Seltsamer "Doping"-Fall

Deutscher Sprintstar Owen Ansah kämpft um EM-Medaille und Karriere

imageVon Tobias Nordmann
25-07-2026-Nordrhein-Westfalen-Bochum-Leichtathletik-Deutsche-Meisterschaft-im-Lohrheidestadion-Maenner-100-Mete-Finale-Owen-Ansah-nach-dem-Rennen
Owen Ansah hat gute Chancen auf eine Sprintmedaille bei der Leichtathletik-EM. (Foto: dpa)
00:00 / 09:34
11.08.2026 | 11:38 Uhr

100-Meter-Rekordler Owen Ansah ist bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham einer der deutschen Hoffnungsträger. Doch für den 25-Jährigen geht es in den nächsten Tagen nicht nur um Edelmetall, sondern abseits der Laufbahn auch um seine sportliche Zukunft. Die Nationale Anti Doping Agentur wirft ihm vor, am 9. Juli eine Dopingkontrolle nicht ordnungsgemäß ermöglicht beziehungsweise keine Probe abgegeben zu haben, obwohl ihn ein Kontrolleur darum gebeten hatte. Die NADA schlug am Freitag eine Sperre von vier Jahren vor. Ansahs Karriere steht auf dem Spiel. Doch entschieden ist der Fall noch nicht.

Worum geht's eigentlich? Owen Ansah ist in der Form seines Lebens. Als erster und bislang einziger deutscher Sprinter bleibt er über 100 Meter unter zehn Sekunden. Anfang Juni stellte er seine persönliche Bestzeit auf 9,98 Sekunden. Er ist in diesem Jahr der drittschnellste Europäer. Nur Tokio-Olympiasieger und Titelverteidiger Marcell Jacobs aus Italien (9,96) und der Brite Romell Glave (9,97) waren knapp schneller. Damit hat Ansah am Abend im möglichen EM-Finale eine realistische Medaillenchance. Für das Halbfinale, ebenfalls am Abend, ist er dank seiner starken Vorleistung bereits qualifiziert (Halbfinale 21.32 Uhr, Finale 22.47 Uhr, live im ZDF und bei Eurosport). Aber auf den Schultern des Hamburger Sprinters lastet der Druck einer drohenden Sperre von bis zu vier Jahren. Das fordert die NADA, weil Ansah die von einem Kontrolleur erbetene Dopingprobe nicht abgab. Ansah und dessen Anwalt sind überzeugt, dass die Umstände des Vorfalls eine Ablehnung des NADA-Antrags rechtfertigen.

"Ich kann Sachen gut ausblenden. Und ich habe in den vergangenen Tagen gezeigt, dass ich es gut kann", sagt der 25-Jährige. Bislang hielt er dem mentalen Druck stand. Nun ist sein Fall durch den Sanktionsbescheid der NADA aber eskaliert. Bei der EM läuft Ansah erstmals seit Affären-Beginn international. Noch ist der Fall weitgehend nationales Thema. Das würde sich mit einer Medaille schlagartig ändern: Ein Athlet mit einer solchen (Vor-)Geschichte auf dem Podest - Unmut von Gegnern wie Zuschauern wäre zwangsläufig. 

Was sind die angeführten Gründe? Zu der unangekündigten Dopingkontrolle kam es, als Ansah sich nach eigenen Angaben von Deutschland aus auf den Weg zum Diamond-League-Meeting nach Monaco machen wollte. Dort sei er als Nachrücker kurzfristig ins Starterfeld gerutscht. Eine seltene Chance, sich abseits von Großereignissen mit den besten der Welt zu messen. Er sei spät dran und kurz zuvor schon auf Toilette gewesen, hatte Ansah angegeben. Er habe dem Kontrolleur vorgeschlagen, zum Flughafen mitzufahren, um die Probe dort abzugeben.

Rein faktisch liegt somit kein positiver Dopingtest vor. Suspendiert ist Ansah nicht. Es sei "unglücklich" für den Sprinter gelaufen, sagt Doping-Experte Fritz Sörgel der Deutschen Presse-Agentur. "Aber besonders gute Argumente gibt es eigentlich nicht." Man müsse dennoch jeden einzelnen Schritt überprüfen.

Besonders bitter für den Sprinter: Wäre er zum Flughafen gefahren, bevor der Kontrolleur bei ihm an der Haustür zur Dopingprobe erschienen wäre, hätte das zunächst keine Auswirkungen gehabt. Es hätte sich zwar um einen Meldepflichtverstoß gehandelt. Doch zwei verpasste Dopingkontrollen innerhalb von zwölf Monaten hätte sich Ansah erlauben dürfen. "Man kann es auch Schicksal nennen", sagt Sörgel.

Wie geht es nun weiter? Für Ansah hat eine Frist von 20 Tagen begonnen, in der er die Möglichkeit hat, die Feststellungen der NADA zu akzeptieren oder die Einleitung eines Disziplinarverfahrens beim Deutschen Sportschiedsgericht zu verlangen. Akzeptiert Ansah die NADA-Entscheidung, reduziert sich die Sperre auf drei Jahre. Doch Ansahs Anwalt ließ bereits mitteilen, dass der Sportler den Vorschlag anlehnen werde. Damit wird es zum Disziplinarverfahren kommen. Der Fall könnte sogar vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas landen. Erst einmal will sich Ansah aber auf die EM konzentrieren.

