Erst umkurvte Joshua Kimmich geschickt die drängende Frage zum Positions-Pingpong, dann schlich der Kapitän eilig davon. Und obwohl auch Julian Nagelsmann so gar nichts von irgendwelchen Problemen im Maschinenraum des deutschen Spiels hören wollte, diskutierte die aufgeregte Fußballnation in der Heimat umgehend das leidige Dauerthema: Muss Kimmich zurück ins Mittelfeldzentrum und dort die Reihen schließen?
Sollte es rechts eine Alternative zum Anführer des DFB-Teams geben, "tut ihm einen Gefallen und holt ihn da hinten weg", flehte Lothar Matthäus nach dem herben WM-Dämpfer gegen Ecuador (1:2). Dort, betonte der Rekordnationalspieler bei der "Bild"-Zeitung, habe der Münchner "nicht den Einfluss, den ich mir von einem Kapitän wünsche". Kimmich bemühe sich, "aber er ist nicht da, wo er sein soll".
Nmecha und Pavlovic schwächeln
Also zurück von der rechten Abwehrseite ins Mittelfeld? Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha hinterließen im letzten Gruppenspiel gegen giftige Südamerikaner jedenfalls keinen gefestigten Eindruck. Dennoch bescheinigte der Bundestrainer dem Duo auf der Doppelsechs eine "gute" Leistung. Kimmich sei bei der EM 2024 dazu ja ein "top Rechtsverteidiger mit den mit Abstand besten Werten" gewesen. Und überhaupt: "Ich will weder auf Felix noch auf Pavlo verzichten."
Thema damit erledigt? Mitnichten. Selbst Nagelsmann, der im aufsehenerregenden "Kicker-Interview im März noch den bisher kaum beachteten Leon Goretzka als Konstante im Mittelfeld genannt hatte, hielt sich für den Verlauf der Titelmission eine Hintertür offen. Er sagte vor dem ersten K.-o.-Duell am Montag (22.30 Uhr/ZDF, MagentaTV und im ntv.de-Liveticker) in Foxborough: Ein weiterer Wechsel im Hin und Her mit Kimmich sei "nicht geplant". Er sagte aber auch: "Im Fußball sollte man nichts ausschließen."
Matthäus sieht dringenden Handlungsbedarf
2023 hatte Nagelsmann seine Amtszeit mit Kimmich im Zentrum begonnen. Er zog ihn für die EM nach rechts, beorderte ihn dann zurück ins Mittelfeld, um ihn im Oktober 2025 wieder als Rechtsverteidiger aufzubieten. Unweigerlich werden Erinnerungen an 2014 wach, als der damalige Bundestrainer Joachim Löw darauf beharrt hatte, Philipp Lahm im Mittelfeld aufzustellen. Erst nach dem Achtelfinale korrigierte er seine Entscheidung. Am Ende holte das DFB-Team den Titel.
Klopp: "Wir haben den falschen Fußball gespielt"

Nun, das glaubt Matthäus, ist wieder die Zeit gekommen, um einzulenken. Kimmich "hat die Qualität, ist Kapitän und Führungsspieler. Er hat die Erfahrung, aber kann sie auf der Position nicht ins Spiel reinbringen, weil er zu weit weg ist. Wie kann Kimmich als rechter Verteidiger vorne Wirtz helfen?", sagte der Weltmeister von 1990 zu RTL/ntv. "Der Weg ist zu weit, die Kommunikation ist nicht da. Dafür fehlt seine Erfahrung im Mittelfeld. […] Nagelsmann sollte jemanden finden, der Kimmich hinten ablöst, damit der als einer der beiden Doppel-Sechser spielen und Einfluss nehmen kann. Für mich gehört Kimmich ins Mittelfeld."
Kimmich, der die Fragen nach seiner Lieblingsposition angesichts der ständigen Wechsel stets diplomatisch beantwortet hatte, blieb bei seiner Linie. Dies sei "einzig und allein die Entscheidung des Trainers", es gehe darum, wo Nagelsmann das Gefühl habe, "wo ich am besten weiterhelfen kann", versicherte der Kapitän: "Da wird er mich aufstellen. Und da spiele ich dann."
