Fußball

Zerfressen von Drogen und Mafia Gottes Hand ließ Maradona fallen

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Diego Maradona fand auf dem Höhepunkt seiner Karriere keinen Halt mehr.

(Foto: imago/VI Images)

"Wer Maradona kritisiert, kritisiert Gott", feiert Neapel 1987 seinen Helden. Die Doku "Diego Maradona" berauscht sich am göttlichen Spiel des Jahrhundert-Fußballers, steigt mit ihm auf zum Heiligen - und geht so nah, dass der Zuschauer Platzangst bekommt, bevor alles zerbricht.

Ein kindlicher Wuschelkopf lässt den Ball tanzen. Braungebrannt und in einer knappen Sporthose hält der klein gewachsene Teenager Diego Armando Maradona die Kugel hoch und treibt sie über die Fußballplätze seines Heimatorts unweit der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Zarte Gitarrenzupfer begleiten den jungen Meister bei seinem Schauspiel. "Auf dem Platz wird das Leben unwichtig", erzählt eine Stimme aus dem Off, die dem Maradona von heute gehört: "Die Probleme, alles wird unwichtig." Schon die ersten Szenen des Dokumentarfilms "Diego Maradona" vom britischen Regisseur Asif Kapadia zeigen, wie viel Magie, Wärme und gleichzeitig Zerbrechlichkeit dem ehemaligen Fußball-Weltstar innewohnt. Maradona ist ein Mensch mit allen Stärken und Schwächen, die dazugehören - und wollte vor allem immer eines: kicken und die oft erdrückende Realität vergessen.

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Asif Kapadia (m.) stellt seine Doku in Cannes vor.

(Foto: imago images / PanoramiC)

Maradona ist die dritte Doku Kapadias, nachdem er sich mit Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna (2010) und Sängerin Amy Winehouse (2015) zwei toten Legenden gewidmet hatte und einen Oscar gewann. Der neue Film komplettiert eine Triologie über "Geniekinder und Ruhm", sagt der Regisseur. Kapadia, selbst großer Fußball-Fan, wollte direkt nach "Senna" nicht noch einen Sport-Film machen und lehnte eine Maradona-Doku zunächst ab. Das komplexe Leben des ehemaligen Weltfußballers und die einmalige Chance, das komplette persönliche Archiv Maradonas sichten und benutzen zu dürfen, überzeugten ihn schließlich. Der Film legt den Fokus auf den Neapel-Mikrokosmos: Hier feierte der Argentinier von 1984 bis 1992 seine größten Karriereerfolge - und nahm all das seinen Anfang, was in Maradonas Leben fortan schieflaufen sollte.

"Mamakind" Maradona

Schon als Kind will Diego Armando vergessen. Zu siebt, mit seinen Eltern und vier Schwestern, lebt er in den Slums von Buenos Aires in einer kleinen Hütte ohne fließendes Wasser. Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen die Familie, Mutter und Schwestern berichten aus dem Off über Maradonas schwierige Kindheit. Im kompletten Film bekommt man bei den Erzählungen die Zeitzeugen nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Einen Sprecher gibt es nicht, was die Geschichte lebendig nach vorne treibt. Maradonas Mittel zur Flucht vor der Armut: der Fußball. "Er war mein Befreier", sagt die spätere Nummer 10. Schnell ist sein Talent erkennbar - und schnell wächst der Druck auf den Heranwachsenden. "Als er das erste Mal aufs Feld lief, haben wir geweint", erzählt seine Mutter. Mit 15 bekommt Maradona eine Wohnung vom Fußballverein gestellt, in die er mit seiner kompletten Familie einzieht. Er gibt heute zu, dass es ihm anfangs beim Fußballspielen einfach nur darum ging, der Familie ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Jetzt ist Diego Armando als Teenie ihr Ernährer. Und doch bleibt er immer ein "Mamakind", wie seine Mutter sagt.

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Diego Maradona - der vielleicht größte Fußballer nicht nur seiner Zeit.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Als teuerster Spieler der Welt wechselt Maradona 1982 von den Boca Juniors zum FC Barcelona - für die Rekordsumme von etwa 5,5 Millionen Euro. Doch in seinen zwei Jahren beim Weltverein läuft es nicht rund, der Edeltechniker ist mal krank, mal verletzt. Der Argentinier will wieder Fußball spielen und diesmal das Barca-Kapitel vergessen. Nach zwei Jahren wechselt er zum SSC Neapel, der in der Vorsaison fast abgestiegen wäre. Der ärmste Klub Italiens kauft den teuersten Fußballer der Welt für 13,5 Milliarden Lire, knapp sieben Millionen Euro. Viele Vereine wollen ihn, aufgrund von Eskapaden und nächtlichen Party-Touren bei den Katalanen, schon nicht mehr haben. Maradona selbst sagt zu dem Wechsel damals, er wolle Ruhe und Respekt. Mit der Ruhe wird es nichts - und der Respekt schlägt schnell in erdrückende Vergötterung um.