Was genau sagt Ansahs Anwalt? "Unser Mandant Owen Ansah hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingkontrolle durchzuführen. Er hat zu keinem Zeitpunkt die Abgabe einer Probe abgelehnt. Owen Ansah hat zu keinem Zeitpunkt gesagt oder den Eindruck erweckt, dass er eine Dopingkontrolle nicht durchführen wolle", schrieb Anwalt Rainer Tarek Cherkeh in einer Stellungnahme. Zudem, sagt Ansah, sei er nicht über die Konsequenzen eines "Nicht-Tests" aufgeklärt worden. Die NADA bestreitet dies ausdrücklich. 

In seiner sportschau.de-Kolumne schreibt der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann dazu: "Die Ausnahmesituation und im guten Glauben, dass er nichts falsch gemacht habe und sogar dann in Monaco getestet wurde, ließen ihn denken, dass alles so in Ordnung sei." Als Leistungssportler hätte Ansah die Konsequenzen aber auch ohne Aufklärung des Kontrolleurs kennen müssen.

Ansah fokussiert sich nun auf die anstehende EM. Dort ist auch ein Start über die 200 Meter geplant. Der Sprinter ist derzeit nicht suspendiert und wäre eigentlich in den deutschen Sprint-Staffeln gesetzt. Doch der DLV kündigte an, auf Ansah zu verzichten.

Wäre eine so lange Sperre gerecht? Ein überführter Doper ist Ansah nicht. Das muss ausdrücklich betont werden. Deswegen mag es auch überzogen sein, dass er wegen eines der Anschuldigung nach verweigerten Dopingtests für vier Jahre gesperrt werden soll. Ohne jede Emotion betrachtet ist die Sperre aber auch notwendig, um das jahrzehntelang von gewissen Sportlern missachtete und ausgetrickste Anti-Doping- und Testsystem zu schützen.

Es gibt bislang keinen Grund, an Ansahs Darstellung zu zweifeln, dass er sich wirklich in drängendstem Reisestress befand, als der Kontrolleur ihn antraf, er obendrein zeitnah keine Urinprobe aus der leeren Blase zaubern konnte. Es ist aber schlicht unwichtig. Ebenso irrelevant ist, dass der Kontrolleur außerhalb des im ADAMS-System hinterlegten Zeitfensters erschien. Wenn er einen Sportler zwischen 6 und 23 Uhr antrifft, muss dieser der Forderung zur Probenabgabe nachkommen. Nichts anderes zählt in diesem Moment. 

Dieser Überraschungseffekt ist essenziell für ein funktionierendes Testsystem. Sollte die NADA oder irgendeine andere Testinstanz eine Entschuldigung für eine Nicht-Abgabe einer Probe zulassen, die abseits der wirklich eng gefassten dringenden Gründe angesiedelt ist, schafft sie einen Präzedenzfall, einen Hebel, um das ganze System kippen zu können.

WM 2027 und Olympia 2028 stehen auf dem Spiel: "Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Chancen nicht sehr hoch einschätze, dass er da wirklich gut dabei wegkommt", sagt Doping-Experte Sörgel und betont: "Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht, das halte ich für ausgeschlossen." Eine Sperre von vier Jahren, die sich bei Zustimmung von Ansah automatisch auf drei Jahre reduziert hätte, sei indes relativ hart. Und auch zwei Jahre Zwangspause würden Ansah extrem wehtun: Neben der WM 2027 in Peking würde er auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles verpassen. Denn Ansah ist derzeit nicht suspendiert, und eine Sperre würde erst mit dem Tag einer finalen Entscheidung beginnen.

Gibt es einen ähnlichen Fall? Ja. Die tschechische Tennisspielerin Marketa Vondrousova - 2023 Wimbledon-Siegerin - hatte am 3. Dezember 2025 einer Kontrolleurin einen Dopingtest verweigert und wurde für vier Jahre gesperrt. Nach Angaben der zuständigen International Tennis Integrity Agency (ITIA) muss dies nach den Anti-Doping-Regeln wie ein positiver Befund bewertet werden. Vondrousova begründete den versäumten Test mit einer Angststörung. Doch dies war nach Einschätzung der ITIA "keine überzeugende Rechtfertigung".

Was bedeutet das für die Zukunft? Die Dopingjäger möchten ein Zeichen setzen: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Die Frage ist, ob sie mit dem Ruf nach einer so strengen Strafe für ein Vergehen, das eher wie ein großes Missverständnis anmutet, nicht die falschen Maßstäbe anlegen. Denn es kann der Eindruck entstehen, dass ein tatsächlich positiver Dopingtest für die Athleten weniger schwerwiegend ist als eine nicht abgegebene Probe: Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio und 2024 Paris starteten reihenweise chinesische Schwimmer, die positiv getestet wurden. Sie beriefen sich wie so viele andere Athleten auf verunreinigte Lebensmittel als Ursache für die verbotenen Substanzen im Blut - und gewannen Medaillen.

Verwendete Quellen: ntv.de, mit dpa/sid