Collinas Erben

"Collinas Erben" und drei Stufen Es geht nicht nur um Dietmar Hopp

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In Sinsheim, Dortmund, Köln und Berlin gehen die Schiedsrichter nach einem Dreistufenplan vor, weil Mäzen Dietmar Hopp verunglimpft wird. Zwei Spiele der Fußball-Bundesliga stehen vorm Abbruch. Weniger Beachtung finden derweil zwei Unparteiische, die gegen Rassismus aktiv werden.

An diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga hat die breite Öffentlichkeit eine Anweisung an die Schiedsrichter kennengelernt, die bis dato überwiegend Eingeweihten bekannt war, obwohl es sie schon länger gibt. Gemeint ist der Dreistufenplan bei rassistischen und anderweitig diskriminierenden Vorfällen im Stadion, den die Uefa bereits im Jahr 2009 verabschiedet hat und der seit 2017 auch in Fifa-Wettbewerben zur Anwendung kommt. Der DFB hat ihn ebenfalls übernommen. Dieser Plan basiert auf der Regel fünf, in der die Rechte und Pflichten des Schiedsrichters festgelegt sind. Dazu gehört es, das Spiel zu unterbrechen, vorübergehend auszusetzen oder abzubrechen, wenn die Umstände es aus Sicht des Unparteiischen erfordern.

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Dietmar Hopp ist nur ein Opfer von Schmähungen. Die Schiedsrichter müssen auch bei Rassismus und Sexismus aktiv werden.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Als erste Stufe soll der Referee, wenn er oder einer seiner Assistenten diskriminierende Äußerungen - etwa in Form von Rufen oder auf Spruchbändern - wahrnimmt, die Partie kurz unterbrechen und eine Lautsprecherdurchsage veranlassen. Darin soll auf das Ende der Diskriminierung gedrängt werden. Wiederholt sich der Vorfall in gleicher oder ähnlicher Form, folgt die zweite Stufe: Der Schiedsrichter verlässt mit beiden Mannschaften das Feld und geht mit ihnen für einige Minuten in die Kabine, zudem gibt es eine weitere Durchsage. In dieser wird die dritte Stufe angekündigt, nämlich der Spielabbruch, zu dem es schließlich kommt, wenn die diskriminierenden Äußerungen danach immer noch nicht aufhören.

In gleich vier Spielen am Wochenende sind die Unparteiischen nach dem Dreistufenplan vorgegangen: In den Begegnungen Borussia Dortmund - SC Freiburg (1:0) und 1. FC Köln - FC Schalke 04 (3:0) kam es zu Stufe 1, bei den Partien TSG 1899 Hoffenheim - FC Bayern München (0:6) und 1. FC Union Berlin - VfL Wolfsburg (2:2) sogar zu Stufe 2. Anlass waren durchweg Transparente, Banner oder Sprechchöre, die gegen den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp gerichtet waren. Bereits vor Wochenfrist war das Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG 1899 Hoffenheim aus dem gleichen Grund unterbrochen worden.

Eine schwierige Aufgabe für die Schiedsrichter

Zumindest das Einschreiten in Berlin-Köpenick wirkte übertrieben: Dort führte ein Spruchband mit der Aufschrift "2017 Kollektivstrafen abgeschafft, nun Hopp hofiert und zwei Schritte zurückgemacht! Fick dich DFB!" auf Geheiß von Schiedsrichter Bastian Dankert zu einer Durchsage und einer kurzen Spielunterbrechung. Dabei hatte diese Aussage, anders als die "Hurensohn"-Banner und -Stakkatos, mit Diskriminierung nichts zu tun. Die Unparteiischen sind um ihre Rolle und ihre Aufgabe in solchen Situationen allerdings nicht zu beneiden: Neben ihrer Spielleitung sollen sie und ihre Assistenten auch noch den Inhalt von Transparenten, Rufen und Gesängen wahrnehmen, bewerten und gegebenenfalls dagegen vorgehen. Eine schwierige Anforderung, auch weil sich die Grenzen längst nicht immer problemlos ziehen lassen. Schon gar nicht mit einem Puls von 160. Und die Proteste gegen Hopp werden sich vermutlich fortsetzen.

