Politik

Immunisierung ist "Chefsache" Was Israel zum Impfweltmeister macht

imago0113670326h.jpg

Inzwischen kann jede und jeder Israeli ab 16 Jahre einen Impftermin für sich vereinbaren.

(Foto: imago images/Xinhua)

Biontech-Geimpfte sind nicht ansteckend - die Erfolgsmeldung basiert auf Daten aus Israel. Mit seiner Turbo-Impfkampagne wird der Staat selbst zum Forschungsobjekt. Doch was macht Israel so viel schneller als andere?

Beinahe ein Drittel aller Israelis haben den kompletten Impfschutz gegen Corona. 32,44 Prozent abgeschlossene Impfungen innerhalb der Bevölkerung weist die Johns Hopkins Universität in ihrem Impfüberblick dem Staat aus. Das ist nicht nur die höchste Impfquote weltweit, sondern auch eine, die für die allermeisten Länder, Deutschland eingeschlossen, derzeit in weitester Ferne erscheint. Mit seiner umfangreichen Impfkampagne hat Israel der Welt bewiesen, wie robuste Maßnahmen dem Virus Einhalt gebieten können.

Während viele Länder der Europäischen Union mit ihrer oft trägen Bürokratie Schwierigkeiten haben, eine erfolgreiche Impfpolitik auf die Beine zu stellen, geht in Israel - mit fast 5400 Coronatoten - die Vakzination ungehindert weiter, sieben Tage die Woche. Im Land gingen laut neuesten Studien die Neuinfektionen bei Menschen, die innerhalb weniger Wochen geimpft wurden, dramatisch zurück.

"Nach Israel auszuwandern hat sich als Sicherheitsvorteil herausgestellt," sagt Rivka Abucassis aus Jerusalem. Vor sieben Jahren verließ die Apothekerin ihre französische Heimat, wegen antisemitischer Anfeindungen von Teilen der arabischen Bevölkerung. "Während wir unsere zweite Impfung hinter uns haben, hat die EU weiterhin kein Konzept, um dem Virus Einhalt zu gebieten", stellt sie fest.

Erst doppelt so teuer, aber langfristig billiger

Doch was macht Israels Impfkampagne so erfolgreich? Zwar benutzt Premierminister Benjamin Netanjahu die erfolgreichen Corona-Maßnahmen als Werbung in eigener Sache für die Parlamentswahlen am 23. März. Aber er hat den Kampf gegen die Pandemie auch tatsächlich zur Chefsache gemacht. Hartnäckig ließ er seine Kontakte zur Pharmaindustrie bei der Beschaffung der Impfstoffe spielen. Und ging bei den Vertragsverhandlungen auf Risiko. Die kostspieligen Importe, die doppelt so teuer waren wie die der EU, dürften sich langfristig auszahlen, weil der wirtschaftliche Schaden so früher begrenzt wird.

Für die Beschaffung von Impfstoffen ist aber vor allem auch das hoch digitalisierte und gemeindebasierte Gesundheitssystem verantwortlich. Alle Bürger Israels sind laut Gesetz bei einer der vier Krankenversicherungen registriert, und jeder besitzt eine persönliche Krankenakte der letzten 25 Jahre. Für eine vertiefte Auswertung der Impfungen können die Hersteller deshalb auf eine Datenbasis zurückgreifen, die kaum ein anderes Land zu bieten hat. So lassen sich die Effekte der Vaccination sehr gut analysieren, Israels Impfkampagne wird so zur Feldstudie für Biontech/Pfizer, Moderna und Co. Auch mit der Digitalisierung des Gesundheitssystems ist Israel weiter als andere Staaten. "Alle vier tätigen Krankenkassen - Clalit, Maccabi, Me´uhedet, Le´umit - senden Gesundheitsnachrichten notfalls auch per SMS," sagt Abucassis.

