"Hinter mir versteckt"Bierhoff erhebt schweren Katar-Vorwurf gegen den DFB

Mit vier Jahren Abstand zur Katar-WM blickt Oliver Bierhoff anders auf das Turnier. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber fühlt er sich rückblickend im Stich gelassen, trotzdem gibt er dem DFB einen Tipp für die kommende Fußball-Weltmeisterschaft.
Der langjährige Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, greift seinen ehemaligen Arbeitgeber im Interview scharf an. Während der politisch hoch umstrittenen WM 2022 in Katar habe er sich vom DFB allein gelassen gefühlt, klagt Bierhoff im Gespräch mit dem "Stern": "Damals hätte ich mir gewünscht, dass sich das Präsidium des Verbandes klarer zu Katar äußern und vor die Mannschaft stellen würde. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass man sich eher hinter der Mannschaft und mir versteckt."
Das WM-Turnier im Golfstaat stand wegen eingeschränkter Menschen- und Freiheitsrechte in der öffentlichen Debatte. Die DFB-Auswahl hatte dazu kritisch Stellung bezogen. Eine Entscheidung, die Bierhoff in der Nachbetrachtung für fragwürdig hält: "Heute denke ich: Man muss sehr gut überlegen, ob man sich als Team bei einem Turnier politisch positioniert." Die Spieler sollten sich nicht verpflichtet fühlen, etwas zu sagen, so Bierhoff: "Das zu verlangen, halte ich für überzogen und unangebracht. Im Übrigen: Die Welt wundert sich über uns Deutsche, weil wir glauben, alle belehren zu müssen."
Rücktritt nach Katar
Mit Blick auf die WM im Sommer, die wegen des Gastgebers USA unter anderem von Menschenrechtsorganisationen abgelehnt wird, sagte Bierhoff dem "Stern": "Ich halte generell nichts von einem Turnierboykott. Es gibt enge wirtschaftliche Verbindungen zu den Vereinigten Staaten und unsere Regierung ist weiterhin um gute Beziehungen bemüht. Warum sollte ausgerechnet die Nationalmannschaft eine andere Haltung einnehmen?"
Auf die Frage, ob das WM-Turnier nicht von US-Präsident Donald Trump als Bühne für eigene Zwecke missbraucht werden könne, sagte Bierhoff: "Daran wird der kritische Kommentar eines einzelnen Fußballers nichts ändern. Der DFB sollte einmal Position beziehen und dann deutlich machen: Lasst die Mannschaft in Ruhe! Tragt eure Moraldebatten gerne aus, aber nicht auf dem Rücken der Spieler."
Bierhoff wurde 2004 zum Manager der deutschen Nationalmannschaft berufen und hatte ab 2007 einen Sitz im Präsidium des DFB inne. Den Höhepunkt seiner Amtszeit feierte die Nationalmannschaft mit dem Weltmeistertitel 2014. Trotz des lange Zeit guten Abschneidens der DFB-Elf bei großen Turnieren galt er als umstrittene Reizfigur. Nachdem auf das erste Vorrundenaus eines deutschen Teams bei einer Weltmeisterschaft 2018 in Russland auch 2022 in Katar bereits in der Gruppenphase Endstation für den DFB war, trat Bierhoff zurück.