Politik

Hitler und der Ex-Kronprinz "Wilhelm hat den Nazis street credibility verschafft"

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Hitler und der ehemalige Kronprinz Wilhelm von Preußen am 21. März 1933, dem "Tag von Potsdam", vor der Garnisonkirche.

(Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14437 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Im Jahr 1932 ruft der ehemalige Kronprinz Wilhelm zur Wahl von Adolf Hitler auf, beim "Tag von Potsdam" im März 1933 ist er Teil einer "Propagandashow, mit der die Nationalsozialisten versuchten, das alte Reich mit ihrer Bewegung zu verbinden", wie der Historiker Stephan Malinowski sagt. Malinowskis Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" ist erst vor drei Monaten erschienen und schon ein Standardwerk. Ein Interview.

ntv.de: Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es so aus, als sei die Monarchie im November 1918 wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Alle deutschen Fürsten dankten ab, der Kaiser ging ins Exil, Deutschland wurde eine Republik. Warum war es so leicht, die Monarchie zu beseitigen?

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Stephan Malinowski lehrt Modern European History an der University of Edinburgh. 2014 erstellte er ein Gutachten für die brandenburgische Landesregierung zu der Frage, ob der ehemalige Hohenzollern-Kronprinz Wilhelm den Nationalsozialismus unterstützt hat, oder nicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Stephan Malinowski: Ganz so leicht war es nicht, immerhin bedurfte es eines Weltkriegs mit Millionen Toten. Auch die Russische Revolution von 1917 muss man als begünstigendes Ereignis hinzunehmen, also den Eintritt des Kommunismus in die Weltgeschichte - mit allen Ängsten, die im deutschen Bürgertum damit verbunden waren. Der Fingerzeig, der die Kaiserfamilie vom Thron schnippte, war relativ leicht, denn die Potentaten mussten nicht mit Gewalt entfernt werden. Aber ohne die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", wie George Kennan den Ersten Weltkrieg genannt hat, sind die Revolution von 1918 und der Sturz der Monarchie kaum vorstellbar.

Welche Rolle haben Monarchisten in der politischen Kultur der Weimarer Republik gespielt? Warum war die Wiedererrichtung der Monarchie nie eine reale Option?

Man neigt dazu, die Geschichte von ihrem Ergebnis her zu lesen, im Fall der Weimarer Republik also von 1933 oder von 1945. Aber aus der Perspektive der Zeitgenossen war es keineswegs ausgemacht, dass die Monarchie nicht wiederkommt. Um einzuschätzen, wie viel Momentum der Monarchismus in der Weimarer Republik hatte, kann man auf zwei Ebenen messen. Man kann schauen, welche Parteien die Rückkehr zur Monarchie unterstützten, welche Stimmanteile sie bei den Wahlen erreichten und wie stark die monarchistischen Organisationen waren. Dann wäre die Antwort, dass der Rückhalt der Monarchie erstaunlich klein war - ein republikanischer Journalist hat die Organisationen der Monarchisten deshalb als "politische Kleintiere" bezeichnet.

Und die zweite Ebene?

Dies wäre die Ebene der Emotionen und der unbestimmten Sehnsüchte in dieser gebrochenen Republik, in der jeder nach Orientierung zu suchen scheint. Ich habe diese Sehnsucht mit dem uralten Kyffhäuser-Mythos des im Berg schlafenden Königs zu beschreiben versucht, der eines Tages erwacht und das Reich zu neuen Herrlichkeiten führt. Wir können davon ausgehen, dass ein sehr großer, numerisch schwer einschätzbarer Teil der deutschen Bevölkerung noch vage monarchistische Sympathien hegte. Der Monarchismus, genauer, die vagen Hoffnungen, die an ihn geknüpft waren, bleiben bis zum Ende der Weimarer Republik eine ernstzunehmende politische Kraft.

Unter den Hohenzollern war der ehemalige Kronprinz Wilhelm von Preußen, der 1923 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte, eine zentrale Figur. In welcher Form wurde er politisch aktiv?

