschland

In seiner Rede vor dem israelischen Parlament erinnert der ukrainische Präsident an die Geschichte des Landes. So vergleicht Selenskyj die Invasion Russlands mit dem Holocaust, Moskau gehe es um die Auslöschung seines Volkes. Dafür erntet er Kritik unter anderem von der Gedenkstätte Yad Vashem.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Israel angesichts des russischen Einmarschs aufgefordert, sich eindeutig gegen Moskau zu positionieren. In einer Rede per Videoschalte vor dem israelischen Parlament sagte Selenskyj, dass "die Ukraine vor 80 Jahren die Entscheidung getroffen hat, Juden zu retten". Jetzt sei es an der Zeit, "dass Israel seine Wahl trifft".

Der ukrainische Präsident verglich Russlands Invasion in seiner Rede mehrfach mit dem Holocaust. Dabei warf er dem Kreml einen Plan zur Auslöschung der Ukraine vor. "Hört darauf, was jetzt in Moskau gesagt wird: 'Endlösung', aber jetzt bereits in Bezug auf die ukrainische Frage", sagte der 44-Jährige vor den Knesset-Abgeordneten.

Das Staatsoberhaupt mit jüdischen Wurzeln erinnerte dabei an die "Endlösung der Judenfrage", wie die Ermordung von Millionen Juden in Europa durch Nazi-Deutschland genannt wurde. Der vor etwas mehr als drei Wochen begonnene russische Einmarsch in die Ukraine sei dabei nicht nur eine "militärische Spezialoperation" - wie der Krieg in Russland bezeichnet wird. "Das ist ein großflächiger und hinterhältiger Krieg, der auf die Vernichtung unseres Volkes, unserer Kinder, unserer Familien, unseres Staates abzielt", sagte Selenskyj. Die Ukraine befinde sich in einer ähnlich prekären Situation wie der jüdische Staat im Nahen Osten.

Im Hinblick auf die ständigen russischen Raketenangriffe sagte Selenskyj: "Jeder in Israel weiß, dass Ihre Raketenabwehr die beste ist. Jeder weiß, dass Ihre Waffen stark sind." Für ihn stelle sich daher die Frage, warum Israels Regierung bisher weder Waffen an Kiew geliefert noch sich den westlichen Sanktionen gegen Moskau angeschlossen habe. Konkret forderte der ukrainische Präsident Raketenabwehrsysteme und wirtschaftlichen Druck auf Russland. "Gleichgültigkeit tötet", sagte der ukrainische Präsident.

Kritik wegen Holocaust-Vergleich

In der israelischen Politik sorgten Selenskyjs Aussagen zum Holocaust jedoch für Unmut. So schrieb der Kommunikationsminister des Landes, Yoaz Hendel, auf Twitter: "Der Krieg ist schrecklich, aber der Vergleich mit den Schrecken des Holocausts und der Endlösung ist unerhört." Ähnlich äußerte sich Bezalel Smotrich von der Religiös-Zionistischen Partei in der "Jerusalem Post". "Seine Kritik an Israel war legitim", sagte der Parteichef. "Der Krieg ist schrecklich, aber der Vergleich mit den Schrecken des Holocausts und der Endlösung ist unerhört."

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem kritisierte Selenskyjs Anspielung auf die "Endlösung". Derartige unverantwortliche Äußerungen trivialisierten die historischen Fakten des Holocausts, hieß es. Der ukrainische Präsident belegte seine Aussagen in diesem Zusammenhang nicht und gab nicht an, wer den Begriff verwendet haben könnte. Nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters hat Russlands Staatschef Wladimir Putin in den letzten 30 Tagen einmal einen Ausdruck verwendet, der "endgültige Entscheidung/Endlösung" bedeutet, aber damit nicht den mit "Endlösung" umschriebenen Völkermord an Juden gemeint.

Israels Regierungschef Naftali Bennett bemüht sich als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine. Er telefonierte vergangene Woche sowohl mit Putin als auch mit Selenskyj und flog Anfang des Monats nach Moskau, um Putin zu treffen. "Es ist möglich, zwischen Ländern zu vermitteln, aber nicht zwischen Gut und Böse", sagte Selenskyj.

Die Rede wurde auch auf einer Großleinwand auf einem Platz in Tel Aviv übertragen. Der ukrainische Präsident hatte sich in den vergangenen Tagen bereits an mehrere Parlamente in verschiedenen Ländern gewandt. Er sprach unter anderem vor dem Deutschen Bundestag und dem US-Kongress.

Quelle: ntv.de, spl/mbe/dpa/AFP/rts

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