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WM-Debakel gegen Ungarn Brand verzweifelt am DHB-Team

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Heiner Brand ist seit 14 Jahren Handball-Nationaltrainer. Sein 17. Großturnier als verantwortlicher Coach ist ein unerklärliches Auf und Ab.

(Foto: REUTERS)

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt - zwischen diesen Extremen pendelt die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der WM in Schweden. Der Gala gegen Island folgt ein Albtraum gegen Ungarn. Das WM-Halbfinale ist verspielt, Olympia in Gefahr - und Coach Heiner Brand ratlos wie selten.

Das Spiel war aus, und Heiner Brand verstand die Handball-Welt nicht mehr. Zuvor hatte sein Team, die deutsche Handball-Nationalmannschaft, bei der WM in Schweden erneut bewiesen, dass Wankelmut die einzige Konstante in ihrem Spiel ist. Der Leistungsexplosion gegen die Handball-Größe Island ließ sie eine Leistungsimplosion gegen Handball-Zwerg Ungarn folgen. Und nun sollte Heiner Brand erklären, was einfach nicht zu verstehen ist.

Brand war ratlos, weil auch er sich sein Team nicht mehr erklären kann. Als er sprach, blickte der 58-Jährige traurig. Er ließ die Schultern hängen, seine Worte kamen gepresst unter dem buschigen Schnauzbart hervor, den Brand, so schien es, ebenfalls hängen ließ. Zuvor hatte er am Spielfeldrand getobt, geschrien und wild gestikulierend seine Spieler angefeuert. Es hatte nichts geholfen.

Absturz nach Höhenrausch

Ungarn gewann ein Spiel, das die Deutschen insgeheim als sicheren Sieg verbucht hatten, mit 27:25 und fügte dem DHB-Team damit eine womöglich folgenreiche Niederlage zu. Das Spiel um Platz fünf bei der WM und damit das sichere Erreichen eines Qualifikations-Turniers für Olympia 2012 sind nach der dritten Niederlage im siebten Spiel sicher verspielt. Stattdessen beginnt das Bangen und Zittern um die Olympia-Teilnahme, das Minimalziel bei dieser Handball-WM. Und Brand sollte beantworten, was er sich selbst fragte: Warum nur?

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Hilflos an der Seitenlinie: Brand konnte sein Team auch in Pausen und Auszeiten nicht aufrütteln.

(Foto: REUTERS)

Zwei Tage zuvor hatte der Handball-Bundestrainer sein Team noch so gut gesehen wie seit Jahren nicht mehr. Mit Spaß und Tempo, Technik und Finesse nahmen die deutschen Handballer die zuvor verlustpunktfreien Isländer im ersten Hauptrundenspiel auseinander, besiegten den Olympiazweiten nach einem begeisternden Spiel hochverdient mit 27:24. Und träumten sogar wieder vom WM-Halbfinale.

Es war ein Fiebertraum, denn gegen Ungarn klappte gar nichts mehr. "Wenn ich die Spieler angeschaut habe, waren sie von Anfang an nicht frisch. Wenn ich ihnen in die Augen geschaut habe, dann war da keine Begeisterung", berichtete der Bundestrainer später. Es war eine überraschende Aussage, weil Deutschland vor dem Ungarn-Spiel einen Ruhetag gehabt hatte. Es war überraschend, weil Rechtsaußen Christian Sprenger nach dem Triumph über Island noch gemutmaßt hatte, "das könnte die Geburtsstunde für uns als Mannschaft gewesen sein".

Eklatante Angriffsschwächen

Nicht überraschend war, wie sich die fehlende Frische äußerte. Die deutsche Schwäche trat, wie schon bei der EM 2010 und wie schon in den verlorenen Vorrundenspielen gegen Spanien und Frankreich, vor allem im Angriff zutage. Nur vier von zehn Würfen landeten im Tor, eine katastrophale Quote. "Das war mangelnde Qualität", urteilte Brand später und bilanzierte eine "Anhäufung von falschen Entscheidungen", "sehr viele elementare Fehler" und "zu viele Aussetzer". Was Brand nicht ansprach und trotzdem wahr ist: Auch gegen Ungarn versteckten sich die vermeintlichen Führungsspieler Pascal Hens und Michael Kraus wieder einmal. "Das ist Enttäuschung pur", sagte Kraus nach dem Spiel und dürfte damit auch sein erneutes eigenes Scheitern gemeint haben.

Erschreckend muss für Brand gewesen, dass er sein Team auch in der Halbzeitpause und den folgenden Auszeiten nicht aufrütteln konnte. Ignorieren die Spieler, was er ihnen sagt? Brand verneint das: "Ich denke schon, dass man mir zuhört. Wir haben es ja zuletzt besser gemacht. Aber vielleicht vergisst man einiges, wenn man nicht frisch ist." Es waren tröstende Worte, die vor allem für ihn selbst bestimmt waren, denn Brand sagte später auch noch: "Wenn es jetzt an der Einstellung liegt, wäre das bitter."

Schon vor der WM hatte der 58-Jährige eingeräumt, dass er wesentlich angespannter als bei früheren Turnieren gewesen sei. Auch Rücktrittsgedanken räumte er aufgrund der Dauer-Querelen mit der Handball-Bundesliga ein. Die schwere Vorrundengruppe, der öffentliche Druck, schwierige Personalentscheidungen - die letzten Tage und Wochen sind nicht spurlos an Brand vorbeigegangen. Das Auf und Ab in Schweden hinterlässt Spuren.

Tiefpunkt gegen Ungarn

Die desolate Angriffsleistung gegen Ungarn war ein absoluter Tiefpunkt in Brands inzwischen 14-jähriger Amtszeit, die eigentlich noch bis 2013 andauern soll. Die Höhepunkte mit Gold bei der Heim-WM 2007, EM-Gold 2004 und dreimal Silber bei großen Turnieren sind nur noch schöne Erinnerungen, die goldene Generation mit Christian Schwarzer, Henning Fritz, Markus Baur, Daniel Stephan und Stefan Kretzschmar längst abgetreten.

Nach dem enttäuschenden 10. Platz bei der EM 2010 wollte Brand mit seinem neuformierten Team in Schweden wieder einen Schritt nach vorn machen. Nun droht nicht nur ein neuer Rückschlag, sondern ein echter Rückschritt. Gelingt gegen Norwegen (ab 16.15 Uhr) kein Sieg, ist die Olympia-Teilnahme 2012 verspielt - es sei denn, 2012 gelingt bei EM ein Handball-Wunder. Ein Abschied des Bundestrainers wäre trotzdem die falsche Entscheidung, glaubt Stefan Kretzschmar: "Ohne Heiner Brand wäre der deutsche Handball schon längst wieder eine graue Maus. Er ist das Gesicht des deutschen Handballs, die Frontfigur." Im Moment ist die Frontfigur aber ziemlich ratlos.

Quelle: n-tv.de, mit dpa/sid