Späte Entschuldigung an UndavZum Glück hat Julian Nagelsmann seine Ehefrau

Julian Nagelsmann startet zwar mit zwei Siegen ins Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft. Kommunikativ rumpelt es um das DFB-Team jedoch gewaltig. Diesen Eindruck versucht der Bundestrainer zu korrigieren - mit familiärer Unterstützung.
Es ist beruhigend zu wissen, dass am Küchentisch des Bundestrainers auch über die Fußball-Nationalelf gesprochen wird. Und ein Glück hat Lena Wurzenberger als ehemalige Journalistin ihr Gespür für Kommunikation nicht verloren. Seine Ehefrau hat Julian Nagelsmann einen entscheidenden Hinweis gegeben: Er solle sich doch bei Deniz Undav entschuldigen - erst privat und nun auch öffentlich.
In einer Plauderrunde bei MagentaTV fasste der Bundestrainer die Geschehnisse im Hause Wurzenberger/Nagelsmann wie folgt zusammen: Seine Ehefrau helfe ihm beim Reflektieren und sage ihm "ins Gesicht", wenn etwas nicht gut ist - eben das sei bei der Causa Undav geschehen. "Ich habe ihr gesagt, ich werde ihn anrufen, und dann hat sie gesagt: 'Ja, das rate ich dir auch.'" Der Rat ist tatsächlich goldwert: Denn Nagelsmann beerdigt damit noch rechtzeitig vor der WM-Nominierung am 12. Mai eine wirklich unnötige Debatte (dazu später mehr).
Was Nagelsmann dem Stuttgarter Angreifer erzählt hat, berichtete er dann auch. Er habe sich "in dem Moment einfach ein bisschen triggern lassen von sehr vielen Nachfragen zu ein und demselben Thema. Es war nicht richtig und war auch in der Schärfe für die Öffentlichkeit viel zu forsch. Und da habe ich gesagt: 'War blöd von mir, tut mir leid.'"
Es zeichnet Nagelsmann aus, dass er Fehler zugeben kann. Denn der Anruf korrigiert etwas, was in seiner Kommunikation schon seit Jahresbeginn schiefläuft. Es begann mit der "Kicker"-Regierungserklärung: Zum Auftakt des WM-Jahres erklärte der Bundestrainer irritierenderweise, wo die Schwächen seines Kaders nun gerade liegen. Eine Kostprobe: Er habe zwar etwa "elf Sechser" auf seiner Liste, die jedoch alle nur "den Ball wollen".
"Wenn er damit klarkommt ..."
Ehrlichkeit nach außen ist immer gut, aber zuletzt schoss Nagelsmann etwas übers Ziel hinaus: Teilweise mussten die Spieler selbst reagieren. Angreifer Nick Woltemade erklärte etwa in einem Interview bei der "Süddeutschen Zeitung" noch einmal ausführlicher, dass er sich gerade nicht in einem Formtief befinde. Es gibt noch weitere Beispiele: Für den ehemals aussortierten Leon Goretzka deutete Nagelsmann erst einen WM-Stammplatz an, um dann aber nachzureichen, dass er doch keinen "Freifahrtschein" habe und möglicherweise auch nur einige Minuten bei dem Turnier spielt.
Und klar, da ist die Dauerdebatte um Leroy Sané: Bei seinem Wechsel zu Galatasaray Istanbul gab Nagelsmann ihm noch auf den Weg, dass er in der türkischen Liga auch überragende Quoten produzieren sollte. Die blieben aus, Sané wurde trotzdem nominiert. Der Bundestrainer erklärte in der Folge, dass er eben nicht so wahnsinnig viele Flügelstürmer habe. Bei Sané bestehe immerhin die Chance, dass er auf dem Feld Außergewöhnliches schafft.
Dabei handelt es sich allesamt um Diskussionen, die irgendwie vermeidbar sind oder waren - und vor allem selbstverursacht. Der Gipfel war jedoch Ende März an einem regnerischen Abend in Stuttgart. Die Debatte um Undav schwelte da schon seit Tagen vor dem Testspiel gegen Ghana. Der (da noch) formstärkste DFB-Torjäger musste trotzdem auf der Bank Platz nehmen. Sehr zum Unmut der Fans: Das Stadion forderte ihren Cannstatter Helden schon in der ersten Halbzeit mit lauten Sprechchören.
Der Anhang musste sich aber gedulden: Undav kam erst nach der Pause und spielte dann auch wirklich nicht gut. Bis er eben das machte, was ein Stürmer machen sollte: Auf Gerd-Müller-Art traf der 29-Jährige mit einem seiner wenigen Ballkontakte zum spielentscheidenden 2:1-Sieg. Wenig überraschend meldete der euphorisierte Undav nach dem Treffer seine Ambitionen an, bei der WM vielleicht doch nicht nur mit dem Rollenprofil "Aushilfskraft" im Notizbuch des Nationalcoachs geführt zu werden.
Anders sah das der Bundestrainer: Nach Anpfiff war man sich gar nicht sicher, ob sich Nagelsmann wirklich über das Tor freute. Im TV-Interview an der Seitenlinie rechnete er kühl mit Undav ab, dessen Leistung er "nicht gut fand". Und das Tor? Nagelsmann sei sich auch unsicher, ob Undav wirklich treffen würde, "wenn er vorher 70 Minuten marschiert" wäre. Denn: "Es war schon ein langer Schritt, der nach 70 Minuten - auch im Hinblick auf den Sommer bei 42 Grad - für ihn schwierig sein kann", sagte Nagelsmann.
Auf der Pressekonferenz legte er dann nach: Undav setze sich mit seinen Aussagen selbst unter Druck. "Wenn er damit gut klarkommt, dann soll er es machen", sagte Nagelsmann. Es wirkte, als würde der Bundestrainer nur darauf warten, dass Undav nicht mehr treffen würde. Das Thema habe ihn anscheinend wirklich sehr "getriggert".
Diese Einschätzung bereut Nagelsmann heute nun, sagte er bei MagentaTV. Vor allem den "70 Minuten"-Satz. Schon einen Tag nach dem Ghana-Spiel habe er mit Undav telefoniert und sich entschuldigt, berichtete er. "Das hat er Gott sei Dank angenommen und es ist auch alles in bester Ordnung zwischen uns." Für die WM muss es jetzt nur sportlich laufen: Seit seinem Treffer gegen Ghana vor drei Wochen wartet Undav auf ein Tor.