WM-Skandal wirkt heftig nach

"Wir werden doch nur noch verarscht"

imageInterview: Tobias Nordmann
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07.07.2026 | 09:55 Uhr

Der amerikanische WM-Traum ist jäh geplatzt. In einem einseitigen Achtelfinale stampft Belgien das US-Team in Grund und Boden. Womöglich scheiterten die Gastgeber auch am großen Druck, der ihnen unter anderem von ihrem Präsidenten aufgebürdet worden war. Infolge eines Telefonats zwischen Donald Trump und dem FIFA-Boss Gianni Infantino wird der rotgesperrte Stürmer Folarin Balogun blitz-entlastet. Er darf spielen. Das löst einen gigantischen Skandal aus. Die FIFA versucht, die Dinge zu retten, die aus dem Ruder gelaufen sind. Doch an der Glaubwürdigkeit der Erklärung hat WM-Experte Arie van Lent erhebliche Zweifel. Er wünscht sich, dass die Zeit von Infantino nun endgültig abläuft. Er fordert: "Geh nach Hause Gianni, wo auch immer das ist!"

ntv.de: Guten Morgen, Herr van Lent. Waren Sie erleichtert, als Sie das Ergebnis des Spiels USA gegen Belgien gesehen haben?

Arie van Lent: Selbstverständlich, Herr Nordmann! Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Der Fußballgott, den es ja offenbar doch gibt, hat Recht gesprochen. Vielleicht ein bisschen ungewollt. Er hat zum Glück nicht das Spiel bestraft, sondern die Art und Weise, wie mit dem Fall Folarin Balogun umgegangen worden ist. Für das amerikanische Team tut es mir zwar ein bisschen leid. Aber ich empfinde das Ergebnis schon als Genugtuung.

Matthäus fassungslos: "Das ist eine Verarscherei!"

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Balogun durfte spielen, obwohl er Rot gesehen hatte. Danach überschlugen sich die Ereignisse hin zum Telefonat zwischen Trump und Infantino. Hat das die US-Boys vielleicht gehemmt?

Das glaube ich schon. In den 24 oder mehr Stunden vor dem Anpfiff ist unglaublich viel auf die Mannschaft der USA eingeprasselt. Sie selbst konnte ja nichts dafür, dass Balogun freigesprochen wurde. Dass der Trainer angekündigt hatte, gegen die Sperre vorzugehen, finde ich sogar nachvollziehbar. Das wird überall gemacht. Überall wird versucht, gegen die Länge einer Sperre vorzugehen. Aber es gibt Gesetze und Regeln, und über die darfst du dich nicht hinwegsetzen. Das aber ist hier geschehen! Dass sich dann außerhalb des Sports noch der Präsident eines Landes einmischt, ist die größte Frechheit überhaupt.

Es gab Forderungen an US-Coach Mauricio Pochettino, Balogun nicht einzusetzen, um die Gerechtigkeit siegen zu lassen. Er hat sie ignoriert. Können Sie verstehen, dass er so gehandelt hat?

Ja, das kann ich. Balogun ist einer ihrer besten Spieler, vielleicht sogar der beste oder wichtigste. Den willst du natürlich auf dem Feld haben. Und dass du alles versuchst, um ihn spielberechtigt zu bekommen, ist nachvollziehbar. Das fordert sicher auch die amerikanische Öffentlichkeit. Gerade bei einem Heim-Turnier. Das ist alles ein normaler Trainer-Spieler-Antrieb. Und dass er freigesprochen worden ist, dafür können beide ja nichts. Aber wir sehen ja: Das alles hat dem Team überhaupt nicht gutgetan. An diesem Spieltag war alles anders. Das haben sie unterschätzt.

Die Belgier waren erst fassungslos aufgrund der Entscheidung, danach schäumten sie vor Wut. Hat ihnen der Skandal womöglich geholfen, um ins Turnier zu finden? Bislang waren sie ja eine Enttäuschung ...

Total, die haben Kraft gezogen und waren völlig angezündet. Sie haben ihr bestes Spiel im Turnier gemacht. Anders als die USA, die sehr fahrig gespielt haben. Sie haben sehr viele Fehler gemacht, siehe etwa beim 3:1 (Anmerk. d. Red.: Torwart Matt Freese vertändelte außerhalb des Strafraums völlig ohne Not den Ball).