Im Grunde hat er nie aufgehört, politisch aktiv zu sein. Im Kaiserreich stand er am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums, im Ersten Weltkrieg war er Befehlshaber der größten deutschen Heeresgruppe an der Westfront. Nach dem Krieg geht er ins Exil in die Niederlande. Auch dort, in den fünf Jahren bis 1923, hat er einen Beraterstab von Journalisten, Ghostwritern, Juristen und hohen Offizieren, die mit ihm und für ihn agieren. Als er 1923 zurückkehrt, agiert er in verschiedenen Kreisen der politischen Rechten. Er unterhält Kontakt zu den Spitzen der großen konservativen Parteien, zu Offizieren aus der Reichswehr, zu den ostelbischen Großgrundbesitzern, insbesondere in Schlesien. Wilhelm ist aber auch verbunden mit eher kryptischen Organisationen wie dem Deutschen Herrenklub oder der Gesellschaft zum Studium des Faschismus.

Die Gesellschaft zum Studium des Faschismus?

Das war ein Zirkel von Universitätsprofessoren, Militärs und Politikern, die das italienische faschistische Modell, in dem es ja noch einen König gab, als Modell für Deutschland sahen. Die vielleicht wichtigste Organisation, mit der Wilhelm verbunden war, war der Stahlhelm, ein konservativer Wehrverband, der der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahestand. 1930 hatte der Stahlhelm etwa 500.000 Mitglieder. Dazu muss man wissen, dass die Reichswehr nur aus 100.000 Mann bestand; der Stahlhelm hatte also numerisch die fünffache Stärke der regulären Armee. Wilhelm von Preußen tritt bei Veranstaltungen des Stahlhelms auf und macht Werbung für den Verband. Und natürlich äußert er sich in den Medien, gibt Interviews und veröffentlicht Aufrufe. Der mit Abstand wichtigste Aufruf ist von April 1932, als er sich in der Stichwahl der Reichspräsidentenwahl öffentlich für Hitler ausspricht und verkündet, er selbst werde Hitler wählen. Diese Nachricht geht schlagartig durch die gesamte deutsche und internationale Presse und schlägt vor allem in konservativen Milieus hohe Wellen.

Die Wahl gewinnt Hindenburg, aber Wilhelm von Preußen behauptet später, sein Aufruf habe Hitler zwei Millionen Stimmen eingebracht. Ist das realistisch?

Historiker haben darüber viel gestritten und sinnige und unsinnige Aussagen dazu gemacht - ich selber auch. Letztlich verfügt die Geschichtswissenschaft über kein Werkzeug, um solche Fragen genauer zu vermessen. Mittlerweile sage ich: Es könnten auch drei Millionen Stimmen gewesen sein oder nur 854.000. Jedenfalls hatte der Aufruf eine Wirkung, die man anhand der Berichterstattung und der Diskussionen sehr eindeutig nachvollziehen kann: In einer konterrevolutionären Situation - die Weimarer Republik befand sich ständig in einer konterrevolutionäre Situation - spricht sich der Sohn des ehemaligen Kaisers dafür aus, den kurz zuvor noch staatenlosen Adolf Hitler zu wählen statt Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Das ist natürlich eine spektakuläre Ankündigung. Die Vorstellung, das sei wie ein Kieselstein versunken und nicht beachtet worden, ist vollkommen absurd. Wilhelm von Preußen hatte zu diesem Zeitpunkt immer noch eine herausragende und geradezu einzigartige Funktion im konservativen Milieu. Es gab viele Konservative, die ihn für seine Liebschaften und seine Haltlosigkeit kritisierten. Aber er war der Thronprätendent. Daran kamen Monarchisten nicht vorbei.

Sie gehen davon aus, dass Wilhelm von Preußen sich am italienischen Faschismus orientierte. Gab es konkrete Pläne, in Deutschland das italienische Modell zu errichten?

Die Begeisterung für den italienischen Faschismus ist in der gesamten Familie Hohenzollern präsent, beim Kaiser und beim Kronprinzen. Wilhelm von Preußen fährt auch immer wieder nach Italien, trifft Mussolini und den italienischen König Viktor Emanuel III.

