Politik

Macron auf dem Weg zum Wahlsieg Staatsmann gegen Wadenbeißer

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Emmanuel Macron gibt den Staatsmann – und das gefällt den Franzosen.

(Foto: picture alliance / abaca)

Dass Macron wiedergewählt wird, war lange Zeit nicht ausgemacht. In Frankreich ist er unbeliebt, gilt vielen als "Präsident der Reichen". Dann kommt Russlands Überfall auf die Ukraine: Die Rechten haben Putin umgarnt - und versuchen nun, sich aus der Affäre zu ziehen. Während der Präsident tut, was er am besten kann: arbeiten und dabei gut aussehen.

Alle Zutaten lagen auf dem Tisch für einen packenden Wahlkampf: Ein Amtsinhaber, jung, smart, aber eben auch immer das kleine bisschen zu elitär, als dass ihm die Herzen zugeflogen wären. Eine Herausforderin, die sich an ihm beim letzten Mal die Zähne ausgebissen hatte. Ein Rechtsausleger, der endlich mal sagt, was die Leute hören wollen - und was heute ja angeblich niemand mehr sagen darf. Und ein paar kleine Kandidaten, die mehr oder minder unterhaltsam sind und auch mal mitmischen wollen in diesem großen Rennen, das französischer Präsidentschaftswahlkampf heißt.

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Das Problem ist nur: Es gibt keinen Wahlkampf. Bis vor wenigen Wochen hielt sich Emmanuel Macron sogar bedeckt, ob er überhaupt nochmal antreten wolle. Na klar wollte er. Aber er befolgte die alte Maxime von Amtsinhabern: nicht in den Nahkampf. Eine Debatte mit den anderen Kandidaten vor der ersten Wahlrunde am 10. April lehnte er ab. Er wolle lieber mit den Franzosen reden - mit seinen Bürgern, ganz nach seinem Wahlslogan: "Avec vous", mit Ihnen.

Macron telefonierte fast täglich mit Putin

Natürlich gibt es diese Treffen nur in wohldosierter Zahl, schließlich hat Macron derzeit Besseres zu tun. Zwischendurch war er der Einzige im Westen, der überhaupt noch mit Putin redete, sie telefonierten beinahe täglich. Der kriegstreiberische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete Frankreichs Präsidenten als den einzigen westlichen Staatsmann, der nicht vor den Amerikanern duckmäusern würde.

Macron gibt den Staatsmann, nein, er ist der Staatsmann - und das gefällt den Franzosen. Noch dazu weiß der 44-Jährige sich beim Staatsmann sein gekonnt in Szene zu setzen. Jeden Tag postet seine Leibfotografin Soazig de la Moissonnière zahlreiche Fotos ihres Chefs bei der Arbeit: Entweder sitzt er in einem dieser Telefonate, den Kopf in den Händen versunken, ein verzweifelter oder ein heroischer Ausdruck auf der Stirn. Oder er berät sich in epochalen Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit seinen Generälen. Neulich trug er sogar am güldenen Schreibtisch im Elysée Jeans und den Kapuzenpullover eines Fallschirmjäger-Geschwaders - die Wahlaussichten bei französischen Frauen dürften bei diesen Fotos um mindestens fünf Prozentpunkte gestiegen sein.

Kriegszeiten sind eben Zeiten, in denen Amtsinhaber einen Bonus haben. Macron nutzt diesen Bonus, und zwar bislang fehlerfrei. Das erklärt, warum er in Umfragen zur ersten Runde mit mehr als zehn Prozentpunkten Vorsprung führt. In der zweiten Runde würde er ohnehin haushoch gewinnen.

Macron legte sich mit allen an

Das sah nicht immer so aus: Gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit krempelte er Frankreich im Rekordtempo um, legte sich mit allen an: Verbänden, Gewerkschaften, der Nomenklatura des französischen Klassenkampfes. Dann kamen die Gelbwesten und Paris brannte. Unter dem Druck der Straße musste er die geplante Rentenreform aufgeben, an der er eigentlich seine Präsidentschaft messen lassen wollte.

Die Corona-Krise brachte verheerende Todeszahlen. Doch Macron reagierte schnell und griff hart durch, sodass Frankreich anschließend gut und ohne starke wirtschaftliche Einbußen durch die Krise kam. Und dennoch hielt sich das Bild eines Präsidenten, der zwar respektiert, aber nicht geliebt wird. Der sein Land zu einem Start-Up umbauen wollte, doch besonders die Armen dabei nicht mitnahm.

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Das wollte sich Marine Le Pen zunutze machen. 2017 hatte sie die zweite Runde erreicht und in der Debatte gegen Macron so alt ausgesehen, dass sie schließlich deutlich verlor. Das wollte sie nicht wiederholen und begann frühzeitig, sich ein sanfteres Image zu geben. Doch Le Pen hat stets eine große Nähe zu Putins Russland gepflegt. So nah, dass sie sogar in ihrer aktuellen Wahlkampfbroschüre ein Foto eines Treffens druckte. Nach Kriegsbeginn wurden alle Broschüren eingestampft, die Kandidatin meidet das Thema seitdem.

