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Spahns Luxus-Villa Ziemlich geschmacklos

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Jens Spahn hat hart gearbeitet in den vergangenen Monaten.

(Foto: imago/photothek)

Jens Spahn arbeitet hart in der Corona-Krise. Warum soll er sich privat nicht eine schöne Villa kaufen dürfen? Weil das Privatleben von Spitzenpolitikern auch politisch ist. Und da fängt die Geschmacklosigkeit an.

Wie hart Politiker arbeiten, bleibt den meisten Menschen verborgen. Öffentliche Auftritte, Statements, Pressekonferenzen sind nur ein kleiner Teil dessen, was diese Menschen leisten. Bei einfachen Abgeordneten sind 60-Stunden-Wochen keine Seltenheit. Wie viel Ministerinnen und Minister arbeiten, ist unterschiedlich. Aber 18 Stunden am Tag bei einer Sechs- oder Sieben-Tage-Woche sind wohl Normalität.

So wie - und vor allem wie - Jens Spahn. Denn als Gesundheitsminister hat er in den vergangenen Pandemie-Monaten ganz sicher zu den Kabinettsmitgliedern gehört, die am härtesten gearbeitet haben. Und ja, es gab Fehleinschätzungen, zu wenige Masken, dann wieder zu viele Masken. Aber letztlich ist es dem Krisenmanagement der Bundesregierung und damit auch Spahn zu verdanken, dass Deutschland bisher vergleichsweise glimpflich durch die Corona-Krise gekommen ist. Warum soll es sich der Mann nicht mit seinem Ehemann in einem schönen Haus gemütlich machen dürfen, ohne dass es gleich wieder Diskussionen gibt?

Zumal er ja nicht in den Steuermittel-Topf seines Ministeriums greift, um die Immobilie zu bezahlen. Als Minister verdient er rund 200.000 Euro im Jahr. Sein Ehemann ist Büroleiter und Lobbyist und dürfte ebenfalls ein sechsstelliges Gehalt bekommen. Kurz gesagt: die beiden können sich das leisten. Und der jetzt aufgetauchte Bericht, wonach er einen Kredit bei einer Bank genommen hat, bei der er mal im Verwaltungsrat saß? Na und. Die Bank kennt Spahn, Spahn kennt die Bank und ist es nicht geradezu vorbildlich, dass er sich Geld bei einem Institut in seinem Wahlkreis leiht und damit die lokale Wirtschaft unterstützt?

Die Aufregung um Spahns Hauskauf beruht auf Neid und einer urdeutschen Kultur, in der sich Leistung eben nur ein bisschen lohnen darf - könnte man meinen. Aber das ist nur die eine Seite. Denn das Argument, seine Villa sei Spahns Privatsache, gilt nur bedingt. Als Spitzenpolitiker ist Privatleben eben auch politisch.

Das Land steckt in der Krise, der Minister kauft eine Villa

Oder wie etwa wirkt ein Politiker, der dafür wirbt, auf Langstreckenflüge zu verzichten, und selbst Urlaub in der Karibik macht? Was wäre von einem Verkehrspolitiker zu halten, der für nachhaltigen Verkehr wirbt und selbst einen Sportwagen fährt? Oder einer, der sagt, man solle seine Kinder auf öffentliche Schulen schicken und für seine eigenen Sprösslinge das Privatinternat wählt? Bürgerinnen und Bürger dürfen von Politikern erwarten, dass ihr Privatleben nicht im Widerspruch zu politischen Positionen steht.

Und eben da wird es bei Jens Spahn schwierig. Denn er ist eben nicht nur der Minister einiger hoch bezahlter Chefärzte, die ihm vielleicht zu seiner Villa gratulieren würden. Spahn ist als Gesundheitsminister auch der Spitzenpolitiker von Hunderttausenden Angestellten im Gesundheits- und Pflegesektor, die meist eher am unteren Ende der Einkommenspyramide stehen. Diese Menschen kämpfen zum Teil seit Jahren erfolglos für bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung. In der Corona-Krise bekamen sie stehende Ovationen im Bundestag - doch verändert hat sich für sie seither dennoch fast nichts. Was löst die Nachricht, dass sich der Gesundheitsminister seinen Traum von der Millionen-Villa erfüllt, wohl bei diesen Menschen aus?

Und da ist noch mehr. Die Corona-Krise hat die wirtschaftlichen Existenzen sehr vieler Menschen in diesem Land ausgelöscht. Und viele weitere Menschen müssen in der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Gürtel teils deutlich enger schnallen. Ein Minister, der sich genau in einer solchen Zeit eine Luxus-Immobilie kauft, gestaltet sein Privatleben. Aber er bestätigt auch das Klischee vom abgehobenen, volksfernen Politiker und beweist mindestens ein gehöriges Maß an Geschmacklosigkeit und mangelndem Fingerspitzengefühl.

Quelle: ntv.de