Für die Hohenzollern gab es verschiedene Optionen, die zwar alle sehr vage waren. Aber gerade darin lag ihre Kraft. König oder Kaiser konnte Wilhelm von Preußen nicht werden, solange sein Vater lebte; der ehemalige Kaiser starb erst 1941 im niederländischen Exil. Dieses Problem wurde unter Monarchisten tatsächlich diskutiert. Eine mögliche Lösung wäre die Figur des Reichsverwesers gewesen. Ein Begriff aus verklungenen Zeiten, der vereinfacht gesagt ein Konzept bezeichnet, in dem jemand das Reich verwaltet, bis der nächste Prätendent kommt, etwa ein Sohn des ehemaligen Kronprinzen. Eine weitere Option war, dass Wilhelm von Preußen selbst Reichspräsident wird und Hitler zu seinem Kanzler macht. Auch das wurde 1932 ernsthaft diskutiert. Die konservativen Eliten gingen zu dieser Zeit im Grunde davon aus, dass es eine gute Idee ist, es mal mit "dem Anstreicher" zu versuchen, wie sie Hitler nannten - Hauptsache, die Republik wird zerstört. Welche Staatsform genau daraus hervorgehen würde, eine Militärdiktatur, eine Monarchie oder ein Reichsverweser, das war für die Konservativen eine mehr oder minder offene Frage. Sie gaben die Macht Hitler - denn es war eine Machtübergabe, keine "Machtergreifung" - in der Hoffnung, ihn manipulieren zu können. Für einen Teil der Konservativen ging das bekanntlich sehr schlecht aus.

Welches Verhältnis hatten die konservativen Eliten zu den Nazis?

In konservativen Kreisen gibt es zu Beginn der 1930er-Jahre sehr viel Ressentiment gegen die Nationalsozialisten - weniger aus politischen Gründen, eher aus Standesdünkel. Hitler wird als Prolet gesehen, als Aufsteiger, seine Bewegung gilt einigen als im Kern bolschewistisch. Die konservativen Eliten haben Angst, von den Nazis enteignet zu werden. Zugleich gibt es sehr viel Übereinstimmung mit den Nationalsozialisten: Sie sind beide antisemitisch, antirepublikanisch, sie hassen die Sozialisten und die Kommunisten und sie planen einen antibolschewistischen Krieg.

Im März 1933 hatte der Ex-Kronprinz einen Auftritt beim "Tag von Potsdam", diesem symbolischen Tag, an dem Hitler sich in die Tradition der deutschen Kaiser stellte.

Der "Tag von Potsdam" war eine Propagandashow, mit der die Nationalsozialisten versuchten, das alte Reich und die alten Traditionen mit ihrer Bewegung zu verbinden. Das wird symbolisch abgebildet in der Potsdamer Garnisonkirche, in der Hitler eine Rede hält und Hindenburg Kränze in der Gruft ablegt, in der die Särge von Friedrich dem Großen und Friedrich Wilhelm I. stehen. Der ehemalige Kronprinz nimmt an dieser Veranstaltung als der höchste auf deutschem Boden lebende Repräsentant des Königshauses teil. Er ist prominent platziert in der sogenannten Kaiserinloge, sodass Hitler seine Rede wie über Hindenburg hinweg auch an Wilhelm von Preußen richtet.

Welche Rolle spielte Wilhelm von Preußen an diesem Tag?

Wilhelm war nach Hindenburg die wichtigste Figur dieses Tages. Für die konservativen Eliten ist es ein Signal: Wilhelm verschafft den Nationalsozialisten konservative street credibility. Die Anwesenheit des ehemaligen Kronprinzen signalisiert: Wir können diesen Leuten trauen. Aus der Mediendemokratie wissen wir, wie wichtig Fotos und Symbole sind. Das gab es schon damals: Wilhelm von Preußen war gewissermaßen ein Influencer, der seinen Einfluss für die Nationalsozialisten geltend gemacht hat. Dass er sich mit Hakenkreuzbinde fotografieren lässt, ist viel stärker zu gewichten als die Frage, ob er einen Sitz im Kabinett bekommt - den bekommt er natürlich nicht. Ein König oder Thronprätendent wird nicht Minister, Staatssekretär oder Kassenwart, ein König tritt auch in keine Partei ein. Aber ein König kann Legitimität verleihen.

Hatte der ehemalige Kronprinz das nötige politische Gewicht dazu?

