4 Partien, 5 Punkte, 44 Spieler: Die ersten Partien von Bundestrainer Jürgen Klopp sind gespielt. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schlägt ein neues Kapitel auf. Wer es wohl prägen könnte? Die Gewinner und Verlierer der ersten Klopp-Partien.
Gewinner
Philipp Treu
Tag und Nacht könne Philipp Treu seine Seite beackern, sagte Klopp einmal über den Freiburger Rechtsverteidiger. Ob das wirklich so ist, ist noch nicht abschließend geklärt, aber zumindest sind die 90 Minuten nach 20.45 Uhr eine gute Uhrzeit für ihn. Gegen die Niederlande, Serbien und in Griechenland durfte Treu den rechten Flügel bearbeiten und tat das überraschend souverän. Zwar mit Ungenauigkeiten hier und da, aber das ist erst einmal nicht wichtig. Schließlich hat der deutsche Talentpool nicht unbegrenzt viele Rechtsverteidiger. Das Wichtigste erledigte er souverän: Klopp merkte an, dass Treu bei seinem Debüt den Liverpooler Cody Gakpo abmelden konnte. Und der Bundestrainer muss es ja wissen, schließlich kennt er den Niederländer aus früheren Zeiten bestens. Er habe nicht das Gefühl, dass da ein Neuling gespielt habe, sagte Klopp. Einem Neuling kann man wohl kein größeres Kompliment machen.
Flügelstürmer
Die Wenigsten werden sich erinnern, aber eine linke Seite aus Maximilian Mittelstädt und Derry Scherhant ist gar keine Kloppsche Erfindung. Lange ist's her, aber der Bundestrainer stellt sich damit in eine Reihe mit Sandro Schwarz. Hertha BSC gewann am 12. Februar 2023 mit 4:1 gegen Borussia Mönchengladbach - mit Scherhant und Mittelstädt gleichzeitig auf dem Platz. Es half aber nichts: Trainer Schwarz war kurz darauf arbeitslos, die Berliner stiegen am Ende der Saison ab. Vielleicht auch, weil Scherhant und Mittelstädt nicht mehr gemeinsam auf dem Platz standen. Man weiß es nicht.
Die Moral der Geschichte ist vielleicht eher: Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann hatte vor anderthalb Jahren einmal bemängelt, dass es dem DFB-Team an einer großen Auswahl von Flügelstürmern fehle. Für Klopp wäre das eigentlich ein Problem: In Zeiten, in denen nahezu jedes Nationalteam der Welt griechenlandartig tief verteidigen kann, sind die Dribbler auf Außen eigentlich seine Antwort. Oder wie er es formulierte: die Spielmacher der Zukunft.
In den jüngsten vier Länderspielen zeigte Klopp, was er damit meinte und wagte einen Blick in die Zukunft: Mit Kevin Schade, Karim Adeyemi, Scherhant und Serge Gnabry feiern die Flügelspieler ein Revival im DFB-Team. In den vier Partien haben sie alle ihre Momente: Der eifrige Adeyemi zeigte sein Tempo, Scherhant seine Spielfreude und Dribblingqualitäten, Schade seinen Einsatzwillen und Gnabry seine Erfahrung. Mit Lennart Karl und Said El Mala steht zudem die nächste Generation bereit.
Yann Aurel Bisseck
Etwas ungläubig warf man auf der Pressetribüne in Augsburg die Suchmaschinen an: Yann Aurel Bisseck hat tatsächlich erst ein Länderspiel? Beim Hinspiel gegen Griechenland lief beim DFB-Team wenig nach Plan, aber in der Innenverteidigung gab es praktisch keine Probleme. Mit dafür verantwortlich gewesen: ebenjener Bisseck. Dort spielte er an der Seite von Abwehrchef Jonathan Tah - und zeigte eine bemerkenswerte Leistung: zweikampfstark, stark am Ball und reaktionsschnell. Nagelsmann hatte ihn zuvor nur im Nations-League-Viertelfinale gegen Italien eingesetzt, danach nicht mehr. Vielleicht ändert sich das ja künftig.
Nicolo Tresoldi, Younes Ebnatoulib - und die Kanten
Es gab eine Zeit, da produzierte die Fußballnation Deutschland einen Mittelstürmer nach dem anderen. Doch offenbar liegt das in der Vergangenheit. Die ersten vier Spiele unter Klopp trugen einiges zutage: Wenn Kai Havertz fehlt, dann ist die Position in der Spitze ganz schön offen. Ist der Arsenal-Profi da, stellt sich die Frage nicht, doch zuletzt fehlte er dann doch eher regelmäßig verletzungsbedingt. Vielleicht die Folge dessen: In keinem der vier Spielen fiel ein Stürmertor beim DFB-Team.
