Beim asketischen Thomas Tuchel ist grenzenlose Begeisterung für Grillplatten schwer vorstellbar, aber Fleisch war bei der Anwerbung von WM-Teams für Kansas City ein wichtiges Lockmittel. Im Nobelrestaurant "Eddie V" ließ sich die englische Delegation von den städtischen Lobbyisten angeblich vor Monaten mit Steaks und Edelfischen verwöhnen, dabei seien die entscheidenden Bande geknüpft worden. England kommt nach Missouri! Wie auch Argentinien mit Lionel Messi, die Niederlande und Algerien.
Nicht nur das Essen, auch die Luxus-Hotels und "sports facilities", also die Trainingsmöglichkeiten, sollen ganz hervorragend sein. Worauf die Verbände möglicherweise kein allzu großes Augenmerk gelegt haben, sind die Kriminalstatistiken. Denn: Gewaltverbrechen liegen in Kansas City mehr als dreifach über dem US-Durchschnitt, Morde sind mehr als fünfmal so häufig wie im Rest der USA. Das ergibt ein Sicherheitsrating von F - schlechter geht es nicht.
Dass am Samstag bei einer nächtlichen Schießerei auf der Troost Avenue neun Personen verletzt wurden, nur vier Meilen vom englischen Trainingsgelände im Swope Soccer Village entfernt, war insofern nichts allzu Besonderes. Dennoch schärft es die Sinne für ohnehin bestehende Sicherheitsbedenken. Für alle 48 Teams ist der Vorfall eine eindringliche Erinnerung, ihre Maßnahmen zu überprüfen: im Hotel, beim Training, auf Reisen. Von "Gun Horror" ("Waffenhorror") schrieb die "Sun" aufgeregt, es gehe "die Angst um".
Stadt wirbt mit sicherem Umfeld
Der englische Verband FA hält das Thema klein, er wollte sich zunächst nicht äußern. Anders die Polizei: Das Kansas City Police Department (KCPD) hat erst am Donnerstag 17 Millionen Dollar staatliche Zuwendungen für die WM-Sicherheit erhalten. "Es wird ein großes Aufgebot von Sicherheitskräften beim Fanfest geben, wir werden auch die Trainingsplätze und Quartiere der Mannschaften besonders schützen", versicherte ein KCPD-Sprecher.
Geworben hat die 500.000-Einwohner-Stadt am Missouri mit einem vergleichsweise ruhigen (und sicheren) Umfeld im Mittleren Westen und perfekter Anbindung an beide Küsten sowie an die weiteren Gastgeber Kanada und Mexiko. England beispielsweise spielt gar nicht im Arrowhead Stadium des NFL-Teams Kansas City Chiefs, sondern in Dallas (gegen Kroatien), Foxborough (gegen Ghana) und East Rutherford (gegen Panama). Erst das Sechzehntelfinale am 4. Juli könnte ein "Heimspiel" werden.
Tuchel hat Harry Kane und die anderen Stars derzeit noch in Florida versammelt, am Mittwoch gegen Costa Rica bietet sich ihm die letzte Gelegenheit, seine Wunschelf zu finden. Erst danach geht es in Kansas City ins "The Inn at Meadowbrook", eine mondäne Anlage mit Säulenhallen und künstlichem See. Ob Tuchel dann auch wieder halbwegs öffentlich Padel spielt? Ein Stadt-Vertreter hatte sich nach einem Match mit ihm ziemlich angetan gezeigt ("Er spielt sehr intensiv!").
Noch größer ist der Hype um Messi und die anderen Argentinier, die mit einem riesigen Werbe-Barbecue und zehn Fleischsorten von Kansas City überzeugt wurden. Die Weltmeister sind schon da - das "Origin Hotel" ist komplett umzäunt und wird im Turnierverlauf einer Festung gleichen. Kaum denkbar, dass Messi (Zimmernummer übrigens 202) sich so frei bewegen wird wie die deutschen Nationalspieler zuletzt in Chicago. Nach der jüngsten Schießerei erst recht nicht.