Mein Kollege Christopher Clark hat Wilhelm von Preußen mal "eine Flasche" genannt, und das ist auch richtig. Der Mann war eine Flasche. Wenn man die europäische Geschichte durchgeht und sich die Fürsten, Könige und Kaiser ansieht, dann findet man da viele Flaschen. Aber in einer Monarchie und aus Sicht von Monarchisten ist ein König oder ein Kronprinz nicht als konkreter Mensch relevant, sondern als Figur mit einer symbolischen Funktion.

Kürzlich ist ein Band mit Aufsätzen über die "Hohenzollern-Debatte" erschienen, dessen Autoren anders als Sie davon ausgehen, der Kronprinz sei "eher eine randständige Figur gewesen", wie der Historiker Dietmar Süß in einer kritischen Rezension zusammengefasst hat, "einer, der sich zwar mit den Nationalsozialisten eingelassen, aber kaum über eigenständiges politisches Gewicht verfügt habe; ein Mann ohne Charisma, eine belächelte Figur des Weimarer Jetsets". Ist das ein neuer Historikerstreit?

Diese Debatte ist hin und wieder so genannt worden. Ich denke, man muss ein bisschen abwarten, ob es wirklich ein Historikerstreit wird. Es gibt eine Reihe von Kollegen - Kolleginnen sind bislang nicht darunter -, die die Rolle von Wilhelm von Preußen anders sehen als ich und die Mehrheit der Historikerinnen und Historiker in Deutschland. Ich beobachte das seit 2014, es ist interessant, wie sich die Argumentationsmuster mit den Jahren verschoben haben. Zunächst wurde Wilhelm als unbedeutende Randfigur dargestellt, mit wenig Erfolg. Dann hieß es, der ehemalige Kronprinz habe gemeinsam mit Reichskanzler Kurt von Schleicher den Plan gehabt, Hitler zu verhindern. Diese Darstellung wurde von der Geschichtswissenschaft einhellig zurückgewiesen. Der von Ihnen erwähnte Sammelband geht jetzt wieder zehn Jahre zurück zum Gutachten von Christopher Clark aus dem Jahr 2011 …

… von dem dieser sich mittlerweile distanziert hat.

Nach meiner Auffassung es eindeutig belegt, dass Wilhelm zwar eine Flasche war, aber dennoch starken Einfluss hatte und den Nationalsozialismus stetig und wirkungsvoll unterstützt hat.

Ihre Formulierung ist ein historisches Urteil, aber es gibt auch einen juristischen Aspekt: Das Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 schließt eine Entschädigung aus, wenn ein Vorfahre des Antragstellers dem nationalsozialistischen System "erheblichen Vorschub geleistet hat".

Dagegen wird von diversen konservativen Historikern nun der Einwand vorgebracht, andere hätten deutlich stärker Vorschub geleistet. Dies ist richtig. Nur: Niemand hat je anderes behauptet. Natürlich war etwa Reichspräsident Hindenburg als Wegbereiter des Nationalsozialismus sehr viel wichtiger, und mir würden spontan mindestens zwanzig weitere Figuren einfallen, die einflussreicher waren als Wilhelm von Preußen. Doch was soll das für ein Argument sein? Das ist, als würde man fragen, ob die Nationalsozialisten auch ohne den ehemaligen Kronprinzen an die Macht gekommen wären.

Und, wären die Nationalsozialisten ohne den ehemaligen Kronprinzen an die Macht gekommen?

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Selbstverständlich ist das so, niemand hat je etwas anderes behauptet. Das gilt aber für jeden außer Hitler. Auch ohne Goebbels, ohne Göring oder ohne Himmler wäre der Nationalsozialismus an die Macht gekommen. Man nennt das kontrafaktische Geschichtsschreibung. Mein Kollege Richard Evans hat ein sehr eindrucksvolles Buch darüber geschrieben. Gerade für konservative Historiker ist es ein angenehmer Ausweg, weil sie so kleinreden können, wie sich die konservativen Eliten 1933 verhalten haben. Aber die Frage, was passiert wäre, wenn es keinen Ersten Weltkrieg gegeben hätte oder wenn Deutschland 1918 eine konstitutionelle Monarchie geworden wäre - das ist keine Debatte für die Geschichtswissenschaft, sondern eher für ein kultiviertes Stammtischgespräch nach dem dritten Bier. Das Gesetz von 1994 fragt nach erheblichem Vorschub für den Nationalsozialismus, und die Antwort auf diese Frage kann nach der Auffassung der meisten Fachkollegen nur sein: Ja, das trifft auf Wilhelm zu.

