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"Wahnsinniger Druck" aus Syrien WFP: Wieder 500.000 neue Vertriebene

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Hunderttausende Häuser in Syrien sind zerstört.

(Foto: AP)

Auch wenn es kaum möglich scheint: Die Lage in Syrien verschlimmert sich weiter, für die Nachbarländer ist das eine "massive Belastung". Kurz vor der Geberkonferenz zu Syrien drängt das WFP auf klare Hilfszusagen.

Jakob Kern klingt resigniert. Seit zweieinhalb Jahren leitet er das Büro das World Food Programme (WFP) in Damaskus. "Doch die Lage hat sich eher verschlechtert als verbessert", sagt er bei einem Besuch in Berlin. Derartige Kriegshandlungen habe er seit 2016 noch nicht erlebt, die humanitäre Situation in Syrien habe sich verschlimmert. Allein in diesem Jahr gebe es 500.000 weitere Vertriebene – zu den 11 Millionen syrischen Flüchtlingen, die bereits innerhalb und außerhalb Syriens Schutz suchen.

Für das WFP, das rund die Hälfte der syrischen Flüchtlinge in der Region mit Lebensmittelpaketen oder Gutscheinen unterstützt, ist die Herausforderung gigantisch. Das Hilfswerk braucht bis Ende des Jahres 650 Millionen Dollar, um seine Hilfe in Syrien und den Anrainerstaaten aufrechterhalten zu können. Jetzt hofft es auf die an diesem Dienstag beginnende Geberkonferenz für Syrien, bei der sich in Brüssel Vertreter von 85 Ländern und Organisationen treffen werden.

"Wenn es in Brüssel nicht zu klaren Zusagen kommt, wird die Hilfe immer fragil sein", sagt Ralf Südhoff, Direktor des WFP-Regionalbüros für die Syrienkrise in Amman. Bisher bewege man sich immer am Rand der Pleite. Er erhofft sich von der Geberkonferenz in Brüssel vor allem stete Hilfen sowie Unterstützung auch für die Staaten in der Region, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben. Südhoff erinnert daran, dass sich 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Syrien aufmachten, als das WFP wegen geringer Spenden massiv die Hilfen kürzen musste. Dabei blieben die meisten Flüchtlinge, wenn sie die Wahl hätten, lieber in ihrer Region.

Allein in Syrien sind vier Millionen Menschen von der Hilfe durch das WFP abhängig. Tatsächlich kann das Hilfswerk zurzeit aber nur drei Millionen unterstützen, und selbst diese Hilfe musste es kürzen, da es zu wenig Spenden gibt. In absehbarer Zeit wird der Hilfsbedarf auch kaum abnehmen. Um Damaskus und in dessen Vorort Jarmuk sind die Kämpfe wieder aufgeflammt, im Süden nahe der Grenze zu Jordanien und Israel rechnen viele bald mit weiteren Angriffen.

Zwar kann das WFP in Syrien inzwischen alle Regionen wieder mit Hilfslieferungen erreichen. Allerdings sind noch immer zwei Orte in Idlib belagert, in das von der Terrormiliz IS zurückeroberte Rakka schickt es keine Mitarbeiter. Hier liegen noch Tausende Minen und Blindgänger. Mindestens zwei Menschen sterben täglich durch Minenexplosionen, so Kern. In der Stadt gibt es keine Wasserversorgung, keinen Strom, kein Telefon. Die Stadtverwaltung hat ihre Büros in einem leeren Gebäude und kann weder Geburten noch Eheschließungen registrieren.

"Die Situation ist sehr angespannt"

Auch in den Nachbarstaaten Syriens, im Libanon und Jordanien, ist die Lage enorm schwierig. Im Libanon leben inzwischen eine Million Syrer – und vier Millionen Alteingesessene, von denen allein 400.000 unter der Armutsgrenze leben. "Die Situation ist sehr angespannt", sagt der dortige WFP-Landesdirektor, Dominik Heinrich. "Auf das ganze libanesische System wird ein wahnsinniger Druck ausgeübt", so Heinrich, und erzählt von einem Bürgermeister, der nicht mehr wisse, wo er die Flüchtlinge begraben solle. Die Krankenhäuser sind überlaufen, Schulen arbeiten im Mehrschichtsystem und viele Flüchtlingskinder besuchen gar keine Schule. Inzwischen sagten nur noch zwei Prozent der Libanesen, dass es keine Spannungen zwischen ihnen und den Flüchtlingen gebe.

In Jordanien ist die Lage laut Südhoff kaum besser. Fast jeder Fünfte ist arbeitslos, im Januar beschloss die Regierung ein massives Sparprogramm, das die Lebenshaltungskosten weiter verteuert. Hinzu kommt: Das Grundwasser wird immer knapper, Schätzungen zufolge könnte es in 20 Jahren aufgebraucht sein.

In den Nachbarländern Syriens kann das WFP nur die "Ärmsten der Armen" unterstützen, sagt Heinrich. Und die Aufgabe ist ein enormer Balanceakt, darf doch die Flüchtlingshilfe nicht dazu führen, dass die einheimische Bevölkerung sich zurückgesetzt fühlt und so die Spannungen untereinander weiter steigen. Immerhin schaffte es das WFP im vergangenen Jahr, rund 40.000 Menschen im Libanon in Berufsbildungsprogrammen unterzubringen und ihnen so "enorme Hoffnung" zu geben. In diesem Jahr soll die Zahl auf 60.000 steigen.

Trotz all dieser Programme bleibt die Hilfe schwierig und erreicht längst nicht alle. Und so lange die Sicherheitslage prekär ist und viele Flüchtlinge nicht wissen, wie sie in Syrien ihre Existenz sichern können, werden wohl nur wenige in ihre zerbombte Heimat zurückkehren. Zwei Millionen Häuser sind laut Kern völlig zerstört. Und auch wer Glück hat und wessen Haus noch steht, muss damit rechnen, dass inzwischen andere Flüchtlinge dort wohnen.

Und dann gibt es für viele noch ein Problem: Wie lässt sich nach acht Jahren Krieg und Flucht noch nachweisen, was einem früher gehört hat? In Rakka etwa hat die Stadtverwaltung keine Dokumente mehr, sagt Kern. Und nur die wenigsten ins Ausland geflohenen Syrer haben einer Studie des Norwegian Refugee Council zufolge Eigentumsdokumente bei sich. Mithilfe eines neuen Gesetzes könnte sich Syriens Regierung nun auch noch mit einer Massenenteignung bereichern. Einem Bericht der "Welt" zufolge hat Damaskus ein Gesetz beschlossen, wonach alle Syrer ihre Immobilien innerhalb von vier Wochen registrieren lassen müssen. Andernfalls sollen sie dem Staat zufallen.

Kerns Prognose ist daher auch düster: Solange es keine politische Lösung für einen Frieden in Syrien gebe, werde der Druck auf die Nachbarländer steigen. Und er sagt: "Ich schätze, es wird nicht besser."

Quelle: n-tv.de

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