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Die gute Nachricht Und die Welt wird doch besser

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Auch wenn es der landläufigen Ansicht widerspricht: Es gibt viele Beispiele für einen Fortschritt in der Welt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stell dir vor, alles wird besser - und keiner kriegt es mit? Ob Kindersterblichkeit, Gewalt oder Verteilung des Reichtums: Vieles ändert sich in der Welt zum Positiven, nur wollen es die wenigsten wahrhaben.

Eigentlich ist die Frage gar nicht so vertrackt: Hat sich die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen in den vergangenen 100 Jahren verdoppelt, ist sie gleichgeblieben oder hat sie sich halbiert? Nur rund 10 Prozent gaben die richtige Antwort - die Zahl der Todesopfer hat sich halbiert. Affen hätten eine bessere Trefferquote als die befragten Menschen.

Die Frage ist eine von mehreren, die der schwedische Medizinprofessor Hans Rosling in seinem sogenannten Ignoranztest stellte. Darin geht es um die Impfquote von Kindern, die Entwicklung der Geburtenrate, die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Welt. Und das erstaunliche Ergebnis bei seinem Test: Fast durchweg waren die Antworten falsch, fast durchweg gingen die Befragten von den pessimistischeren Szenarien aus. Dabei entwickelt sich doch vieles in der Welt zum Besseren.

"Verzerrtes Bild der Welt"

"Wir haben ein verzerrtes Bild der Welt", glaubte Rosling. "Wenn wir etwas nicht wissen, tippen wir auf die schlechteste Möglichkeit." Rosling, der im vergangenen Jahr starb, hatte vor allem eine Mission: zu zeigen, dass wir uns in diesem Punkt irren. In Vorträgen, Fernsehauftritten und in seinem posthum erschienenen Buch "Factfulness" präsentierte er zahlreiche Zahlen und Grafiken, die belegen, dass sich doch vieles zum Positiven wendet. Nur halt von der Öffentlichkeit unbemerkt.

Auch andere Wissenschaftler versuchen, anhand von Fakten das weit verbreitete Mantra des "Alles wird schlechter" zu widerlegen. Einer von ihnen ist Max Roser, der in Oxford unterrichtet und die Webseite "Our World in Data" betreibt. Hier zeigt er anhand von zahlreichen detaillierten Grafiken, was sich in den vergangenen Jahren alles verbessert hat. Beispiele für Fortschritt gibt es in der Tat viele:

  • Vor 200 Jahren lebten rund 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute sind es nur noch 10 Prozent. Allein zwischen 1990 und 2015 befreiten sich durchschnittlich rund 137.000 Menschen pro Tag aus extremer Armut.
  • Im Jahr 1900 konnte nur jeder Fünfte lesen, heute sind es vier Fünftel.
  • 1990 starben noch mehr als 12 Millionen Kleinkinder. 2015 sind es weniger als 6 Millionen.
  • 1875 lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland noch unter 40 Jahren. Mittlerweile hat sie sich mehr als verdoppelt.
  • Der Pocken-Virus Variola, an dem im 20. Jahrhundert mehr als 300 Millionen Menschen starben, ist dank einer weltweiten Impfpflicht inzwischen ausgestorben.

Gewalt nimmt ab

Allein durch eine bessere medizinische Versorgung werden jährlich Millionen Menschenleben gerettet. Auch die Zahl derer, die eines gewaltsamen Todes sterben, hat deutlich abgenommen. So war das Risiko, erschlagen zu werden im Mittelalter 50 Mal größer als heute, wie der Harvard-Professor Steven Pinker betont. "Natürlich ist auf diesem Planeten nach wie vor alles möglich, auch das Schlimmste. Aus statistischer Sicht jedoch wird es immer besser", sagte der Psychologe im Interview mit dem Magazin "Spektrum". Seit 1945 sei die Zahl der an allen Kriegsschauplätzen der Welt Gefallenen stetig zurückgegangen, auch häusliche Gewalt und Vergewaltigungen nähmen ab.

Doch warum glauben dann so viele Menschen, dass früher alles besser war? Woher diese Tendenz zur Schwarzmalerei? Pinker antwortet hierauf mit einem Zitat des Journalisten Franklin Pierce Adam: "Nichts macht Erinnerung so schön wie ein schlechtes Gedächtnis." Dies hilft uns auch, die Vergangenheit ungeachtet aller Tatsachen zu verklären.

Und noch etwas trägt zu der Tendenz zur Schwarzmalerei bei: Katastrophen, Terroranschläge und Morde dominieren die Berichterstattung. Das mag zum einen mit dem Motto "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten" zusammenhängen. Zum anderen sorgen aber vor allem plötzliche Ereignisse für Schlagzeilen, während langsame Entwicklungen kaum Aufmerksamkeit erregen. Pinker formuliert das so: "Ein Reaktor kann explodieren, ein Gebäude einstürzen, ein Krieg ausbrechen, ein Terrorist angreifen - das sind News, brandaktuelle, heiße, heißgeliebte News. Aber wenn sich jeden Tag 130.000 Menschen aus extremer Armut befreien, dann ist das keine Schlagzeile wert."

"Fixiert aufs Negative"

Die Neigung der Menschen, ihren Fokus generell auf das Negative, das Nicht-Funktionieren zu richten, kann ja auch durchaus hilfreich sein, um Verbesserungen durchzuführen. Roslings Sohn Ola, der mit seinem Vater zusammen das Buch "Factfulness" verfasst hat, hält das Schwarzsehen für evolutionär bedingt. "Ständig in Sorge zu sein, dürfte für unsere Urahnen ein Überlebensvorteil gewesen sein", sagte er dem "Spiegel". "Leider sind wir, wenn es um unser Weltbild geht, noch heute fixiert aufs Negative, wir verlangen geradezu danach."

Natürlich gibt es auch nach wie vor Entwicklungen, die wenig Anlass zum Optimismus geben. Noch nie war der CO2-Ausstoß so hoch wie in diesem Jahr, die Erderwärmung schreitet rasant voran. Und dann gibt es auch bedenkliche Trends, die sich aber nur schlecht in Zahlen fassen lassen: In westlichen Ländern hält der Populismus Einzug und die Demokratie scheint plötzlich wieder ernsthaft in Gefahr. Dass es noch viel zu tun gibt, leugnen auch diejenigen nicht, die Welt für besser als ihren Ruf halten.

Natürlich seien wir noch nicht in der besten aller möglichen Welten angelangt, schreibt Roser. Allerdings sei es unverantwortlich, "nur darüber zu berichten, wie schrecklich unsere Situation ist". Ihn treibt vielmehr das Wissen an, dass Wandel möglich ist - wenn auch nicht garantiert. "Gerade weil die Welt schrecklich ist, ist es so wichtig, darüber zu schreiben, wie sie ein besserer Ort geworden ist."

Quelle: n-tv.de

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