Was aber wäre geschehen, wenn in Sinsheim oder Berlin die dritte Stufe erreicht und das Spiel abgebrochen worden wäre? Die Antwort findet sich in der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB. Dort heißt es in Paragraf 18, Absatz 4: "Trifft eine Mannschaft oder ihren Verein oder beide Vereine ein Verschulden an dem Spielabbruch, ist das Spiel dem oder den Schuldigen mit 0:2-Toren für verloren, dem Unschuldigen mit 2:0-Toren für gewonnen zu werten." Aus dem 6:0-Sieg für die Bayern wäre also eine 0:2-Niederlage geworden. Sollten beide Klubs oder deren Anhänger ein vorzeitiges Spielende verursachen, kann das Spiel für beide als verloren gewertet werden. Verlässt ein Team den Platz und weigert es sich, weiterzuspielen, lautet die Wertung ebenfalls 0:2, es sei denn, der Gegner liegt zu diesem Zeitpunkt höher in Führung.

Wie Unparteiische gegen Rassismus vorgehen

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Katrin Rafalski machte alles richtig.

(Foto: imago images/foto2press)

In vielen Kommentaren zu den Spielunterbrechungen wurde die Forderung laut, den Dreistufenplan nicht nur bei herabwürdigenden Äußerungen gegen einen privilegierten und einflussreichen Mäzen anzuwenden, sondern auch und vor allem bei rassistischen, antisemitischen und sexistischen Vorfällen. Tatsächlich hat das eine deutlich höhere Dringlichkeit. Als Vorbild unter den Referees kann dabei Katrin Rafalski dienen, die diesbezüglich vor zwei Wochen als Schiedsrichterin des Drittligaspiels zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers Maßstäbe gesetzt hat: Als der Würzburger Leroy Kwadwo kurz vor dem Abpfiff von einem Zuschauer mit Affenlauten rassistisch beleidigt wurde, veranlasste Rafalski umgehend eine Stadiondurchsage.

Gleichzeitig zeigte sie auf dem Feld sichtbar ihre Empathie gegenüber Kwadwo und versuchte, den Spieler zu beruhigen. So trug sie ihren Teil zur notwendigen Solidarität mit ihm bei. Teile des Publikums riefen derweil "Nazis raus" und machten die Ordner per Fingerzeig auf den Täter aufmerksam, der schließlich von der Polizei festgenommen wurde. "Das ist genau die richtige Reaktion gewesen", sagte Rafalski später gegenüber der Hessenschau. Es sei "total schockierend, wenn jemand so diskriminiert wird". Und wenn sich eine Mannschaft durch einen solchen Vorfall "nicht mehr in der Lage fühlt, weiterzumachen, oder wenn es mehrere Spieler betrifft, die sagen: Wir können aufgrund dieses Vorfalls, weil es uns so sehr trifft, nicht mehr weiterspielen, dann müsste das auch jeder verstehen", ergänzte sie. Das sind bemerkenswerte Worte.

Bei einem Bezirksligaspiel am vergangenen Wochenende im Sauerland zeigte der Schiedsrichter ebenfalls Rückgrat und Courage: Als es in der Partie zwischen dem VfB Marsberg und dem TuS Neuenrade zu Affenlauten und anderen rassistischen Äußerungen von Zuschauern gegenüber Spielern der Gäste kam, wies Referee Yannick Iwersen, wie lokale Medien berichten, erst den Ordnungsdienst an, Maßnahmen zu ergreifen, und verließ, als das nicht dauerhaft fruchtete, mit beiden Mannschaften vorzeitig das Feld. In der Kabine einigten sich die Teams darauf, nicht weiterzuspielen, die Partie wurde deshalb beim Stand von 3:1 für die Gastgeber abgebrochen. Nun muss das Sportgericht entscheiden, wie das Spiel gewertet wird.

Quelle: ntv.de