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Völlig absurdes Bundesliga-SpielKompany, Kimmich, Hoeneß: Beim FC Bayern herrscht Alarmstufe Wut

14.03.2026, 23:40 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Leverkusen
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Dauergast beim Schiedsrichter: Joshua Kimmich. (Foto: IMAGO/Kirchner-Media)

Bayer Leverkusen klatscht sich nach dem Topspiel fassungslos an die Stirn. Gegen am Ende neun Münchner schafft es die Werkself nicht, den Siegtreffer zu erzielen. Der Schiedsrichter steht im Mittelpunkt - und muss reichlich Münchner Kritik einstecken.

Als die dämonische Wut des FC Bayern längst wieder in rhetorische saubere Bahnen abgebogen war, zog vom fernen Tegernsee eine tiefschwarze Zorneswolke heran. Uli Hoeneß, der ewig erste Beschützer der Münchner Fußballer hatte beim auf den frühen Samstagnachmittag vorverlegten Bundesliga-Topspiel des Rekordmeisters bei Bayer Leverkusen "die schlechteste Leistung" eines Schiedsrichters gesehen, die er "je erlebt habe". Das ließ der Patron via "Bild" in die nationalen Redaktionen kabeln. Und Uli Hoeneß hat schon verdammt viel erlebt: vor allem viele schlechte Schiedsrichterleistungen, wie eine schnelle Google-Suche bestätigt.

Dieser Zorn war gar nicht nötig gewesen, um diesem Spiel einen Platz in den Geschichtsbüchern der Bundesliga zuzuweisen. Aber immerhin hatte Hoeneß den sonntäglichen Fußball-Talksendungen noch einmal eine Steilvorlage für hitzige Debatten geliefert. Für die Geschichtsbücher war dieses Spiel nicht, weil das Ergebnis so außergewöhnlich war. Mit einem 1:1 steht es in Zahlen unscheinbar in der Reihe der belanglosesten Resultate. Denkwürdig wurde dieses Spiel, weil der Schiedsrichter nach VAR-Eingriff gleich dreimal gegen den FC Bayern entschied und einmal gegen Bayer Leverkusen. Jedes Mal mit einer entscheidenden Wendung für das Spiel. Mehr Eingriffe auf dem Niveau einer Fehlentscheidung hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Die Münchner hatten den frühen Rückstand durch Aleix Garcia (6.) durch Jonathan Tah (26.) ausgeglichen. Und durch den abermals nur eingewechselten Harry Kane (61.). Doch jeweils war der Münchner zuvor mit dem Arm am Ball. Nicht absichtlich, aber ersichtlich. Der während der 90 Minuten hochtourig erregte Trainer Vincent Kompany bemühte sich später darum, seine Sicht der Dinge sauber abzuarbeiten: "Mein Gefühl ist, dass es eine schlechte Leistung war, aber das ändert meinen Respekt für den Schiedsrichter nicht. Das kann passieren. Ich habe ihm nur gesagt, dass ich natürlich nicht zufrieden bin." Dann ging er ins Detail: "Ich verstehe die Regeln, aber bei Jonathan geht der Ball an den Ellbogen. Er kann den Arm gar nicht mehr wegnehmen. Ich weiß nicht, was er da machen soll. Und bei Harry Kane ist es für mich genauso schwer nachzuvollziehen. Für mich ist das ein klares Tor."

Luis Diaz kann es nicht glauben

Leverkusen hatte sich den zweiten vermeintlichen Ausgleich herbeigetrottelt. Kane hatte einen langen Schlag von Torwart Janis Blaswich geblockt und kurz danach abgestaubt. Bayer war blamiert, in den Geschichtsbüchern findet es aber keine Erwähnung. So stand es in der emotional völlig überhitzten BayArena weiter 1:0 für die Gastgeber. Nach sechs Minuten hatte Garcia getroffen. Tah hatte den Ball so ungünstig abgefälscht, dass Sven Ulreich bei seinem Comeback nach über 500 Tagen chancenlos war.

Möglich war das Tor geworden, weil der 18 Jahre alte Montrell Culbreath Luis Diaz den Ball auf der Außenbahn mit erstaunlicher Chuzpe abgenommen hatte. Der Bayern-Star war so empört, dass er nicht weiterspielen wollte. Er wollte einen Pfiff bekommen, kassierte aber stattdessen einen Einlauf seines Trainers. Der wies ihn, hinterherzulaufen und nicht vergeblich auf den Schiri zu warten. Culbreath war’s egal, er war auf und davon. Und der Ball dank Garcia im Tor.

Bayern-Kapitän Joshua Kimmich wurde hernach zum ersten Mal beim Unparteiischen Christian Dingert vorstellig und blieb fortan sein treuester Begleiter. Beim Fangenspielen in der Grundschule hätte sich Dingert über die Totenwache des Münchners beklagen dürfen. So aber suchte er einen Kommunikationskanal, um seine Entscheidungen zu erklären. Die richtige Frequenz fand er offenbar nicht.

Ein völlig überdrehter Ton für diese Partie

Der Ton für diese Partie war gesetzt. Er war hitzig, überdreht. Und auf der Münchner Bank sehr, sehr wütend. Dieses Spiel steigerte sich in einen Rausch der Absurditäten. Vor allem nach der Pause, in der nur noch zehn Spieler des FC Bayern mitmachen durften. Nicolas Jackson hatte kurz vor der Halbzeit Rot gesehen. Nach VAR-Intervention. Er hatte Martin Terrier brutal betroffen (41). Die Verschärfung der Strafe von Gelb auf Platzverweis war völlig unstrittig. Das sahen auch die Bayern später so. Aber zum zweiten Mal hatte der Videoschiedsrichter gegen sie entschieden.

Das emotionale Freidrehen, das nun folgte, war überhaupt nicht vorherzusehen. Die Münchner Nahezu-Meister kamen physisch angeschlagen von ihr Champions-League-Gala aus Bergamo zum Bayerkreuz. Dass sie zum zweiten Mal in fünf Tagen einen bitteren Selbstzerstörungstrip erlebten, setzte ihnen mächtig zu. Jamal Musiala fällt ohnehin vorerst aus, wie fit Rekordjäger Kane ist, weiß auch niemand so recht. Gegen Bayer reichte es für den eingewechselten Superstürmer nur für eine halbe Stunde. Nun fehlt in den nächsten Spielen auch Jackson. Und gegen Union Berlin auch Luis Diaz.

Panik hier, Hysterie da

Der war nach seinem Empörungs-Blitz-Blackout auf Wiedergutmachungs-Mission. Und traf nach 69 Minuten zum Ausgleich. Robert Andrich hatte einen katastrophalen Pass in die Füße von Michael Olise gespielt und der seinen kolumbianischen Kumpel gefunden. Das Tor war blitzsauber regulär. Und verführte Kompany doch zu einem Tobsuchtsanfall. Erst bedeutete er dem vierten Offiziellen irgendetwas Ungehöriges, dann forderte er via Bildschirm-Geste den VAR. Purer Zynismus. Aber es stand nun wirklich 1:1. Kein Tah-Arm, kein Kane-Arm, über den ebenfalls arg heftig gestritten worden war. In seiner mindestens zehnten Audienz bei Dingert hatte Kimmich sehr klar gemacht, dass die Suche nach der richtigen Frequenz für ein gemeinsames Verständnis weiterhin erfolglos laufe.

Das Eskalationspotenzial der Partie war indes längst nicht ausgeschöpft. Leverkusen hatte die mutigen Unterzahl-Bayern gnädig im Spiel gehalten. Malick Tillman und Patrick Schick hatten ihre Alleingänge vergeben (58./59). Einmal ging der Ball vorbei, einmal war Ulreich dran. Es bebte an allen Ecken und Enden. Leverkusens Trainer Kasper Hjulmand machte Kniebeugen der Verzweiflung im Akkord. Kompany konnte das alles nicht glauben und glaubte an den Punkt.

Die Bayer-Fans schauten sich hilfesuchend nach dem Fußball-Gott um. Aber sie sahen nur Diaz. Der erst traf und dann flog. Gleich zweifach. Erst im Leverkusener Strafraum und danach vom Platz. Dingert erkannte eine Schwalbe. Wie viele andere auch. Kompany konnte es wieder nicht fassen. Gelb-Rot für "Lucho", der doch einen Kontakt unten am Fuß mit Keeper Blaswich hatte. Der doch wieder aufgestanden war und nicht lamentiert hatte. "Warum er die Rote bekommt, weiß keiner im Stadion. Wahnsinn", meinte er. "Ich will nicht für einen Elfmeter plädieren, aber das ist im Leben keine Schwalbe", sagte Kimmich bei DAZN. "Wenn ich die Bilder sehe, dann ist ein Kontakt da. Den kann man nicht leugnen."

Dingert gesteht Fehlentscheidung ein

Dingert bezog nach dem Spiel zu der Szene Stellung. "Aus dem Spiel heraus habe ich wahrgenommen, dass der Spieler Diaz abhebt. Den anschließenden Treffer am Fuß habe ich nicht so wahrgenommen", sagte der 45-Jährige. "Wenn ich die Bilder sehe, sage ich: kein Elfmeter, das ist klar und Gelb-Rot sehr hart. Wenn ich jetzt die Bilder sehe, würde ich das so nicht mehr geben."

Spätestens jetzt waren alle Sicherungen in diesem Spiel durchgeknallt. Diaz wollte das Feld nicht verlassen. Der VAR griff nicht ein, weil er das bei Gelb-Rot erst in der kommenden Saison darf. Die Bayer-Fans lachten fast panisch vor Erleichterung, die Münchner lachten hysterisch vor Verzweiflung. Ehe sie diese Karte im Ergebnis-Poker ins Blatt der Bayer-Elf mischten. Leverkusen rannte fast 15 Minuten lang mit elf gegen neun Mann in Überzahl an. Tillman schießt, Ulreich pariert (90.). Jonas Hofmann trifft magisch, der VAR erkennt Abseits (90.+3). Ein paar Muskelfasern der Schulter des Leverkuseners hatten sich in die verbotene Zone vorgewagt. Hjulmand machte weiter fleißig Kniebeugen, Kompany ballte die Faust mit Gefühlen zwischen Wut und Freude. Der eingewechselte Ibrahim Maza hält aus 13 Metern drauf, Ulreich packt den Top-Reflex aus und hält das Remis fest.

Dann Abpfiff. Kompany fällt ausgelassen über seine Bank her. Fast so als hätten sie hier nun einen großen Titel gewonnen. "Ich bin unglaublich stolz auf die mentale Leistung der Jungs", befand er später in rhetorisch sauberen Bahnen, noch bevor die Zorneswolke von Tegernsee über Leverkusen hereinbrach. Es war alles ein bisschen zu viel für dieses Spiel, in dem es ja nur um drei Punkte ging. Wie schön, dass sich beide Teams am 21. April im Halbfinale des DFB-Pokals wiedersehen, wenn's tatsächlich um etwas Großes geht.

Quelle: ntv.de

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