Endlich kommt er. Sofort schießen Tausende Handys in die Höhe. Es herrscht Aufregung im gesamten Stadion von Miami. Selbst Kolumbianer zoomen ganz nah ran, denn: Cristiano Ronaldo betritt den Rasen. Um sich aufzuwärmen. Richtig, die Ronaldo-Mania greift selbst beim Warmmachen eklatant um sich.
CR7 ist ein Phänomen. Würden all diese Mobiltelefone einen Blitz benutzen, das wäre kein Blitzlichtgewitter mehr, sondern eine regelrechte Blitzlichtsuperzelle. Der Portugiese löst bei Fans noch mal mehr aus als Lionel Messi, seine Show ist die größte Fußballshow der Welt. Wegen ihm und den Hunderttausenden Kolumbianern, die in der Florida-Metropole wohnen, ist diese Partie die teuerste der Hinrunde.
Doch diese Show besteht nur noch selten aus Spitzenfußball. Es geht ums Drumherum, so auch an diesem Abend beim 0:0 gegen Kolumbien, bei dem Ronaldo eine mehr als unterdurchschnittliche Leistung zeigt und Portugal nur als Zweitplatzierte in die K.o.-Runde einzieht.
Nur zwei Ballberührungen im Strafraum
Bezeichnenderweise sagt Trainer Roberto Martinez nach der Partie auf der Pressekonferenz: "Cristiano hat körperlich wirklich eine starke Leistung gezeigt." Am Spiel gibt es schlichtweg nichts zu loben. "Wir wollen unsere Offensivspieler besser einsetzen", gibt Martinez dann noch zu.
Mit dem Anpfiff zieht der Superstar zwar mit Lothar Matthäus gleich, beide haben nun 25 WM-Partien absolviert (nur Messi mit 29 hat mehr), aber ansonsten zeigt er sportlich viel zu wenig, um bei dieser WM eine tragende Rolle, wie sie er sich selbst immer noch zuschreibt, spielen zu können. Nur maue zwei Ballberührungen im gegnerischen Strafraum kann er am Ende vorweisen, 35 sind es insgesamt. "Cristiano bewegt sich hervorragend um den Strafraum herum", sagt Coach Martinez.
Das Gold von der CR7-Show bröckelt an diesem Abend in Miami massiv ab. In der Mixed Zone ist das selbst Journalisten egal. Einige rufen "Siu", Ronaldos Torschrei, als der Stürmer an ihnen vorbeischreitet. Ein brasilianischer Reporter, der ein Portugal-Trikot mit Ronaldos Namen auf dem Rücken trägt, hat Tränen in den Augen, als der 41-Jährige ihm einen Faust-Gruß spendiert.
Ronaldo lebt Superstarstatus aus
Und auch im Stadion greift die Ronaldo-Leidenschaft der Zuschauer vom ersten Moment an um sich, eine Stunde vor dem Anpfiff. Ach, eigentlich Wochen früher, als etwa Bilder von Ronaldo am Miami Beach das Internet beinahe zerstörten. Schließlich wird dies wohl das letzte große Turnier des ewigen Angreifers sein, der nun bereits 41 Jahre alt ist und bald 1000 Tore in seinem Profileben geschossen hat. Bei dieser WM sind es seit dem 5:0 gegen Usbekistan zwei, als einziger Spieler in der WM-Historie hat er damit bei sechs Weltmeisterschaften geknipst.
Beim Aufwärmen klatschen die Portugiesen kräftig Beifall und die Kolumbianer lassen die Buhrufe sprechen - selbst wenn viele von ihnen den Superstar filmen. CR7 begeistert und spaltet die Massen wie kein anderer. Immer wieder wird er auf den vier Videoleinwänden eingeblendet. Wohl noch nie wurde ein Fußballer gleichzeitig so sehr geliebt und gehasst.
Ronaldo lebt natürlich seinen Superstarstatus auch aus wie kein Zweiter. Seit Jahren schon ist dies genauso sein Markenzeichen wie die vielen Tore. Die Socken hochgezogen, die kurze Hose extra noch weiter hochgekrempelt präsentiert er stolz seine Muskeln. Ein Knopf im rechten Ohrläppchen blitzt in der Sonne. Kostenpunkt? Will man wahrscheinlich lieber nicht wissen. Als nächstes schenkt der Portugiese den ihn wild ankreischenden Fans einen Daumen hoch und zwinkert cool in die Kameras.
WM produziert eines der mitreißendsten 0:0 überhaupt

Ronaldo fliegt auf den Boden
Nach einem guten Start der Südamerikaner erkämpft sich Portugal in der 7. Minute eine erste halbwegs gefährliche Situation. Doch die Flanke fliegt weit ins Aus. Ronaldo beschwert sich, er sei in der Mitte gehalten worden, gestikuliert wild zum Schiedsrichter, diese solle mal seine Augen benutzen. Typischer CR7, werden seine Gegensprecher sagen.
