Der Lärm? Ohrenbetäubend. Das Spiel? Furios. Der Preis? Unerschwinglich. Eigentlich. Das 0:0 zwischen Portugal und Kolumbien im mit 64.478 Zuschauern ausverkauften Stadion in Miami war ein unglaubliches Erlebnis. Es war auch ein unerschwingliches Erlebnis. Doch so wie die Zuschauer für die Eintrittskarten weit über die Schmerzgrenze gegangen waren, so gingen Fans und Akteure gleichermaßen weit über ihre Schmerzgrenzen.
Sie alle boten ein Spiel, von dem noch Generationen berichten werden. Ein Spiel, in dem sich Kolumbien als einer der Geheimfavoriten bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft anmeldete. Die Partie zum Abschluss der WM-Gruppenphase war keineswegs nur das teuerste Unentschieden der WM-Geschichte. Dieses teuerste Unentschieden der Welt war auch ein elektrisierendes, aufputschendes und atemberaubendes Match. Wenn beide Mannschaften doch nur ihre Stürmer mitgebracht hätten. Wenn doch bloß bei den Portugiesen nicht der überragende Diogo Costa im Tor gestanden hätte.
Teuerstes Spiel der Vorrunde
Es ist keine Übertreibung. Die halbe Welt hatte auf dieses Spiel hingefiebert. Fünf Millionen Ticketanfragen soll es für diese Partie in Miami allein in den ersten 24 Stunden nach der Auslosung Anfang Dezember gegeben haben, berichtete die "New York Times" am Tag vor dem Spiel. Kein anderes der 72 Spiele der Gruppenphase war stärker nachgefragt, und keines so teuer. Am Vorabend des Spiels wurden auf dem Zweitmarkt Tickets für über 6000 Dollar angeboten.
Der von der FIFA organisierte Zweitmarkt mit den dynamischen Ticketpreisen, die manchmal jenseits jeder vorstellbaren Realität liegen, explodierte vor diesem Spiel um den Sieg in der Gruppe K.
Das Drama hatte Portugal-Trainer Roberto Martinez bereits weit vorher antizipiert. Als er dieser Tage auf die hohe Nachfrage angesprochen wurde, antwortete er: "Ich musste für meine Familie bereits im November Karten bestellen. Das bedeutet das. Ich wusste, es würde schwierig werden, an Karten zu kommen." Das war bereits vor der Auslosung.
Ronaldo als Nebendarsteller
Natürlich konnte Martinez da noch nicht wissen, auf wen sie am dritten Gruppenspieltag treffen würden. Er wusste jedoch, wer dort auflaufen würde: Cristiano Ronaldo, der bei dieser Weltmeisterschaft mit seinen 41 Jahren wohl zum letzten Mal auf der allergrößten Bühne stehen wird. CR7 aber war im Miami-Stadion nur ein Nebendarsteller. Das Phänomen wurde zum Phantom in dem Spiel, in das Kolumbien mit zwei Siegen aus zwei Spielen und Portugal mit einem Sieg und einem Unentschieden ging. Kolumbien genügte ein Unentschieden. Davon war nichts zu spüren.
Herrlicher Fernschuss und pure Präzision erlösen Kroaten

Zu mitreißend wirkte die wilde Atmosphäre im NFL-Stadion der Miami Dolphins. So etwas hatte es hier zuletzt vielleicht bei den Auftritten der argentinischen Fußball-Teams während der letztjährigen Klub-WM gegeben. So wie Kolumbien früh das Spiel an sich riss, so rissen die vielen Kolumbianer das Stadion an sich. Viele von ihnen waren nicht einmal sehr weit gereist. Hunderttausende von ihnen leben ohnehin in Florida. Hier ist eine der größten kolumbianischen Communities außerhalb des südamerikanischen Landes. Das war der Grund für die exorbitanten Preise.
Alle sind sie da
Alle waren sie gekommen. Sogar US-Außenminister Marco Rubio und FBI-Chef Kash Patel ließen sich die Reise in die Hitzekammer Florida nicht nehmen. Sie beide rahmten den vielreisenden FIFA-Präsidenten Gianni Infantino in der VIP-Loge ein. Infantino dürfte sich wieder einmal in seiner umstrittenen Preispolitik bestätigt sehen. Sie kommen ja doch alle, weil Fußball die Droge ist, die jeder braucht, die Menschen verrückt macht und über die Infantino und seine FIFA auf globaler Ebene verfügen.