Sie befinden sich seit Jahren im Rechtsstreit mit Georg Friedrich von Preußen, dem Urenkel des ehemaligen Kronprinzen und heutigem "Chef des Hauses".

Vor einigen Tagen hat das Landgericht Berlin eine Klage des Herrn Georg Friedrich Prinz von Preußen gegen mich zurückgewiesen. Auch am Kammergericht (in Berlin), am Landgericht Hamburg und am Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg war mein Rechtsanwalt Marcellus Puhlemann mehrfach gegen Georg Friedrich Prinz von Preußen beziehungsweise - in Hamburg - gegen seinen Medienanwalt erfolgreich. Ob jetzt, nach zweieinhalb Jahren Rechtsstreit, ein Ende erreicht ist, ist noch nicht abzusehen.

Worum geht es da?

2015 ging es um ein Strafverfahren mit dem Vorwurf, ich hätte in einem Zeitungsartikel Privatgeheimnisse verletzt. Das Verfahren wurde eingestellt. Im für mich wichtigsten Fall geht es um einen Satz, den ich 2019 in einer Mail an eine Journalistin formuliert habe, der von mir nie zur Veröffentlichung intendiert war und der dann ohne meine Kenntnis in einen Artikel aufgenommen wurde.

Es gibt ein Hohenzollern-Klage-Wiki des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Haben Sie einen Überblick, wie viele Klagen Georg Friedrich von Preußen im Zusammenhang mit dem Thema der Entschädigungen angestrengt hat?

Es sind in diesem Wiki über 80 Klagen dokumentiert, betroffen sind vor allem Journalisten, Medien und einige Historiker. Georg Friedrich von Preußen selbst hat im Gespräch mit der "Welt" mal die Zahl 120 genannt.

Würden Sie sich außergerichtlich mit dem Kläger einigen?

Ich wurde seit nun fast sechs Jahren mehrfach juristisch angegriffen. Mein Ziel war und bleibt, dass diese juristischen Angriffe vor Gericht entschieden werden. Wie gesagt, sind die Entscheidungen Stand heute zu meinen Gunsten ausgefallen. Wir werden sehen, ob die Gegenseite gegen die jüngste Landgerichtsentscheidung Berufung einlegt. Es geht dabei im Übrigen nicht primär um meine eigenen Fälle. Es sind weitere Fälle offen. Ich merke, dass viele Journalisten und Medien beim Thema der Entschädigungen für die Hohenzollern nervös werden.

Wir haben schon kurz über den Tag von Potsdam gesprochen. Sie schreiben in Ihrem Buch, der Ex-Kaiser habe seinen Sohn gebeten, dieser Veranstaltung fernzubleiben. Ist das ein Hinweis auf ideologische Distanz zum Nationalsozialismus?

Wilhelm II. war sein Leben lang eine schwankende Figur, zumindest metaphorisch könnte man ihn als manisch-depressiv beschreiben. Er hatte extreme Hochs und Tiefs und war schon in seiner Zeit als Kaiser berühmt für seine schwankenden, sprunghaften Haltungen und Entscheidungen. In seinem niederländischen Exil im Haus Doorn versank er in einem tiefen Morast aus immer absurderen antisemitischen Verschwörungstheorien. Gekoppelt war das mit einer megalomanen Weltsicht: Er glaubte, alle Probleme Deutschlands, wenn nicht Europas könnten nur mit und von ihm gelöst werden. Sein Verhältnis zum Nationalsozialismus änderte sich geradezu wöchentlich, manchmal täglich. Zwischen 1930 und 1933 glaubte er, der Nationalsozialismus werde ihn auf den Thron zurückbringen. Als 1933 klar wird, dass das Schiff in eine andere Richtung fährt und er als Kapitän nicht vorgesehen ist, wandelt Wilhelm seinen Ton sofort. Was er genau über den Tag von Potsdam gesagt hat, wissen wir nicht. Aber sein wichtigstes Problem dürfte gewesen sein, dass er bei dieser gewaltigen Inszenierung nicht im Mittelpunkt stand.

Mit Stephan Malinowski sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de

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