Fußball

Ode an den FußballPure Poesie: FC Bayern und PSG brennen "Match des Wahnsinns" ab

29.04.2026, 05:05 Uhr
imageVon David Bedürftig
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Bayern ist noch im Rennen: Torjubel zum 5:4 durch Luis Díaz. (Foto: picture alliance / kolbert-press)

"Jahrhundertspiel": Nach 58 Minuten liegt der FC Bayern am Boden, PSG zerlegt die Münchner. Doch es folgt ein großes Comeback der Mentalitätsmonster - an einem Königsklassenabend, der an Absurdität und Genialität nicht zu überbieten ist.

Ein Spiel der Superlative. Eine Partie zum Dahinschmelzen und Augen reiben. Mitleid mit denen, die dieses Fußballfest zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain am Dienstagabend nicht verfolgen können. Wie kann man dieses "Jahrhundertspiel" ("The Sun") in Worte fassen?

Mehr als diese Übersicht braucht es nicht, um zu verstehen, dass in der französischen Hauptstadt etwas Historisches passiert ist.

0:1 17. Minute, Harry Kane (Elfmeter)

1:1 24. Minute, Khvicha Kvaratskhelia

2:1 33. Minute, Joao Neves

2:2 41. Minute, Michael Olise

3:2 45+5. Minute, Ousmane Dembélé

4:2 56. Minute, Kvicha Kvaratskhelia

5:2 58. Minute, Ousmane Dembélé

5:3 65. Minute, Dayot Upamecano

5:4 68. Minute, Luis Díaz

Liberté, égalité, absurdité. Neun Tore (!) schießen die Münchner und PSG gemeinsam im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals im Pariser Prinzenpark. 2:3 steht aus Sicht des FC Bayern zur Pause, 2:5 nach 58 Minuten.

"Man stand so ein bisschen auf dem Platz und dachte: Boah, was ist denn hier los? Weil drei Tore schlechter waren wir auf gar keinen Fall", sagt Joshua Kimmich dazu im Anschluss bei Prime Video. Aber am Ende flackert ein 4:5 auf der Anzeigetafel. Mehr Treffer fielen noch nie in einem Halbfinale in der Geschichte des Wettbewerbs.

Völlig durchgeknallter Königsklassenabend

Ein Gedicht für alle Fußballinteressierten und ein Witz zugleich. Ein Offensiv-Feuerwerk. Ein völlig durchgeknallter Königsklassenabend.

Die internationalen Zeitungen kommen gar nicht mehr heraus aus den spektakulären Schlagzeilen. "Quel match de fou!", welch ein Spiel des Wahnsinns, schreibt der französische "Figaro" und fügt hinzu: "Ein Fußballspektakel der Extraklasse". "Football Total", title das Fachmagazin "L'Équipe" und schreibt: "Der Schock kippt ins Irrationale." In Spanien sieht "Mundo Deportivo" ein "Fußball-Meisterwerk" und beim Blatt "Marca" ist man sich sicher: "Über dieses Spiel wird man noch jahrelang sprechen. Es ist schwer vorstellbar, dass aus diesem Duell nicht der Titelgewinn hervorgeht." Und selbst die sich traditionell eher konservativ-zurückhaltende BBC spricht von "einem der besten Spiele, die man je gesehen hat".

Luft holen. Durchatmen. Hoffentlich hat sich bei allen Beteiligten und Zuschauern der Puls wieder dem Normalbereich genähert.

Denn nach den ersten 15 Minuten des Abtastens blieb in der restlichen Spielzeit kaum noch eine Möglichkeit, die Lungen zu befüllen. Nach einem Super-Solo über das halbe Spielfeld von Díaz kommt der Ball über mehrere Münchner Stationen zurück zum vielleicht besten Mann auf dem Feld unter etlichen herausragenden Akteuren. Der Kolumbianer wird unsanft von William Pacho gefällt, Kane verwandelt den Strafstoß eiskalt flach ins rechte Eck.

"Kvaradona" und Olise mit Traumtoren

Damit ist der wilde Ritt eröffnet. Olise muss zwei Minuten später nach einem Ballgewinn von Jamal Musiala eigentlich auf 2:0 stellen, aber stattdessen macht es Kvaratskhelia kurz darauf besser: Im Eins gegen Eins schläft Josip Stanisic kurz, dann geht "Kvaradona" unnachahmlich ins Dribbling, nutzt Stanisic als Sichtblocker und zirkelt den Ball scharf und punktgenau vom linken Strafraumeck neben den rechten Pfosten. Manuel Neuer fliegt vergeblich. "Was für ein Tor! Der Park ist in Flammen!", schreibt "Le Figaro".

Super-Dribbling jagt Super-Dribbling: Erst ist es Olise, der an der Grundlinie tanzt und dann Désiré Doué, der sich durch die Bayern-Reihen wirbelt, bis sein Schuss zur Ecke abgefälscht wird. Bei dieser lässt Musiala den nur 174 Zentimeter großen Joao Neves ziehen und zur 2:1-Führung der Pariser einköpfen. In wilden 15 Minuten nach Olises Mega-Chance auf das 2:0 stellt PSG das Spiel auf den Kopf.

