Politik

Alter Mann, fremdes Mexiko USA schieben Margarito nach 42 Jahren ab

L1003275.jpg

42 seiner 59 Lebensjahre verbrachte Margarito in den USA.

(Foto: Issio Ehrich / n-tv.de)

Margarito kommt in Mexiko zur Welt, doch den Großteil seines Lebens verbringt er in den USA. Er heiratet, zeugt sieben Kinder, macht eine kleine Handwerkerkarriere. Dann schieben ihn die USA ab. In seiner alten Heimat hat er nur noch eines: Angst.

Margarito dachte nicht weiter darüber nach. Er fuhr den Highway entlang, als seine Beifahrerin ihn bat, kurz ihr Bier zu halten. Margarito nahm die Flasche, wenig später hörte er die Sirenen. Die Polizei winkte ihn raus und stellte ihm ein Ticket aus.

Blöd gelaufen, sagt man da normalerweise. Im Falle Margaritos ist es ein bisschen mehr als das.

Der 59-Jährige ist ein illegaler Einwanderer aus Mexiko. Als er sich daranmachte, sein Bußgeld zu bezahlen, erwartete ihn keine gelangweilte Beamtin, ihn erwarteten Mitarbeiter des US Immigration and Customs Enforcement (ICE). Sie schoben Margarito ab - nach 42 Jahren in den USA.

Ich treffe den Mann im Juan Bosco Migrant Shelter, einer Notunterkunft in der mexikanischen Grenzstadt Nogales. Margarito liegt auf einem der Dutzenden Hochbetten und sieht unendlich müde aus.

So ein Bett ist etwas für Schulkinder, denke ich mir, nicht für einen Mann in Margaritos Alter. Ein bescheuerter Gedanke. Das Bett ist das geringste Problem. Margarito sagt: "Seit ich ausgewandert bin, war ich zwei Mal in Mexiko. Ich fühle mich hier völlig fremd."

Die Geschichte dieses Mannes ist eine der absurdesten, die ich während meiner Zeit in Mexiko zu hören bekomme. Eine Woche lang bin ich den Migrationsbewegungen nach Norden gefolgt. Ich habe gesehen, welch unfassbare Risiken und Entbehrungen Menschen auf sich nehmen, um in die USA zu kommen. Und ich habe erfahren, welche Hürden sie bis zum letzten Meter überwinden müssen. Margaritos Schicksal steht am Ende meiner Erlebnisse in Mexiko dafür, dass sich die meisten Menschen, die ich getroffen habe, nie ganz sicher fühlen können - selbst wenn sie es in die USA schaffen.

Bedroht von Gangs

Margarito kam in der Stadt Juarez im Norden Mexikos zur Welt. 1976 zog er mit seinen Eltern nach New Mexiko in den USA. 1981 lernte er seine Frau kennen, mit der er sieben Kinder bekam, alles US-Staatsbürger. Margarito lernte das Tischler-Handwerk. Er machte sich so gut, dass er zum Vorarbeiter wurde und 24 Jahre lang nichts anderes tat. Sein Dasein war bescheiden, er lebte in einem Trailer.

Sein Familienleben scheint auch nicht leicht gewesen zu sein. Er erzählt, dass er viel mit seiner Frau stritt. Weiter ins Detail möchte Margarito nicht gehen. Wenn er von seinem Leben in den USA spricht, klingt er trotzdem zufrieden. Kein Wunder bei den Umständen, in die er abgeschoben wurde.

Als Margarito im November aus der Abschiebehaft entlassen und über die Grenze gebracht wurde, war er völlig orientierungslos. Eine seiner ersten Erfahrungen: Auf der Suche nach einer Wohnung ging er in einem grenznahen Viertel auf und ab. Er fiel auf. Gangs bedrängten ihn. "Mexiko macht mir Angst", sagt Margarito.

Frau bereitet die Scheidung vor

Weil er zunächst keinen Unterschlupf fand, schlief er eine Zeit lang vor einem Krankenhaus und nutzte jede Gelegenheit, sich dort aufzuwärmen. Er hatte Glück, dass er den Juan Bosco Migrant Shelter fand. In vielen Unterkünften für Migranten dürfen die Leute höchstens drei Tage bleiben. Juan Francisco und seine Frau Gilda Loureiro , die die Einrichtung seit Jahrzehnten betreiben, lassen Margarito länger bleiben. Eine andere Option hat er auch nicht. "Ich will nicht wieder auf der Straße leben", sagt er.

Margarito glaubt nicht daran, dass er in Mexiko Arbeit findet. "Mit 59 doch nicht mehr", sagt er. Mein Spanisch-Übersetzer, den ich bei Margarito nicht brauche, sagt: "In Mexiko wird es schon schwer, wenn du älter als 35 bist."

Kürzlich meldete sich Margaritos Frau. Sie sagte ihm, dass sie die Papiere für die Scheidung vorbereite. Auf Hilfe aus den USA hofft er seitdem nicht mehr, auch nicht von seinen Kindern. Ich kann nicht herausfinden, was genau vorgefallen ist, aber das Verhältnis muss schon vor der Abschiebung zerrüttet gewesen sein. Offensichtlich ist aber: Margarito ist hier auf sich allein gestellt.

Trump hebt den Fokus auf gefährliche Straftäter auf

Wer nun glaubt, bei Margarito handele es sich um einen kuriosen Einzelfall, der irrt. Ein paar Pritschen weiter haben Rudolf und Manuel Quartier bezogen. Beide lebten vor ihrer Abschiebung mehr als 30 Jahre in den USA. Rudolf beschäftigte mehr als 100 Mitarbeiter in seiner Leiharbeitsfirma. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er einen Anhalter mitnahm, der eine kleine Menge Drogen bei sich hatte. Manuel sagt: "An diesem ganzen Mist ist Donald Trump schuld."

Der US-Präsident hat versprochen, rigoros abzuschieben und sich dabei nicht mehr nur auf gefährliche Straftäter zu konzentrieren, wie es früher der Fall war. Im vergangenen Fiskaljahr ging die Zahl der Festnahmen von illegalen Einwanderern in den USA zwar insgesamt zurück. Die Behörden führen das auf einen besseren Grenzschutz zurück. Die Zahl der illegalen Einwanderer, die im Inland aufgegriffen wurden und keine nennenswerten Straftaten begangen haben, schnellte dagegen in die Höhe, auf mehr als 140.000, ein Plus von 42 Prozent.

Margarito seufzt. "Ich werde schon wieder glücklich werden", sagt er. "Entweder hier oder im Himmel." Dann fügt er hinzu: "Ich hoffe, es passiert, solange ich noch lebe." Er stützt seinen Kopf auf seine Hand, so als ob sein Haupt ihm plötzlich eine zu große Last geworden wäre. "Ich will zurück", sagt Margarito. "Zur Not schleppe ich einen Rucksack." Er hasst die Vorstellung, für die Kartelle Drogen über die Grenze zu bringen, doch da er sich einen gewöhnlichen Schleuser nicht leisten kann, ist er auch dazu bereit.

Ich kann verstehen, dass er nicht in Mexiko bleiben will. Natürlich. Aber ich will mir nicht vorstellen, wie der alte Mann auf dem Hochbett vor mir mit 20 Kilo Marihuana auf dem Rücken durch die Wüste Arizonas stapft. Kann er diese Passage, eine der tödlichsten Migrationsrouten der Welt, überleben? Und falls ja: Was passiert, wenn ihn die US-Grenzpolizei fasst, ihn einsperrt, ein absurdes Bußgeld verhängt und dann wieder abschiebt?

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema