Wie reagiert Infantino?

Plakat-Wirbel: Argentinien fordert die FIFA heraus

imageVon Tobias Nordmann
Soccer-Football-FIFA-World-Cup-2026-Semi-Final-England-v-Argentina-Atlanta-Stadium-Atlanta-Georgia-U-S
Dieses Plakat hat eine eindeutige Botschaft: Argentinien beansprucht die Falkland-Inseln für sich. (Foto: REUTERS)
00:00 / 05:52
16.07.2026 | 07:08 Uhr
Nach dem dramatischen Halbfinalsieg gegen England zeigt das argentinische Team ein Banner mit politischer Botschaft. Das ist bei der WM untersagt, die FIFA müsste einschreiten. Tut sie das nun nicht, macht sie sich erneut angreifbar.

Argentiniens Fußballer feiern im WM-Halbfinale gegen England eine späte, eine spektakuläre Auferstehung. Erst in der 85. Minute gleicht der Titelverteidiger durch Enzo Fernandez aus und zieht dann dank Lautaro Martínez (90+2.) in der Nachspielzeit doch noch wieder ins Finale ein. Das sehr hitzige Spiel, das lange mehr Geholze als Fußball war, hatte sportlich einen würdigen Sieger gefunden. Einen, dem nun aber ein Nachspiel droht.

Die Argentinier trugen bei der Siegerparty auf dem Rasen in Atlanta ein brisantes Plakat zur Schau. "Las Malvinas son argentinas" ("Die Malvinas sind argentinisch") war in Versalien in dunkler Schrift auf einem weißen Laken zu lesen. Eine unverhohlene politische Botschaft. Ein Bezug zum Falklandkrieg, der die argentinische Seele einfach nicht ruhen lassen will.

Als die Briten im Falklandkrieg die Militärjunta schlugen

Mit dem Spruch dokumentierte Argentinien seine vermeintlichen Besitzansprüche auf die Inseln. Vor 44 Jahren, 1982, hatten Argentinien und das Vereinigte Königreich mehr als 70 Tage lang Krieg um die Falklandinseln geführt. Dabei starben rund 1000 Soldaten. Die Inseln sind seit 1833 britisches Überseegebiet. Bis heute weigert sich Großbritannien, über den Anspruch auf die Malvinas zu verhandeln. 

"Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren"

Schon vor der Partie war die Erinnerung sehr präsent gewesen. Argentiniens Trainer Lionel Scaloni hatte vor einer Vermischung des Spiels mit dem Krieg gewarnt. Das hatte die Vize-Präsidentin seines Landes anders gesehen. "Wir spielen gegen die Piraten-Usurpatoren. Das ist kein Spiel wie jedes andere", schrieb Victoria Villarruel auf X und kündigte an: "Ich werde nicht politisch korrekt sein oder mich zurückhalten. Gegen die Engländer geht es um mehr." Villarruels Vater hatte im Krieg um die Falklandinseln für Argentiniens Militärdiktatur gekämpft.

Tuchel reagiert sichtlich überrascht auf Reporterfrage

Video poster

Die politische Botschaft fordert jetzt die FIFA heraus. Denn der Weltverband verbietet Spielern und Offiziellen rund um die WM-Spiele, sich so eindeutig politisch zu äußern. Und auf die Reaktion der FIFA um ihren Chef Gianni Infantino wird genau geschaut werden. Gerade weil es sich um Argentinien handelt. In diesem Turnier wuchern die wilden Theorien um eine vermeintliche Vorzugsbehandlung von Lionel Messi und Co. Die von KI generierten Memes von Infantino und Messi sind überall: Mal trägt der mächtige FIFA-Boss Argentiniens Superstar schützend auf dem Arm und jubelt mit ihm, mal liegen sie gemeinsam mit dem WM-Pokal im Bett. 

Lange Liste der Vorwürfe

Die Liste der Vorwürfe gegen die FIFA und Argentinien ist lang: das brutale Messi-Foul im ersten Spiel (keine Rote Karte), die Schlussphase gegen Ägypten (Elfmeter für die Nordafrikaner durch VAR nicht geprüft), die Karten- und die Elfmeter-Statistik (mehr dazu lesen Sie hier). Und die Wucht der Vorwürfe wurde vor allem durch den ägyptischen Trainer Hossam Hassan potenziert. Er sprach offen von Manipulation und dass man offenbar sehr gewillt sei, Argentinien im Turnier zu halten. Beweise konnte er nicht vorlegen. Aber dass Infantino zuvor bereits Messi gelobt und ihm nach dem Drama-Sieg gegen Kap Verde "eine herzliche Umarmung" und "herzliche Glückwünsche" geschickt hatte, reichte jenen schon, die die WM als faires Spiel längst abgehakt hatten.

Argentiniens WM-Held bricht bei Interview in Tränen aus

Video poster

Nun also die politische Botschaft vs. Argentinien vs. FIFA. Der Weltverband stützt sich bei der Sanktionierung auf ihr striktes Disziplinarreglement. Dem südamerikanischen Verband drohen durch das Zeigen des Plakats der eigenen Spieler massive Geldstrafen. Auch individuelle Sperren für das Finale sind möglich. Unter anderem die beiden Spieler Giovani Lo Celso und Lisandro Martínez hatten das Banner gezeigt. Eine Sperre gegen Martínez, den Innenverteidiger, könnte die "Albiceleste" empfindlich treffen. Er ist unumstrittener Stammspieler.

Bei Lo Celso sieht die Sache anders aus, er durfte bislang nur im bedeutungslosen Vorrundenspiel gegen Jordanien ran. Eine Sperre nur gegen ihn hätte den Beigeschmack der vorgetäuschten Härte der FIFA gegen Argentinien. Ein Turnierausschluss, wie es eine englische Fan-Petition fordert, gilt dagegen als unwahrscheinlich. Einsichtig geben sich die Argentinier nach der Plakat-Aktion nicht. Sie sind auch nicht bemüht, den möglichen Schaden zu begrenzen. "Sie werden immer argentinisch sein", erklärte Leandro Paredes, als er auf das Plakat angesprochen wurde. "Wir waren uns bewusst, was dieses Spiel für dieses Land bedeutete. Wir haben versucht, unser Land und all jene, die diesen traurigen Moment unserer Geschichte miterlebt haben, zu repräsentieren, damit sie sich mit uns identifizieren und wir ein positives Bild vermitteln konnten", sagte der Argentinier weiter. 

Die FIFA steht massiv unter Druck

Die FIFA ist schon vor der Reaktion auf das argentinische Banner massiv angegriffen. Der "Fall Folarin Balogun", die Einmischung Donald Trumps gegen die Rotsperre des US-Stürmers, hatte dem Weltverband sehr geschadet. Eine völlig neue Dimension war erreicht. Der Willkür die Tür geöffnet. Und von der FIFA selbst dann noch weit aufgestoßen, weil sie den "Fall Balogun" nie nachvollziehbar erklären konnte und in Fällen wie Jarell Quansah (rotgesperrter Engländer) und Michael Olise (völlig unberechtigte Gelbe Karte im Spiel gegen Paraguay) anders gehandelt hatte.

Frecher Jubel und Argentinien-Ekstase nach diesem Traumtor

Video poster

In diesem Turnier hatte der Weltverband indes schon einmal auf eine politische Botschaft reagiert: Wegen einer aufgedruckten kriegerischen Schlachtszene musste Haiti auf den letzten Drücker die Trikots für die WM ändern. Auf der unteren Vorderseite war eine Grafik zur letzten Schlacht des haitianischen Unabhängigkeitskriegs von 1803 zu sehen. Sie fand bei Vertières im Norden der Insel zwischen einer Armee haitianischer Sklaven und französischen Truppen statt. Nun also der Falklandkrieg, das Banner - und welche Reaktion?

Verwendete Quellen: ntv.de, mit dpa/sid