Nochmal zurück zur Aussetzung der Sperre auf Bewährung gegen Balogun. Erkennen Sie in der Begründung der FIFA etwas, das diese Entscheidung nachvollziehbar macht?

Nein, gar nichts. Überhaupt nichts! Im Nachhinein wird da eine Erklärung gesucht, die niemand versteht. Wenn von unabhängiger Kommission gesprochen wird, ist das für mich nur Blablabla, wie einfach alles, was Infantino sagt. Das ist immer wieder enttäuschend. Der Fußball sollte doch den Menschen gehören und nicht den Mächtigen. Ich sag’s, wie es ist: Wir werden ständig nur noch verarscht. Das gibt mir ein sehr ungutes Gefühl.

Der FIFA droht nun der nächste Stresstest. Die Engländer sollen überlegen, Protest gegen die Rote Karte gegen Jarell Quansah einzulegen. Er war über den Ball in den Gegner gerutscht. Es war also ähnlich unabsichtlich wie bei Balogun.

Die Engländer haben die Szene auch als unfair eingestuft. Das können sie natürlich. Es wäre ihr gutes Recht, sich jetzt bei der FIFA zu beschweren. Aber ich hoffe, sie lassen das. Sie leben ja von der Fairness und sollten das so stehen lassen. Wir sollten nicht das Gefühl in den Fußball reintragen, dass jeder jetzt machen kann, was er will. Wir sollten den Fußball nicht noch unfairer machen, als er jetzt schon ist.

Aber ein Protest der Engländer würde die FIFA doch in die Enge treiben. Wenn sie stringent urteilen will, müsste sie Quansah auch freisprechen, auch wenn man bei Balogun gar nicht so genau weiß, warum er freigesprochen wurde ...

Das wäre tatsächlich berechtigt. Jemanden, der so urteilt, bringst du damit auf jeden Fall in große Schwierigkeiten. Das wäre schon eine interessante Geschichte. Aber nochmal: Der Fall ist einfach ungerecht und wir Fans fühlen uns hilflos und schlecht.

Glauben Sie, dass die Zeit von Infantino nach diesem Skandal abläuft?

Ich würde es mir wünschen. Die Kritik weltweit ist gigantisch, aber eben auch nicht zum ersten Mal. Er hat die FIFA zu einer Firma gemacht, die nur noch Geld verdienen will. Du brauchst zig Sender, um alle Spiele zu gucken. Du musst für alles bezahlen. Schauen Sie sich doch auch nochmal die Ticketpreise an. Das Turnier, das eigentlich für die Welt ist, folgt nur noch dem Geschäftszweck. Dieser Mann darf nicht an der Spitze des Verbands sein. Schon längst nicht mehr.

Infantino verteidigt die Kommission, die die Entscheidung für Balogun getroffen hat. Er sagt: Die Unabhängigkeit der Justizorgane sei "für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs unerlässlich, und dies muss stets respektiert werden" ...

Wenn ich so was höre, denke ich mir nur: Bitte halt den Mund. Fahr einfach nach Hause, wo auch immer das ist: In Katar, den USA oder was weiß ich.

Und wie blicken Sie auf die Rolle von Trump?

Ich finde es einfach nur traurig und unfassbar, dass er sich einmischt. Er interessiert sich bislang gar nicht für das Turnier, ist nicht im Stadion. Er sollte die WM feiern und sie nicht so beeinflussen. Er macht das Land nicht nur politisch unsympathisch, sondern jetzt auch auf der Ebene des Sports.

Wie viel Angst muss Infantino eigentlich vor Trump haben, dass er so einknickt? Was sollte Trump denn tun, die WM plötzlich abbrechen?

Er hat keine Angst, das glaube ich nicht. Im Gegenteil wirkt es auf mich so, als würde er das alles nur machen, weil er den Profit sieht. So etwas hat es im Fußball so noch nicht gegeben. Er handelt offenbar nach dem Motto: Wenn ich Trump einen Gefallen tue, dann tut er mir irgendwann auch wieder einen. Das ist sicher eine böse Vermutung, aber ich fürchte, da steckt viel Wahrheit drin.

Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann

Verwendete Quelle: ntv.de