"Nicht Maradona hat das Spiel gewonnen, sondern Gott"

Mit 80er-Pop saust der Zuschauer im Wagen Maradonas durch italienische Gassen zu seiner Vorstellung bei den Neapolitanern, läuft mit ihm durch die Katakomben des komplett gefüllten Stadion San Paolo, während die Fans von oben skandieren: "Diego, Diego, Diego". Die Kamera ist hautnah dabei, Maradona lächelt fast ängstlich. Mit der Ankunft in Neapel spürt der Zuschauer: Auf dem Argentinier lastet der Druck einer ganzen Stadt. Und da diese Stadt vom Rest Italiens als dreckig, untermenschlich und nicht-italienisch angesehen wird, steigt die Last ins Unermessliche. Maradona wird zum Retter, zu der Person, aus der die ganze Region ihr Selbstbewusstsein zieht. Zum Gott. Selbst wer die Geschichte Maradonas nicht kennt, ahnt hier bereits: Der kleine Wuschelkopf kann eigentlich nur verlieren.

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Der Film zeigt tolle Szenen aus den Ligaspielen und vom Training. Wer vergessen hatte, was für ein Kicker Maradona war, wird spätestens wieder daran erinnert, wenn er mit seinen Körpertäuschungen egal welchen Gegner ins Leere laufen lässt (im ersten Saisonspiel mit Neapel ist Veronas Hans-Peter Briegel dran) oder wenn er im Training den Ball fast beiläufig acht Mal hintereinander mit der Hacke hochhält. Sein Trainer sagt, dass er körperlich immer relativ schwach war, "aber im Kopf war er allen überlegen". Die ersten Spiele gehen verloren, Maradona muss sich an das Tempo und die Härte der italienischen Liga gewöhnen, die damals die beste der Welt ist. Dumpfe Sounds begleiten die Szenen, in denen er von den Catenaccio-Abwehrhühnen rüde gelegt wird. Dann der erste Sieg, dank eines Tores von Maradona. Danach sagt er, ohne die Doppeldeutigkeit dieses Satzes zu erkennen: "Nicht Maradona hat das Spiel gewonnen, sondern Gott."

"Von welchem Planeten kommst du?"

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1986 erreicht Maradona den Höhepunkt seiner Karriere, als er mit der argentinischen Nationalelf die WM in Mexiko gewinnt. Auch hier spürt die Nummer 10 den Druck eines ganzen Landes auf seinen Schultern. Im Viertelfinale geht es gegen England und die Last wird gleich noch ein Stück schwerer: Zwei Jahre zuvor kämpften die beiden Länder mit Waffen um die Falkland-Inseln und Maradona erzählt aus dem Off, dass das "Spiel wie ein neuer Krieg" war. Er antwortet dem Druck auf seine Art: mit zwei der bekanntesten Tore aller Zeiten - binnen vier Minuten. Zur Hand Gottes erzählt er: "Klar war das Hand, das passierte ganz spontan. Es war die symbolische Rache an den Engländern." Dann, in der 55. Minute, schnappt er sich an der Mittellinie den Ball, um zu seinem Jahrhunderttor-Solo anzusetzen. Der Film zeigt die Szene mit Originalkommentar aus Argentinien: "Kosmischer Drache, von welchem Planeten kommst du?" Dieses eine Spiel symbolisiert alles, wofür Maradona steht, wofür man ihn liebt und hasst: ein wenig Schwindelei und viel Genie. Auch im WM-Finale hält Maradona, der "dreckige Arbeiterjunge, der es mit allen aufnimmt", dem Druck stand und die BRD hat das Nachsehen.

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1987 wird der Argentinier mit Neapel zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs Meister - und Maradona ist Gott. "Oh Mama/ ich habe so Herzklopfen/denn ich habe Maradona gesehen" grölt die komplette SSC-Kabine nach dem Titel. Die Stadt liegt der Nummer 10 zu Füßen. Eindrucksvolle Bilder zeigen, wie ganz Neapel auf den Beinen ist, hellblaue Fahnen schwenkt und zwei Monate im Ausnahmezustand lebt. Auf einer Friedhofsmauer steht geschrieben: "Sie wissen nicht, was sie verpasst haben." Die Kamera fängt auch die Fans ein, die ihren Messias nie mehr loslassen wollen: "Er hat uns erlöst", hört der Zuschauer, oder "Wer Maradona kritisiert, kritisiert Gott." Eine Krankenschwester, die der Nummer 10 Blut abnimmt, bringt die Probe anschließend in die Kirche. Der Edeltechniker, das "Mamakind", flieht zu seiner Familie nach Argentinien.