Auch für die israelische Medizinforschung sind die hochwertigen Daten von entscheidender Bedeutung: Sie bilden die Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente und Behandlungen. Die Dynamik der letzten Dekade in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen gehören

*Datenschutz

zu den wichtigsten in der digitalen Gesundheitsrevolution. All diese Eigenschaften machen das Land für Pharmaunternehmen attraktiv. Pfizer betrachtet Israel als Testfall, wobei die Ergebnisse dazu dienen, Impfstrategien festzulegen, die das Unternehmen zur Erforschung von Covid-19 und anderen Krankheiten verwendet.

"Politiker haben aus Fehlern gelernt"

Israelische Experten sehen deshalb ihr Gesundheitssystem als federführend bei der Bekämpfung des Virus. Als die Impfkampagne startete, erstellte man landesweite Listen von Impfkandidaten, die nach Priorität geordnet und persönlich kontaktiert wurden. "Ich denke, die Politiker haben von ihren Fehlern gelernt und lassen die verantwortlichen Institute das tun, was sie können," sagt Dov Chernichovsky, Leiter des gesundheitspolitischen Programms der israelischen Denkfabrik Taub Center. Denn es lief nicht von Anfang an so reibungslos.

Der Experte kritisiert die Regierung dafür, die Pandemie-Reaktion der Wissenschaft zunächst untergraben zu haben, indem sie kaum mit den Krankenversicherungen kooperierte, insbesondere als es um die Tests ging. "Dass der Staat sie isolierte, war fahrlässig," erklärt er. "Viele unserer politischen Führer wollten in erster Linie die Situation für ihre persönliche Agenda ausnutzen."

Im Gegensatz zu herkömmlichen Versicherungsunternehmen sind Israels Krankenkassen nicht gewinnorientiert und spielen eine direkte Rolle bei der Erbringung medizinischer Dienstleistungen, der Beschäftigung von Ärzten und dem Betrieb von Kliniken, Apotheken sowie bei der Deckung der Kosten für die Pflege.

Herdenimmunität ist Ziel für Ende März

Den Grundstein dafür legten bereits die jüdischen Pioniere in der osmanisch- türkischen Zeit. Im Jahr 1912 gründete die Arbeiterpartei mit "Clalit" die erste Krankenversicherung des Landes, um Gesundheitsdienste für Arbeitergemeinschaften in landwirtschaftlichen Siedlungen bereitzustellen. Bald wurden weitere Kliniken eröffnet. Sie waren nach Regionen organisiert und wurden 1920 von der Histadrut übernommen, dem Dachverband aller Gewerkschaften.

"Zu dieser Zeit gab es bereits in Teilen Europas die Krankenversicherung, die die Gesundheitsversorgung unter anderem vom Arbeitgeber finanzierte", sagt Shifra Shvarts vom Zentrum für medizinische Ausbildung der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. "In Palästina, unter osmanischer Herrschaft, war das Wohlergehen der jüdischen Arbeiter nicht gesichert. Deshalb wandten sich die Pioniere an die bestehende Ärztekammer und gründeten die erste Krankenkasse."

Mit der Zeit und den charakteristischen politischen Spaltungen der zionistischen Bewegung kamen weitere hinzu - wie z. B. Maccabi, dass sich am deutschen System orientierte, um den Bedürfnissen von Siedlungen und Kollektiven zu dienen, die mit anderen politischen Parteien verbunden waren. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 wurden die Krankenkassen Teil des Gesundheitsministeriums, das über die direkte Bereitstellung der Leistungen entschied. Dies führte zu einer doppelten und wettbewerbsorientierten Beziehung, die erst 1995 durch eine Reform endete. "Heute gibt es ein Netzwerk an Kliniken, die landesweit neben der medizinischen Grundversorgung auch Corona- Impfungen anbieten," erklärt Shvarts.

Während Israel bis Ende März die Herdenimmunität erreichen will, schielt die Welt mit Bewunderung und Neid auf den Staat. "Israel hat eines der größten Ergebnisse im Gesundheitswesen erzielt", sagt Rivka Abucassis. Stolz erklärt sie, dass sich das Land zu einem führenden Entwickler und Exporteur von lebensrettender Technologie und Fachwissen in Medizin entwickelt hat: "Unter all den Umständen des letzten Jahrhunderts ist es ein Wunder."

Quelle: ntv.de