Belgien besiegt USA und Trump

FIFA-Boss Gianni Infantino redet sich um Kopf und Kragen

imageVon Tobias Nordmann
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Gianni Infantino schaute sich das Ausscheiden der USA gegen Belgien live im Stadion an. (Foto: AP Photo/Nick Didlick)
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07.07.2026 | 06:10 Uhr
Nach dem beispiellosen Fall um Stürmer Folarin Balogun zerbrechen die USA bei der Fußball-WM. Gegen Belgien spielt das Team so schlecht wie nie in diesem Turnier. FIFA-Boss Gianni Infantino versucht zu retten, was nicht zu retten ist.

Folarin Balogun war nicht so unsichtbar, wie manch einer nach dem Spiel behauptete. Der US-Stürmer, der das WM-Achtelfinale gegen Belgien niemals hätte bestreiten dürfen, hätte dem viel beachteten Spiel sogar eine Wendung geben können, die alle, die das Spiel Fußball so sehr lieben, als böse Pointe des gigantischen WM-Skandals befürchtet hatten.

Balogun war in der 45. Minute in guter Position an den Ball gekommen, doch unter Gegnerdruck schoss der 25-Jährige drüber. Es war die große Chance zum 2:2 für die US-Boys gewesen. Verdient wäre der Ausgleich nicht gewesen. Nicht nach der schwachen ersten Halbzeit, nicht nach den schockierenden 30 Stunden zuvor. Denn trotz Roter Karte aus dem Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina war er nicht gesperrt worden. Auf Intervention - oder auf Bitten, wie es die FIFA verkauft - des US-Präsidenten Donald Trump.

Spitz wie Nachbars Lumpi

Die Weltmeisterschaft hatte ihren großen Skandal. Und er wird diese Partie überleben, auch wenn die wütenden Belgier den Fußball retteten, auch wenn sie das Karma auf die gute Seite zwangen. Die Entscheidung den Spieler auflaufen zu lassen, greift einen der Ursprünge des Fußballs an: die Tatsachenentscheidung.

Spitz wie Nachbars Lumpi waren die durch rotierten Belgier gewesen, bei denen der alternde Kevin de Bruyne ebenso nur auf der Bank saß wie ManCity-Star Jeremy Doku, und hatten den schwachen Amerikanern beim 4:1 klar die Grenzen aufgezeigt. Fußballerisch und auf der Metaebene auch moralisch. So geht's nicht. Das war auch ein Gruß an den mächtig angeschossenen FIFA-Boss Gianni Infantino, der das Spiel auf der Tribüne beobachtete.

US-Torhüter dribbelt los und bekommt die Höchststrafe

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Noch vor dem Anpfiff hatte er zu retten versucht, was nicht mehr zu retten war. Der selbstgefällige und offenbar trump-panische FIFA-Boss verteidigte sich im Fall Balogun gegen den Tsunami der Kritik, der auf ihn und seinen Verband gekracht war. Er behauptete, dass die Intervention von Trump keinen Einfluss auf die Entscheidung der FIFA zur Aussetzung der Rot-Sperre auf Bewährung gehabt habe. Wer soll das glauben? Zu oft hatte sich der Neu-Jordanier vor dem US-Präsidenten in den Staub geworfen. Die zur Shit-Show gewordene WM-Auslosung Ende des vergangenen Jahres inklusive der Verleihung des Friedenspreises hatte der Welt vor Augen geführt, wie sehr sich Infantino Trump ausgeliefert hatte. Wie sehr er die WM in seine Hände gelegt hatte.

Was redet Infantino denn da?

Umso erstaunlicher war es, dass sich der US-Präsident bis zum eskalierten Fall Balogun komplett aus dem Turnier rausgehalten hatte. Dass er sich dann aber doch einmischte, sprengte alle Dimensionen. Ein Staatschef, der Einfluss auf den Sport nimmt, das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben. Infantino mühte sich weiter, die Dinge kleiner zu reden, als sie waren. Es war ein untauglicher Versuch. Ja, er habe "tatsächlich einen Anruf von Präsident Donald Trump erhalten", teilte er in einer vom Weltverband verbreiteten Stellungnahme mit. Der Boss betonte darin, dass die FIFA-Disziplinarkommission "unabhängig" sei.

Das habe er Trump erklärt. Er habe ihm erläutert, "dass ein laufendes Rechtsverfahren vor den unabhängigen Justizorganen der FIFA anhängig sei und dass der Fall zu gegebener Zeit von den zuständigen Gremien entschieden werde. So funktioniert das System der FIFA, und dieses Prinzip werde ich immer verteidigen." Die Unabhängigkeit der Justizorgane sei "für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs unerlässlich, und dies muss stets respektiert werden", sagte Infantino. Manchmal überraschten ihn die Entscheidungen der FIFA-Disziplinarkommission. "Manchmal stimme ich ihnen zu, und manchmal stimme ich ihnen nicht zu. Was ich jedoch immer tue, ist, diese Entscheidungen und die Autonomie der Gremien, die sie treffen, zu respektieren."