Fünf Minuten später holt sich der mittlerweile in Saudi-Arabien kickende Superstar den Ball im Mittelfeld und treibt das Spiel der Portugiesen nach vorne. Sofort erhält er wütende Buhrufe und Pfiffe der Kolumbianer. Dann passt er, will weiter nach vorne sprinten und prallt gegen eine gegnerische Schulter. In seiner ihm eigenen Theatralik fliegt er wie von Geisterhand nach hinten und rollt einige Male auf dem Boden umher. Diesmal gibt es lauten Applaus der Cafetero-Fans. Es ist eine dieser Szenen, weswegen Ronaldo trotz seiner grandiosen Leistungen über Jahre hinweg bei vielen Hass auslöst.
Kolumbien macht weiter das Spiel, Portugal steht insgesamt tief und setzt auf Konter. CR7 schaut sich das vom Mittelkreis an und beschwert sich, dass seine Mitspieler falsch laufen. Aber das Problem bei ihm selbst: Er ist nicht mehr so schnell und abschlussstark wie früher, das Spiel der Portugiesen dürfte eigentlich nicht zu sehr auf ihn zugeschnitten werden, weil er nur noch manchmal ein herausragender Kicker ist und Spiele nicht mehr im Alleingang entscheiden kann.
Kaum noch Gefahr geht von CR7 aus
Ex-Bundesliga-Star Jhon Cordobas hat den besten Abschluss (17.) bisher, Diogo Costa hält glänzend und Ronaldo joggt widerwillig zurück in den Strafraum zur Ecke. Dann darf er sechs Minuten darauf endlich wieder im Mittelpunkt stehen. Zentral vor dem Strafraum der Kolumbianer wird er gelegt, es gibt Freistoß. Chefsache, natürlich. CR7 zählt seine Schritte nach hinten ab, stellt sich in seiner bekannten Pose breitbeinig hin wie ein Pistolero - und haut aus gut 30 Metern einfach drauf. Aber er hat auch an Power verloren: Die Kugel fliegt zwar an der kleinen Mauer vorbei, ist aber zu zentral, um Keeper Camilo Vargas gefährlich werden zu können. Bezeichnend.
Nach der ersten Trinkpause, die hier bei 30 Grad und gut 70 Prozent Luftfeuchtigkeit tatsächlich mal nötig ist, hat Portugal die beste Chance der ersten Hälfte (39.). Pedro Neto greift über rechts an und passt in den Rücken der Abwehr, der Abschluss von Bruno Fernandes wird von Torwart Vargas geblockt und die anschließende Bogenlampe versucht Ronaldo per Fallrückzieher im Kasten unterzubringen, was misslingt.
Ein Fallrückzieher wäre auch viel zu viel für diesen mauen Ronaldo-Auftritt. Dennoch folgen sofort "Cristiano"-Sprechchöre. Nach dem Pausentee köpft Joao Felix knapp über den Kasten und CR7 rauft sich die perfekt gegelten Haare. Portugal wird durch Kontersituationen etwas besser und Ronaldo hat plötzlich die große Chance zum ersten Treffer (60), aber aus zwölf Metern zischt sein Schuss am Gehäuse vorbei. Das wäre vor einigen Jahren eine sichere Bude gewesen.
Herrlicher Fernschuss und pure Präzision erlösen Kroaten

Ronaldo sieht alles
Doch er steht ohnehin im Abseits. Kommt der Pass von Felix zu spät oder startet er zu früh? Seine Antwort auf diese Frage wäre bekanntermaßen eindeutig. Die kolumbianischen Anhänger antworten hämisch mit "Messi"-Rufen. Die Partie läuft größtenteils an Ronaldo vorbei. Das Problem: Trainer Roberto Martinez kann den Superstar nicht auswechseln, ohne die Gefahr zu begehen, dass dieser eine Szene macht und das Mannschaftsgefüge durcheinanderbringt. Alles schon passiert.
Anschließend spielt fast nur noch Kolumbien und der kurz zuvor eingewechselte Richard Rios hat die beste Möglichkeit für die Südamerikaner, aber seine flache Direktabnahme saust knapp neben den Kasten. Ronaldo dreht sich an der Mittellinie genervt weg. Einmal darf er noch einen schönen Doppelpass mit Fernandes links im Strafraum spielen, aber seine anschließende Flanke in die Mitte auf den heranrauschenden Rafael Leao gerät zu kurz.
Als dann Davinson Sanchez am zweiten Pfosten traumhaft einnickt, das Tor Kolumbiens fällt und das Stadion ausflippt, beweist Ronaldo, dass zumindest seine Augen noch die jüngsten auf dem Spielfeld sind. Sofort reißt er die Arme hoch und reklamiert. Er bekommt Recht zugesprochen. Sanchez steht mit seinem großen Zeh im Abseits. Das sieht nur ein CR7!
Eine Show, die keine war
Abpfiff. Ronaldo klatscht fair mit den Gegnern ab und muss gleich drei Trikotwünsche ablehnen. Die CR7-Obsession gibt es auch bei einigen Spielern. Als Erster verschwindet der Superstar vom Feld und winkt dabei auch den Kolumbianern zu, die ihn nun, da das Spiel vorbei ist, ebenfalls frenetisch feiern.
Ein kleiner Junge hält ein Plakat hoch, auf dem steht: "CR7, schenkst du mir ein Foto". Von einem Trikot träumen seine Fans nicht mal, ein Foto würde schon reichen. Dann ist die große Show zu Ende, die eigentlich gar keine war.