Auch Kolumbiens Zottel-Legende Carlos Valderrama war da und mit ihm zahlreiche Epigonen mit weniger grauen Haaren. Valderrama ist immerhin auch schon 64 Jahre alt. Sein Gehör dürfte ordentlich durchgeschüttelt worden sein. An diesem Abend richteten sich die Blicke aber nicht auf die Repräsentanten irgendwelcher Regierungen, sie richteten sich nicht auf die Altstars. Es ging ebenfalls nicht um die bizarre Halbzeitshow, bei der im Stadion zu den Klängen von "Live is Life" das Licht aus- und die Handylampen angingen. Es ging den Zuschauern im Miami-Stadion um die Show der Artisten auf dem Rasen. Dafür hatten sie Geld bezahlt.
Ein Treffer fehlt zur Eskalation
Die Artisten lieferten. Besonders die Kolumbianer, die nur eine kurze Druckphase vor der Halbzeit aushalten mussten, ansonsten jedoch das Geschehen kontrollierten. Kolumbien hatte die Künstler mitgebracht. Da war der inzwischen 34 Jahre alte James Rodríguez, dem bei der WM 2014 in Brasilien nicht nur wegen einer Heuschrecke auf seinem Trikot der Durchbruch gelungen war und der in den letzten Jahren in immer hektischerer Abfolge durch die Welt tingelte. Sein Herz hängt an Kolumbien. Seine Leistung entsprach der eines 22-Jährigen.
Seine Partner in der offensiven Dreierreihe taten ihr Übriges. Da war der 28-jährige Jhon Arias, der in Brasilien bei Palmeiras sein Geld verdient. Er lieferte sich wahre Schlachten mit Nuno Mendes, einem der besten Linksverteidiger der Welt. Immer wieder brach er durch, nur die Abnehmer in der Mitte scheiterten.
Als Jhon Arias und James Rodríguez in der 76. Minute vollkommen erschöpft das Feld verließen, jubilierten und jauchzten die Fans. Bald schon aber holten sie wieder die Peitsche raus. "Colombia, Colombia, Colombia". Immer lauter, immer schneller. Irgendwas musste doch noch passieren. Dabei war der Gruppensieg doch auch mit dem Unentschieden sicher. Beschwörend sprangen sie auf und nieder. Es ging nicht um den Gruppensieg, es ging um diesen einen Treffer zur totalen Eskalation.
Da war natürlich auch Luis "Lucho" Díaz, der über die linke Seite wirbelte, aber nicht ganz durchkam. Und ganz vorne? Da stand der Ex-Herthaner Jhon Córdoba und fiel etwas ab. Manchmal gelang es ihm, die Abwehrzentrale der Portugiesen von Spielern zu befreien. Dahinter feuerte Gustavo Puerta seine Schüsse ab. Doch im Tor der Portugiesen stand Diogo Costa. War der gerade verhindert, schmiss sich halt Renato Vega mit seinem Körper in die Bälle.
Sieg für den Fußball - und Infantino
Am Ende hatte Kolumbien 24 Schüsse in Richtung Tor, sechs aufs Tor, ein spätes Abseitstor, aber keinen einzigen Treffer zu Buche stehen. Portugal auch nicht. Es war egal. Beim Abpfiff bebten die Tribünen. Die Euphorie war überschwänglich. Die keineswegs schwachen Portugiesen konnten sich glücklich schätzen, diese Partie nicht verloren zu haben.
Auf den Tribünen bebte es. Portugals Trainer Martinez mochte vielleicht seine Familie eingeladen haben, Kolumbien hatte ein ganzes Land mitgebracht. Für Kolumbien geht es nun gegen Ghana, in einem eventuellen Achtelfinale vielleicht gegen die Schweiz und im Viertelfinale dann könnte Argentinien warten. All das aber war an diesem teuren Abend in Miami noch Zukunft. In der Gegenwart toste der Sturm des Lärms. Das teuerste Unentschieden der Welt war ein Sieg für den Fußball und auch erneut einer für den Fußball-Dealer Gianni Infantino.