Die Glaubwürdigkeit der FIFA wird womöglich schon bald einem neuen gigantischen Stresstest unterzogen. Nach Informationen englischer Medien plant etwa der englische Verband FA, seine Optionen für einen Einspruch gegen die Rote Karte für Jarell Quansah aus dem Achtelfinale gegen Mexiko (3:2) zu prüfen. Wie im Fall von Balogun wurde auf dem Feld zunächst kein Foul gepfiffen, der Schiedsrichter, Alireza Faghani aus dem Iran, griff erst nach der Intervention durch den VAR zur Roten Karte. Trainer Thomas Tuchel fand das nicht gerechtfertigt.

Mit Blick auf einen möglichen Einspruch sagte er: "Wo hört das jetzt auf? Legen wir Einspruch ein, wenn eine Gelbe Karte keine Gelbe Karte ist? (...) Die Entscheidung ist gefallen. Wer hebt diese Entscheidung auf, und wann, und auf welcher Grundlage?" Auf die Frage, ob nicht Kapitän Harry Kane bei Donald Trump anrufen könne, um eine Aufhebung der Sperre zu erwirken, sagte Tuchel erkennbar belustigt: "Vielleicht. Das ist ein guter Anfang."

Die Wut macht Belgien bärenstark

Glaubwürdigkeit und Integrität, wirklich alles davon hatte die FIFA durch die ausgesetzte Rotsperre verspielt. Und sie auch im Nachgang weiter nicht so begründet, dass es ein Commitment gibt, das irgendwie Zustimmung oder wenigstens Verständnis generiert. "Die Aussetzung der Vollstreckung der genannten Sperre wurde unter Berücksichtigung aller besonderen Umstände des Vorfalls sowie der verfügbaren Beweismittel beschlossen." Was die besonderen Umstände sind und auf welche Beweismittel sich die FIFA stützte, wurde nicht mitgeteilt. 

Die Belgier zogen aus dem Skandal große Kraft. "Seien wir ehrlich: Wir haben eine Besprechung abgehalten, als wir von den Neuigkeiten gehört haben", sagte Kapitän Youri Tielemans über die überraschende Begnadigung Baloguns: "Wir haben uns gesagt, dass wir unsere Antwort auf dem Platz geben müssen. Genau das haben wir heute getan. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft." Nicolas Raskin sah die aus dem Ruder gelaufenen Dinge ein stückweit wieder ins rechte Licht gerückt: "Ich denke, dass es im Leben immer eine gewisse Gerechtigkeit gibt. Was passiert ist, kann man nennen, wie man will, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass es gerecht war", sagte Mittelfeldspieler. Er denke, "dass uns das vielleicht ein bisschen zusätzliche Energie gegeben hat".

"Wir brauchen nicht nach Ausreden suchen"

Im Turnier waren die Belgier bislang nicht als Mannschaft aufgefallen, die besonders gut funktioniere, die weit kommen könnte. Doch gegen die USA waren sie von der ersten Sekunde voll auf Sendung. Charles De Ketelaere (9., 33.), Hans Vanaken (57.) und Romelu Lukaku (90.+3) führten die Belgier zum vierten Mal in ihrer Geschichte in ein WM-Viertelfinale. Die Vorentscheidung von Vanaken wurde von einem absurden Torwartfehler begünstigt. Nach einem langen Ball schnappte sich Matt Freese den Ball vorm Strafraum vor de Ketelaere. Doch statt den Ball wegzuschlagen zögerte er zu lange, sodass der Belgier blocken konnte. Die Kugel landete vor den Füßen von Vanaken, der aus 30 Metern genau neben den rechten Pfosten ins leere Tor traf.

Der letzte noch im Turnier verbliebene WM-Gastgeber kam nie mehr richtig zurück, Balogun ließ in der 81. Minute nochmal eine gute Chance aus spitzem Winkel aus. Das bislang so entfesselte USA-Team agierte seltsam fahrig. Die Spieler wirkten so, als sei dieses Spiel eine Nummer zu groß und zu sehr aufgeladen für sie. "Es war nicht unser Tag. Wir hatten von Beginn an keinen Bezug zum Spiel. Gratulation an Belgien, sie waren besser als wir", sagte Nationaltrainer Mauricio Pochettino und betonte: "Wir brauchen nicht nach Ausreden suchen, wir sind nicht so aufgetreten, wie wir sonst auftreten."

Verwendete Quelle: ntv.de