Das Kokain hat Maradona im Griff

Der Uefa-Pokalsieg 1989 und ein weiterer Ligatitel 1990 folgen - aber Maradona beginnt, von der Last zerfressen zu werden. Einen unehelichen Sohn erkennt er nicht an und zu hoch sind die Erwartungen, zu groß ist der Druck, an jeder Straßenecke für jedermann der Gott sein zu müssen. Immer wieder ist die Kamera nah auf Maradonas Gesicht gerichtet, während er sich durch frenetische Menschenmassen, Fotografenheere und Reporterschare, geschützt von seinen Bodyguards, hindurchzwängen muss und dabei halb erstickt. In seinen Augen kann der Zuschauer Überforderung und Angst erkennen. Journalisten verfolgen ihn mit der Kamera bis an die Wohnungstür und sind ihm ununterbrochen so nahe, wie es heute gar nicht mehr möglich wäre. Solche Szenen sind es, die den Dokumentarfilm beeindruckend machen: Schon beim Zusehen bekommt der Zuschauer Platzangst. Der Film lässt in diesen Einstellungen bewusst die Musik weg, sodass der lautstarke Druck, der dem Argentinier überall entgegenschlägt, und der sich anbahnende Fall förmlich zu spüren sind.

Maradona, der zu seiner Zeit in Barcelona zum ersten Mal Kokain nahm, greift nun immer öfter auf die Droge zurück. Dem Druck auf dem Fußballplatz zu entfliehen reicht nun nicht mehr. Er gewöhnt sich an eine ungesunde Routine: Sonntags spielen, bis Mittwoch Party machen und dann alles ausschwitzen. Sein Trainer spricht von einem Diego, dem lieben schüchternen Jungen und einem Maradona, dem Star, dem Gott, der sich keine Fehler erlauben darf. Das Kokain hat nun Maradona im Griff und Maradona wiederum Diego. Die Droge wird aber von einer anderen Macht reguliert, die ihn unter ihr Schutzschild stellt und ausnutzt: die Camorra. Neapels mächtige Mafia versorgt Maradona mit Kokain und Prostituierten und hat ihn damit in der Tasche. Der Zuschauer sieht den Weltstar unsicher kleine Camorra-Restaurants eröffnen. Maradona zerbricht immer mehr, will weg aus der Stadt, der er alles gegeben hat.

"Hoher Preis für seinen Ruhm"

Trotzdem gewinnt er 1990 als Drogenabhängiger die nächste Meisterschaft und besiegt Italien (ausgerechnet im neapolitanischen Stadion San Paolo) im WM-Halbfinale im Elfmeterschießen. Der komplette Rest des Landes hasst ihn nun und freut sich, als er 1991 erst wegen Drogenbesitzes eine Bewährungsstrafe erhält und schließlich nach einer Dopingkontrolle ein Jahr gesperrt wird. "Sie nahmen ihm sein Leben", sagt sein Trainer. Bei der Verurteilung ist vom Verein niemand anwesend und auch die Camorra lässt ihn fallen. Zum ersten Mal ist Maradona allein. Er verlässt Neapel Hals über Kopf und sagt: "Als ich ankam, hatten mich 85.000 Menschen begrüßt. Aber ich ging in aller Stille."

Der Held darf nicht mehr das tun, was er am liebsten tut, was er braucht, um seinen Problemen zu entfliehen: Fußball spielen. Also flüchtet er sich noch tiefer in den Drogensumpf. Nach der Ausreise aus Italien "zerstörte er sein Leben", sagt seine langjährige Freundin. Nichts was nach Neapel kommt, läuft gut für ihn. "Ab 15 hatte er kein eigenes Leben mehr", erzählt eine seiner Schwestern, " und er zahlte einen hohen Preis für seinen Ruhm." Eine der letzten Szenen zeigt einen alten, nervösen Maradona, aufgedunsen und mit dickem Bauch, in einer TV-Sendung nach einer Entziehungskur. Tränen rinnen ihm über die Wangen, als er von seinem Leben in der Klinik erzählt. Maradona ist kein Gott, Maradona ist ein Mensch. Mit allen Stärken und Schwächen. Ein Mensch, der eigentlich immer nur auf dem Platz stehen wollte, um alles andere zu vergessen.

Der Film Diego Maradona startet am 5. September in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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