Doch es geht atemlos weiter. Olise darf in den Strafraum schlendern, drei Pariser begleiten lediglich - und dann holt der Bayern-Star den linken Hammer raus: Sein Strahl aus zentraler Position schlägt unhaltbar unter der Latte ein und reißt fast das Netz heraus. Ein Schuss, ein Knall, ein Traumtor.

Der Wahnsinn findet kein Ende. Kurz vor der Pause will der überraschend in die Startelf gerückte Alphonso Davies eine Flanke von Dembélé abwehren, aber seine linke Hand zuckt nach vorn, während er sich vom Ball wegdreht. Es gibt Handelfmeter, Kimmich schimpft lautstark auf dem Spielfeld, aber Schiedsrichter-Experte Lutz Wagner spricht bei Prime Video von einer "korrekten Entscheidung". Dembélé zielt nach rechts, dort springt auch Neuer hin, der mit den Fingerspitzen noch dran ist. Nur halten kann er ihn nicht. 3:2. Pausentee.

FC Bayern mental angeschlagen

Der englische "Guardian" schreibt zu diesem Zeitpunkt im Live-Ticker: "Wir werden Ihre Intelligenz nicht beleidigen, indem wir Sie auffordern, sich zu entspannen. Wow!"

Nur zehn Minuten sind in der 2. Hälfte gespielt, da rappelt es wieder im Karton. Leider im Münchner für alle, die es mit den Bayern halten. Der eingewechselte Konrad Laimer macht den Laufweg mit Achraf Hakimi nicht mit, die Hereingabe des ehemaligen Dortmunders fliegt in der Mitte des Strafraums an Freund und Feind vorbei, doch aus dem Hintergrund rauscht einmal mehr Kvaratskhelia heran und haut das Spielgerät in die Maschen.

Der FC Bayern wirkt mental angeschlagen - und wird prompt ein weiters Mal bestraft. Doué dribbelt sich durch in Richtung Strafraum und gibt ab an Dembélé. Die Nummer 10 der Pariser schlägt einen Haken und zieht eiskalt durch die Beine von Dayot Upamecano ab, der Ball klatscht lautstark an den linken Innenpfosten und springt von da ins Tor. Neuer bleibt regungslos stehen und kann nur hinterherschauen

Schema: Paris Saint-Germain - FC Bayern 5:4 (3:2)

Tore: 0:1 Kane (17., Foulelfmeter), 1:1 Kwarazchelia (24.), 2:1 Neves (33.), 2:2 Olise (41.), 3:2 Dembelé (45.+5, Handelfmeter nach Videobeweis), 4:2 Kwarazchelia (56.), 5:2 Dembelé (58.), 5:3 Upamecano (65.), 5:4 Diaz (68.)

Paris: Safonow - Hakimi, Marquinhos, Pacho, Nuno Mendes (84. Hernandez) - Zaire-Emery (64. Ruiz), Vitinha, Joao Neves - Doué (70. Barcola), Dembelé, Kwarazchelia (84. Mayulu). Trainer: Enrique

München: Neuer - Stanisic, Upamecano, Tah, Davies (46. Laimer) - Kimmich, Pavlovic (90.+3 Jackson) - Olise, Musiala (79. Goretzka), Díaz - Kane. - Trainer: Danks

Schiedsrichter: Sandro Schärer (Schweiz)

Gelbe Karten: Marquinhos, Ruiz, Hakimi

Zuschauer: 48.583 (ausverkauft)

Díaz so zärtlich wie künstlerisch

"Das ist doch nicht zu glauben", flippt "Le Figaro" in diesem Moment komplett aus. "PSG ist in Höchstform!" Doch die Bayern bleiben dran, wie so oft in dieser Saison. Die Mentalitätsmonster schaffen ein Comeback, das ihre komplette Saison rettet. Denn auch wenn die Meisterschaft bereits eingetütet ist, der Henkelpott soll endlich wieder nach München geholt werden. Das ist der Anspruch.

Erst nickt Upamecano nach einem feinen Kimmich-Freistoß ein, dann sorgt Díaz für das nächste Wahnsinnstor: Kane spielt einen genialen langen Ball aus dem Mittelfeld, Diaz nimmt diesen mit der Außenseite (!) seines rechten Fußes im Strafraum so zärtlich wie perfekt an. Pure Poesie.

Ein Wackler, noch ein Wackler, dann trifft der Kolumbianer per unhaltbarem Zirkel-Schuss zum Endstand. Ein kolumbianisches Kunstwerk, wie es Fernando Botero nicht schöner hätte schaffen können.

Zwei offensive Naturgewalten erschaffen eine selten gesehene Ode an den Fußball. Verteidigen ist an diesem Abend egal. "Es steht nur 1:0", sagt zwar Jonathan Tah nach der Partie bei Amazon Prime mit Blick auf die Ausgangslage. Aber der FC Bayern hat ein Problem: Zuletzt setzte es drei Gegentore gegen Real Madrid, zwei gegen Stuttgart, drei gegen Mainz und nun drei in der ersten Hälfte gegen PSG und fünf am Ende. Hält die kollektive Defensive im Rückspiel nicht besser stand, dürfte das Finale futsch sein.

Quelle: ntv.de

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