Politik

Elend in der Fleischindustrie Sie finden das schlimm? Essen Sie es nicht!

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Hat die Qualen hinter sich: Kopf eines Bullen in einem deutschen Schlachthof.

(Foto: REUTERS)

Was in den Schlachtfabriken vor sich geht, will der Verbraucher nicht sehen. Das ist wenig verwunderlich, schließlich liegt das Elend dort fast allein in seiner Verantwortung.

Der Corona-Ausbruch in einer Tönnies-Schlachtfabrik in Nordrhein-Westfalen hat die Bilder wieder heraufbefördert, die eigentlich niemand sehen will. Tiere, die eben noch ängstlich über die Lkw-Rampe stolperten, hängen nun an Haken und bluten aus ihren aufgeschnittenen Kehlen. Am Fließband werden die Körper zerteilt, sortiert, abgepackt. Ebenso verstörend sind die Bilder der Menschen, die für ihren Lohn massenhaft Tiere töten, zerschneiden, Innereien sortieren und letztlich aus Lebewesen ein billiges Lebensmittel machen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knochenjob - psychisch und physisch - der in Hallen stattfindet, in denen es kaum Tageslicht gibt, in denen Tierschreie zu hören sind und es nach Blut und Eingeweiden riecht. Und es ist ein offenes Geheimnis der Branche, dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Schmerz darüber am Feierabend mit viel Alkohol betäuben.

Nein, niemand will diese Bilder sehen. Und wenn sie doch auftauchen, sind die Schuldigen schnell gefunden: Es sind entweder die Schlachtunternehmen - im aktuellen Fall Tönnies, denn immerhin stammen die Bilder ja von dort - oder die Politik, schließlich lässt der Gesetzgeber so etwas ja zu. Beides ist nicht komplett falsch. Der mit Abstand einflussreichste Faktor sind aber Sie, der Verbraucher.

Die Fleisch-Obsession der Deutschen hat Tradition, obwohl wir inzwischen weniger davon essen. Vor 50 Jahren waren es im Schnitt 79 Kilo pro Kopf und Jahr. 2019 lag der Konsum fast 20 Kilo darunter. Es ist der Preis, den wir bereit sind dafür zu zahlen, der eine wirklich drastische Entwicklung durchgemacht hat. Vor 50 Jahren musste ein Facharbeiter rechnerisch fast 100 Minuten arbeiten, um ein Kilo Schweinefleisch zu verdienen. Aktuell sind es etwas mehr als 20 Minuten. Wie Greenpeace Anfang des Jahres berichtete, verkauften die führenden Supermarktketten in Deutschland im vergangenen Jahr zu 88 Prozent Billigfleisch aus prekären Haltungsbedingungen.

Klöckner oder Tönnies werden es nicht besser machen

Die Politik hat viel versäumt, vor allem seit Julia Klöckner im Landwirtschaftsministerium sitzt. Sie hat dafür gesorgt, dass Landwirte ihre Ferkel zwei Jahre länger als vorgesehen ohne Betäubung kastrieren dürfen. Sie will die rechtswidrige, weil qualvoll-enge Kastenstandhaltung nachträglich legalisieren. Und in einer Kochshow bei der "Bild"-Zeitung kommt bei ihr Billig-Hackfleisch der niedrigsten Tierwohl-Kategorie in die Pfanne. Inzwischen wirft ihr sogar der Deutsche Ethikrat vor, "nicht hinnehmbare Zustände" zu dulden. Klöckner kämpft mit Leidenschaft dafür, dass Billigfleisch bleibt. Aber liegt in der Politik die Ursache des Problems?

Das Elend für Tier und Mensch spielt sich in den Schlachtfabriken ab. Im Jahr 2016 wurden in den Tönnies-Betrieben mehr als 20 Millionen Schweine geschlachtet. Das sind mehr als 2000 pro Stunde oder fast 40 pro Minute. Erledigt wird der Job oft von billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, die nötig sind, um die Jubel-Preise im Discounter halten zu können. Für ihre Sicherheit und Gesundheit hätte der Konzern mit Blick auf den Corona-Ausbruch besser sorgen können. Tönnies könnte auch die Produktion umstellen und weniger, dafür hochwertiger produzieren und die Leute besser bezahlen und unterbringen. Aber was ist von einem Konzern zu erwarten, der nach kapitalistischen Maßstäben arbeitet, um die Nachfrage zu bedienen? Es ist einfach, nun mit dem Finger auf den "bösen" Schlachtunternehmer zu zeigen. Die Ursache des Problems ist aber auch das nicht.

Und damit wären wir bei Ihnen, dem Verbraucher. Sie verändern den Markt für Fleisch mit jeder Entscheidung am Kühlregal. Muss es wirklich jeden Tag Fleisch sein oder reicht einmal pro Woche ein hochwertiger Braten aus fairer Haltung? Es schmeckt deutlich besser - auch weil seltener Fleischkonsum das Lebensmittel wieder zu etwas besonderem macht. Und das Argument, Fleisch gehöre untrennbar zu einer gesunden Ernährung dazu, ist ebenso widerlegt wie die Behauptung, man könne ohne Fleisch ja nichts Leckeres kochen. Es gibt inzwischen etliche gute Alternativen zu Fleisch, hinter denen keine brutalen Produktionsketten stehen. Gegen die Macht der Verbraucher ist eine ignorante Landwirtschaftsministerin ebenso hilflos wie Schlacht-Konzerne, denen Profite nun einmal wichtiger sind als Respekt vor Tier oder Mensch. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Aber vielleicht sind die grässlichen Bilder auch wieder schnell vergessen, wenn die Kantine mit Schnitzel-Pommes oder das Kühlregal mit einem ganzen Kilo Hackfleisch für 2,99 Euro lockt.

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Quelle: ntv.de