Politik

Kampf um Donbass-Großstadt Was für die Ukraine in Sjewjerodonezk spricht

288853715 (1).jpg

Ukrainische Soldaten in Sjewjerodonezk.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Mit großem Aufwand versuchen Moskaus Truppen die letzten ukrainischen Gebiete in der Region Luhansk zu erobern. In der Stadt Sjewjerodonezk spitzt sich die Lage zu. Ein ukrainischer Militärkorrespondent sieht dennoch einige Faktoren, die für die Verteidiger sprechen.

Seit gut sechs Wochen tobt im Donbass die zweite Phase der russischen Invasion. Nach etlichen Rückschlägen zu Beginn verzeichnen Moskaus Streitkräfte wieder Geländegewinne. Grund für die Erfolge dürfte auch der eingeleitete Strategiewechsel Moskaus sein. Statt sich auf einen großen Zangenangriff zu konzentrieren, attackieren Russlands Truppen die Front nun an mehreren Punkten gleichzeitig.

Einen wichtigen Frontdurchbruch gelang den russischen Streitkräften mit der Eroberung der Stadt Popasna. Von dort aus stoßen Moskaus Einheiten seit etwa zwei Wochen nach Norden in Richtung Sjewjerodonezk und nach Westen in Richtung des wichtigen Verkehrsknotenpunkts Bachmut vor. Militärexperten befürchten, dass der Kreml die etwa 10.000 ukrainischen Verteidiger im Ballungsraum Sjewjerodonezk - Lyssytschansk einkesseln will.

Für die Führung in Moskau scheint die Eroberung von Sjewjerodonezk und Lyssytschansk absoluten Vorrang zu haben. Die beiden Großstädte sind die letzten in der Region Luhansk, die noch von der Ukraine gehalten werden. Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die Einnahme des Donbass zuletzt eine "bedingungslose Priorität" für sein Land. Dafür ziehe Moskau sogar Reserven von anderen Frontabschnitten ab, meldete das US-Militärforschungsinstitut ISW.

Einheiten des Kreml drängen bereits frontal nach Sjewjerodonezk. Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Gajdaj, bezeichnete die Lage als "äußerst kompliziert". Am Abend meldete er, dass die Stadt weitgehend von den Russen erobert sei. Droht der Ukraine nun ein zweites Mariupol, wie es Gajdaj bereits vergangene Woche befürchtete?

Der ukrainische Militärkorrespondent Illia Ponomarenko sieht die Voraussetzungen für eine Belagerung noch nicht gegeben. Um den Ring um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zu schließen, müssten die von Westen kommenden Truppen Moskaus den Siwerskyj Donez überwinden, schreibt Ponomarenko im US-Magazin "Forbes". Die Überquerung des Flusses war schon einmal unter hohen Verlusten gescheitert.

Zudem habe der ukrainische Generalstab am Wochenende drei aufgefrischte Brigaden in das Kampfgebiet geschickt. Die Nachschublinien in die Stadt seien weiterhin intakt. Für die Verteidiger spreche auch das Gelände, meint Ponomarenko. Da das südlich angrenzende Lyssytschansk auf einem Hügel liege, lasse sich Sjewjerodonezk gut überblicken. Beide Städte sind zudem durch den Siwerskyj Donez getrennt, der eine natürliche Barriere darstelle. Bereits am Wochenende brachte Gajdaj einen taktischen Rückzug auf die andere Uferseite ins Spiel.

Dennoch bezeichnet Ponomarenko den kommenden Monat als schwierige Phase für die Ukraine. Der Journalist geht davon aus, dass Kiew die russischen Verbände in der befestigten Stadt weiter dezimieren will. Er rechnet mit einem langwierigen Häuserkampf und vielen Opfern.

Doch was passiert im Anschluss? Wird Putin nach der Eroberung des Donbass eine weitere Offensive starten? Das ISW hält das für unwahrscheinlich. "Wenn die Schlacht um Sjewjerodonezk vorbei ist, egal welche Seite am Ende die Stadt kontrolliert, wird die russische Offensive auf operativer und strategischer Ebene wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht haben", schreiben die Analysten am Wochenende in ihrem Lagebericht.

Die ukrainische Armee habe den russischen Streitkräften im Raum Sjewjerodonezk bereits enorme Verluste zugefügt. Moskau werde nicht in der Lage sein, genügend Männer für eine weitere Offensive zu finden, da es seine Soldaten im Kampf um die Stadt als "Verbrauchsmaterial" einsetze, so die Experten.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen