Rotsperre für Quansah bleibt

Die FIFA setzt sich selbst einem fatalen Vorwurf aus

imageVon Tobias Nordmann
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Jarell Quansah rutscht über den Ball und trifft seinen Gegenspieler auf brutale Weise. (Foto: Getty Images)
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10.07.2026 | 15:30 Uhr
US-Stürmer Folarin Balogun sieht Rot und darf im nächsten WM-Spiel trotzdem ran. Englands Jarell Quansah fliegt ebenfalls vom Platz und wird von der FIFA für zwei Spiele gesperrt. Hä?

Donald Trump hat augenscheinlich kein Herz für den englischen Fußball, auch wenn er laut eigener Aussage mit Superstürmer Harry Kane bereits Golf spielen war. Dass der US-Präsident nach seinem großen Erfolg im Kampf um den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun jetzt zum großen Gerechtigkeitskrieger werden würde, war allerdings ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Während Balogun nach Intervention Trumps trotz Roter Karte auf Bewährung spielen durfte, wird dieses Recht im Fall Jarell Quansah nicht angewendet. Der Engländer darf im Viertelfinale gegen Norwegen am Samstag nicht mitwirken. Und auch in einem möglichen Halbfinale nicht.

Die FIFA setzt nun die eigenen Regeln durch. Ein Protest gegen Rote Karten ist bei der Weltmeisterschaft nicht vorgesehen. Quansah wird für sein Vergehen, einem unglücklichen, aber heftigen Foul an Jesus Gallardo, bestraft. Das Maß bemisst sich daran, dass es laut der britischen Boulevardzeitung "Sun" ein "ernsthaftes" Foul gewesen sei. Unstrittig, wie auch bei Balogun. Doch der hatte seinen Schutzpatron: Donald Trump. Und auch wenn FIFA-Boss Gianni Infantino und Schiri-Chef Pierluigi Collina mit aller verzweifelten Kraft abzuräumen versuchten, dass es keine Einflussnahme des Präsidenten gegeben habe, glauben tut ihnen fast niemand. Zu absurd wirkte der Freispruch auf Bewährung. Zu absurd die Erklärung, ohne Beweise.

Der Vorsitzende der Disziplinarkommission, Mohammad Al Kamali, verwies auf den "Ermessensspielraum" und die "Unabhängigkeit" der Kommission. Und weil dies so ist, habe das Gremium die Aussetzung der Sperre "unter Berücksichtigung sämtlicher spezifischer Umstände des Vorfalls und der verfügbaren Beweismittel beschlossen". Welche das sind, das wurde nicht bekannt. Dieses Vorgehen, sagte der Mann aus den Emiraten, sei auch "keineswegs beispiellos", sondern "im modernen Spiel nichts Neues". Und schon gar nicht sei dies die Überschreitung einer "roten Linie", wie die UEFA überraschend deutlich kritisiert hatte.

Auch Infantino schob nach dem Skandal um die "Begnadigung" Baloguns die Unabhängigkeit der Justizorgane der FIFA vor, um jeglichen Anschuldigungen den Boden zu entziehen. Doch das Fundament ist zu wackelig, die FIFA-Ritterburg der Rechtfertigung brach sofort in sich zusammen. Infantino sagte, die Unabhängigkeit sei "für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs unerlässlich, und dies muss stets respektiert werden." Würde es, wenn es zwischen gesprochenem Wort und gelebter Praxis nicht diese riesige Entscheidungs-Lücke gäbe.

"Wo hört das auf?"

"Wo hört das auf? Legen wir Einspruch ein, wenn eine Gelbe Karte keine Gelbe Karte ist? (...) Die Entscheidung ist gefallen. Wer hebt diese Entscheidung auf, und wann, und auf welcher Grundlage?", hatte sich Englands Teammanager Thomas Tuchel in Rage geredet - vor allem mit Blick auf die Begnadigung von Balogun. Die FIFA hatte durch ihr skandalumwittertes Vorgehen die Büchse der Pandora geöffnet.

Zuvor hatten schon die Franzosen versucht, die "Trump"-Regel anzuwenden, als sie die Annullierung der Gelben Karten von Michael Olise aus dem Achtelfinale gegen Paraguay beantragten. Auch hier blieb die FIFA hart. Der französische Offensivmann bekam eine Gelbe Karte, obwohl er kein Foul begangen hatte. Die TV-Bilder zeigten, dass der Münchner seinen Gegenspieler nicht berührte. Er hielt lediglich seinen Finger vor den Mund. Sein Gegenspieler ging zu Boden. Dennoch hatte der usbekische Schiedsrichter Ilgis Tantaschew ihm Gelb gezeigt.

Das Bizarre an dem ganzen Theater: Bei Olise und Quansah handelt die FIFA eigentlich richtig, entsprechend ihren Vorgaben, und macht sich damit dennoch noch angreifbarer als vorher.

Fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit

Nach Ansicht des Ex-Vorsitzenden des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, hat der Weltverband mit seinem Vorgehen gegen seine eigenen Regeln verstoßen. "Die FIFA droht allen Verbänden seit Jahrzehnten mit Sanktionen, sollten sie das Prinzip der Mindestsperre von einem Spiel missachten", sagte er dem "Kicker" und malte ein düsteres Zukunftsszenario: "Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen." Vermutlich ist es dafür eh schon zu spät.

Und noch etwas hat der Skandal um Balogun, der unfreiwillig und schuldlos zum Protagonisten geworden war, ausgelöst: Der ohnehin schon nicht tadellose Ruf der FIFA ist zumindest in der europäischen Welt nun vollends zerstört. Falls dafür überhaupt noch Potenzial war. Nicht nur den größten Verschwörungstheoretikern scheint mittlerweile alles denkbar. Nach dem ägyptischen WM-Drama gegen Argentinien warf Trainer Hossam Hassan den Turnier-Verantwortlichen, also der FIFA (ohne die FIFA klar zu benennen), offen "Manipulation" vor. Es ist alles außer Kontrolle geraten.

Verwendete Quelle: ntv.de