Zudem kann es einem Bundestrainer nicht schaden, Alternativen in der Hinterhand zu haben: Und da sind tatsächlich noch welche. Rein fußballerisch wären da Tim Kleindienst und Niclas Füllkrug, die Flanken auch verwehrten könnten. Ansonsten: Der Frankfurter Younes Ebnoutalib spielte bei seinen Einsätzen auf. Zwar fehlt ihm noch ein Tor, aber nach Debüt fühlten sich seine Spielminuten nicht ein. Klopp vergaß sogar, ihn bei einer Pressekonferenz als Debütanten aufzuzählen.
Doch er ist nicht alleine: Der vielversprechendste deutsche Angreifer traf während der Länderspielpause dreimal gegen Malta - und wird noch von zwei anderen Landesverbänden gejagt. U21-Ersatzkapitän Nicolo Tresoldi könnte nicht nur für die DFB-Elf spielen, sondern auch Italien und Argentinien. Noch hat sich der 22-Jährige nicht entschieden, seine Entscheidung soll wohl erst im nächsten Jahr fallen.
Verlierer
Joshua Kimmich
Man hätte gerne zugehört, worüber sich Joshua Kimmich und Schlagerstar Heino eigentlich auf der Tribüne in München unterhalten haben. Und ob sie es überhaupt gemacht haben? Wo finden die beiden wohl thematische Überschneidungen? Vielleicht bei ihrem Eifer für die DFB-Elf. Denn der Kapitän, der seine Mannschaft nicht verlassen wollte, wurde zum ersten Debattenprüfstein für Bundestrainer Klopp. Kurze Erinnerung: Ohne Kimmich hatte die Klopp-Elf erstmals so richtig überzeugen können.
Bemerkenswert - und etwas rätselhaft - ist vor allem deshalb: Warum hat Klopp darauf angesprochen ihn nicht einfach gestärkt? Sondern sich hinter Schachtelsätzen und Witzen versteckt? Stattdessen hat der Bundestrainer die Situation im Mittelfeld komplett offengelassen und in Thessaloniki vom Konkurrenzkampf geschwärmt. Nach einem Plädoyer für den 31-Jährigen klang das alles nicht. Vielleicht, weil er langfristig ohne ihn plant? Dabei hatte Kimmich vor allem gegen die Niederlande noch überzeugt.
Man könnte das auch umdrehen, denn jemand anderes überzeugte auf der Position: Aleksandar Pavlovic. Der Bayern-Profi dirigierte mit Füßen und Gesten. Unaufgeregt verteilte er in seinen Spielen die Bälle - der Unterschied vielleicht zu Kimmich: Er hält die Bälle nicht länger als nötig, enge Szenen löst deshalb mit wenigen Kontakten.
Angelo Stiller und Deniz Undav
Manchmal erzählen die Kandidaten, die in einem DFB-Kader fehlen genauso viel wie diejenigen, die mitreisen dürfen. Das erste Kloppsche Aufgebot kommt ohne die beiden Stuttgarter Angelo Stiller und Deniz Undav aus. Das kann kurzfristig mit akuter Formschwäche zu tun haben. Aber langfristig zeichnet sich etwas ab, das sich schon unter Nagelsmann angedeutet hatte: Möglicherweise werden es Stiller und Undav künftig eher schwierig haben.
Bekanntermaßen lebt der Fußball des neuen Bundestrainers von viel Intensität und Tempo. Beide, Stiller und Undav, haben viele Qualitäten, nur nicht diese beiden. Über den Mittelfeldspieler Stiller hieß es lange, er sei zu langsam für den FC Bayern gewesen. Und die Fitness von Undav wurde bekanntermaßen unwirsch von Nagelsmann schon vor der Weltmeisterschaft ausgiebig besprochen. Das heißt nicht, dass sie nie wieder nominiert werden, aber große Klopp-Gewinner werden sie in nächster Zeit wohl nicht.
Felix Nmecha
Wenn Felix Nmecha gewollt hätte, dann hätte er das 0:1 gegen Griechenland verhindern dürfen, das war die Analyse von Bundestrainer Klopp nach dem Spiel. Sein Vorgänger Nagelsmann hatte Nmecha einmal Weltklasse attestiert, die konnte der Dortmunder zumindest in dieser Saison noch nicht oft unter Beweis stellen. In seinen beiden Einsätzen sorgte der 25-Jährige mit nicht wirklich euphorischer Defensivarbeit dafür, dass Kapitän Kimmich bei gegnerischen Kontern häufig alleine war. Überhaupt: Nach dem 7:1 beim WM-Auftakt gegen Curacao fehlt es im DFB-Dress etwas an überzeugenden Auftritten. Er wird aber wiederkehren, für ihn spricht sein Talent. Nmechas Problem: die starke Leistung von U21-Kapitän Tom Bischof.

