Politik

Die Exilanten von Tadamun Vielen Syrern droht Abriss ihrer Häuser

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Die syrische Regierung darf beschädigte Viertel zum Entwicklungsgebiet erklären und die Eigentümer enteignen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit Mai ist Damaskus wieder vollständig unter Kontrolle der syrischen Regierung. Zurück in ihre Häuser dürfen viele Anwohner des Arbeiterviertels Tadamun jedoch nicht. Denn ein umstrittenes Dekret erlaubt es dem Staat, Eigentümer zu enteignen.

Die Dschihadisten sind seit Monaten aus Tadamun vertrieben, doch für die Einwohner des Viertels im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus gibt es keine rasche Rückkehr. Zuerst wollen die Behörden prüfen, ob die Häuser noch bewohnbar sind, und selbst wenn diese bei den Kämpfen nicht beschädigt wurden, droht vielen der Abriss. Denn ein Teil des Viertels ist im Oktober zur Stadterneuerungszone erklärt worden, was gemäß dem umstrittenen Dekret 10 die Enteignung der Eigentümer erlaubt.

Wie Tausende andere Einwohner von Tadamun darf Abu Mohammed nicht zurück - nur einmal hat er seit dem Abzug der Kämpfer des Islamischen Staats (IS) im Mai sein Haus gesehen. "Es gab nicht ein Einschussloch, es war nur geplündert", sagt der Bewohner des Arbeiterviertels, der seinen wahren Namen nicht nennen will. "Es ist so unfair für Bürger, die seit Jahren auf ihre Rückkehr warten und immer loyal hinter dem Staat gestanden haben."

Das umstrittene Dekret 10 erlaubt es der Regierung, beschädigte Viertel zum Entwicklungsgebiet zu erklären und die Eigentümer zu enteignen. Nur wer rechtzeitig vor Ablauf einer Frist einen Besitznachweis vorlegt, wird mit einem Anteil am neuen Immobilienprojekt entschädigt. In Tadamun soll der Wiederaufbau erst in einigen Jahren beginnen, doch die Regierung hat bereits eine Kommission eingesetzt, um den Zustand der Gebäude zu prüfen.

Bewohnbare Häuser werden versiegelt

Die Kommission soll klären, welche der 25.000 Wohneinheiten in Tadamun noch bewohnbar sind. Sie hat das Arbeiterviertel am Südrand von Damaskus in drei Sektoren eingeteilt, wovon der dritte das Gebiet umfasst, das zuletzt von der IS-Miliz kontrolliert wurde und durch die Kämpfe besonders stark beschädigt ist. Solange die Prüfung läuft, kann keiner der Einwohner zurückkehren, und die Zugänge sind durch Barrikaden versperrt.

Laut dem Kommissionsleiter Faisal Srur wurden in den ersten zwei Sektoren bisher 10.000 Wohneinheiten überprüft, von denen 2500 als bewohnbar und 1000 als nicht-bewohnbar eingestuft worden seien. Der Rest sei noch nicht klassifiziert, sagt Srur. Er erwartet, dass im dritten Sektor die meisten Einheiten als unbewohnbar deklariert würden. Doch auch die Häuser, die als bewohnbar gelten, werden bis zum Abschluss der Prüfung versiegelt.

"Warum können ich und Tausende andere Einwohner nicht nach Hause?", fragt der Anwalt Otham al-Aissami, der die anderen Bewohner vertritt. Er habe nach Ende der Kämpfe erwartet, dass das Viertel schwer beschädigt sei, doch seien in seinem vierstöckigen Wohnhaus lediglich die Fenster zersprungen, sagt er. Viele Einwohner sind besorgt, dass auch Häuser zum Abriss freigegeben werden, die gar nicht beschädigt sind.

"Werden niemanden auf die Straße setzen"

"Es ist unser Recht, nach Hause zurückzugehen", schreibt ein Einwohner auf der Facebook-Seite "Die Exilanten von Tadamun", die von empörten Bewohnern eingerichtet worden ist. "Wir werden nicht Ruhe geben, bevor wir Wohnungen haben", schreibt ein anderer. "Jeder Einwohner kann sein Haus ganz normal zurückbekommen, sobald er sein Eigentum nachgewiesen hat", versichert Tadamuns Bürgermeister Ahmed Iskandar.

Allerdings hatten in dem Viertel, das in den 60er Jahren von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen von den Golanhöhen errichtet wurde, selbst vor Kriegsbeginn nur zehn Prozent einen Eigentumsnachweis. Heute, nach sieben Jahren Krieg und Zerstörung, sind noch weniger im Besitz eines solchen Papiers. Entsprechend haben sie auch keinen Anspruch auf Entschädigung, wenn ihr Haus abgerissen wird.

Kommissionschef Srur versichert, dass niemand obdachlos würde. "Wir werden niemanden auf die Straße setzen, sondern ihnen eine Entschädigung zahlen oder eine Ersatzwohnung stellen", sagt der Behördenvertreter. Viele Einwohner fürchten aber, dass sie nie wieder nach Hause zurückkehren können und am Ende mit leeren Händen dastehen.

Quelle: ntv.de, Layal Abou Rahal, AFP