Gegen die Banlieues ist Neukölln eine Kleingartenkolonie

Sie meidet aber auch Debatten mit ihren wichtigsten Gegnern, Valerie Pécresse und Éric Zemmour. Pécresse, die Kandidatin der Sarkozy-Partei Les Républicains, war gut gestartet und lag in Umfragen zeitweise sogar an zweiter Stelle. Doch dann machte sie immer mehr Fehler, relativierte etwa das Tragen des Kopftuchs und ließ sich versehentlich mit radikalen Muslimen sehen - das ließ die Konservativen kochen.

So bleibt die Sicherheit das wichtigste Thema, sowohl für Le Pen als auch für Zemmour. Unter Macron gab es zuletzt keine verheerenden Terroranschläge mehr, doch die Sicherheitslage im Allgemeinen bleibt prekär.

Neulich war ich mal wieder in einer Banlieue, in Metz-Borny, Hochhaus an Hochhaus, bewohnt beinahe ausschließlich von Nordafrikanern und Einwanderern der zweiten und dritten Generation. Gerade wird hier alles renoviert und verschönert, wenigstens das. Und doch empfahlen uns die Streetworker, die sich hier um die Kids des Quartiers kümmern, sehr deutlich, nur in der Straße des Vereins zu drehen, schon hundert Meter weiter müssten wir um unser Leben fürchten. Es wird immer noch viel geschossen in Frankreichs Vorstädten - und Journalisten, die Unruhe bringen und den Drogenhandel stören, mögen sie hier gar nicht. Das ist französische Realität. Wenn da deutsche Politiker über No-Go-Areas schwadronieren, können Franzosen nur lachen. Gegen Banlieues ist Berlin-Neukölln eine Kleingartenkolonie.

Éric Zemmour geht es ausschließlich um dieses Thema. Der ehemalige Journalist hat Marine Le Pen rechts so weit überholt, dass sie in seinem Schatten beinahe wie eine Linke wirkt. Klein ist er und sieht mit seiner Brille aus wie ein Intellektueller. Jeder Franzose kennt ihn, schließlich hatte er eine politische Sendung, die stets ein Straßenfeger war. So klein er ist, so wütend ist er auch. Seine Angriffe auf Einwanderer sind wahre Hetz-Orgien. In diesem Land mit all seinen Problemen bei Kriminalität und Islamismus treffen sie auf fruchtbaren Boden.

Die Linke ist in der Krise

Doch auch Zemmour ist Russland zu nah gekommen, er hatte sich einen Mann nach Putins Vorbild auch für Frankreich gewünscht. Zwei Jahre ist das her, doch jetzt verfolgt es ihn so stark, dass er unter zehn Prozent gerutscht ist. Das liegt auch an seinen deftigen Aussagen, die vor allem weibliche Wähler abschrecken. Neulich in einer Debatte sagte eine ältere Wählerin, sie würde sich im kurzen Rock noch immer in der Banlieue auf die Straße trauen - da entgegnete ihr Zemmour, in ihrem Alter sei das ja auch kein Problem mehr.

Jean-Luc Mélenchon ist der Zemmour der anderen Seite. Er hat die besten Karten im linken Lager, aber gut sind sie trotzdem nicht. Denn auch Mélenchon ist ein Russland-Freund, seine Agenda ist streng staatstreu - und so langsam haben die Franzosen begriffen, dass sie mit alten Rezepten in diesen Zeiten nicht werden bestehen können. Die Linke ist in Frankreich in einer echten Krise.

Das zeigt auch Anne Hidalgo. Sie ist das beste Beispiel dafür, wie eine Kandidatin zu einem reinen Medienphänomen werden kann, zumindest in Deutschland. Irgendjemand schrieb vor einem Jahr, sie habe eine reelle Chance. Doch die Kandidatin der Sozialisten, einst stolze Mitterrand-Partei, kam nie über zwei Prozent in den Umfragen hinaus. Kein Wunder: Bei der Verachtung, mit der die Franzosen auf ihre Hauptstadt schauen, würden sie nicht auf die Idee kommen, genau deren Bürgermeisterin auch noch zur Präsidentin zu wählen.

Dass der grüne Yannick Jadot nicht offen gegen Atomkraft wettern will, sagt auch schon alles, was man über Frankreichs Energiepolitik wissen muss. Macron will nach seiner Wiederwahl bis zu 14 neue Atomkraftwerke bauen lassen, das Land bezieht schon jetzt 70 Prozent seines Stroms aus der Kernkraft, derzeit errichten sie ein Endlager. Das verringert die Abhängigkeit von russischer Energie, auch hier zeigt Macron also keine offene Flanke.

So wird der alte Präsident am 24. April auch der neue Präsident sein, die Frage ist nur, wie hoch er Le Pen in der zweiten Runde auf die Ränge verweisen wird. Deren Blick wird sich auf 2027 richten, wenn der junge Amtsträger nicht wieder antreten darf.

Quelle: ntv.de

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