"Niederträchtig!"

Als Kaiser Franz Bundestrainer Vogts öffentlich demütigte

Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Berti Vogts und Franz Beckenbauer konnten nicht immer miteinander lachen.
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27.06.2026 | 11:37 Uhr
Die WM 1994 in den USA stand für Bundestrainer Berti Vogts unter keinem guten Stern. Nachdem ihn Franz Beckenbauer öffentlich eine "Pfeife" genannt hatte, stellte ihn auch noch Stefan Raab bloß.

"Er wusste, was er tat. Wissentlich ist er ans Äußerste gegangen. Einen Bundestrainer kurz vor einer WM als Pfeife zu bezeichnen - mehr geht nicht." Der damalige ZDF-Kommentator Marcel Reif fällt im Rückblick auf die Geschehnisse rund um die WM 1994 in den USA ein vernichtendes Urteil über die Rolle des Weltmeistertrainers Franz Beckenbauer im öffentlichen Drama um Berti Vogts. Als Beckenbauer damals als Bayern-Verantwortlicher über einen möglichen Transfer von Nicola Berti gefragt wurde, antwortete der Kaiser erst mit einem lächelnd dahingeworfenen "Ein Berti genügt" - um dann einen, für den amtierenden Bundestrainer fatalen, Satz hinterherzuschieben: "Jetzt haben wir so einen schönen Tag heute und reden hier über irgendwelche Pfeifen."

Damals, vor der Weltmeisterschaft 1994, in die Deutschland als Titelverteidiger ging, hatte sich Berti Vogts noch immer nicht vom langen Schatten seines Vorgängers Franz Beckenbauer lösen können. Symptomatisch war ein Interview mit Vogts in der "Sport Bild" nur wenige Wochen vor der WM, das überschrieben war mit den Worten: "Was ich anders mache als Franz". Im Gespräch selbst äußerte sich Berti Vogts mit den folgenden Sätzen: "Ich bin ein anderer Typ als Franz, da ich von der Trainingslehre vielleicht ein wenig mehr Ahnung habe. Der Franz hat intuitiv gehandelt und stand als Chef gut da, wenn er mich bremste. Ich werde jetzt eine Art Doppelrolle spielen: Die von Franz und meine Rolle früher - natürlich unterstützt von Rainer Bonhof." Vogts' eigene Identität in der Öffentlichkeit definierte sich vier Jahre nach dem Amtswechsel also noch immer in Abgrenzung zum beliebten Kaiser Franz.

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Gegen Vogts verschworen?

Aktuell beleuchtet die ARD-Dokuserie "WM 1994 - Elf Helden, ein Albtraum" die tragische Rolle des Bundestrainers in der damaligen Zeit. Vogts, der in diesen Tagen der "Buhmann der Nation" (Mario Basler) war, wird in dem Film bewusst nicht als sportlicher Versager dargestellt, sondern als eine schicksalhafte Figur mit edlen Tugenden ("Zu einem Fußballspiel bei mir gehören elf Freunde"), die an ihrem niederträchtigen Umfeld aus egozentrischen Spielern, die nur von ihrem eigenen Profit getrieben waren, der bösen Boulevardpresse und einem fragwürdigen Franz Beckenbauer ("Mir ist es ein Rätsel, warum er sich daran erfreute, Berti kleinzumachen", ARD-Kommentator Reinhold Beckmann) scheiterte.

Tatsächlich verfestigt sich während der Dokuserie der Eindruck immer mehr, dass Vogts innerhalb einer bestimmten und festgefahrenen Rolle gefangen war, die ihm selbst keine andere Chance bot, als zu scheitern. Einfach deshalb, weil sich damals alle gegen ihn auf heimtückische Art und Weise verschworen zu haben schienen - oder wie es der Autor Dietrich Schulze-Marmeling klar und deutlich ausdrückt: "Ich fand es geradezu niederträchtig, was da gemacht wurde."

Wenige Wochen vor dem Start der WM hatte die Fußball-Legende Pelé in einem Interview mit dem "Kicker" auf die Frage, warum Vogts Probleme mit Teilen der Öffentlichkeit habe, geantwortet: "Weil er zu seriös ist. Er redet nicht zu viel in der Öffentlichkeit und präsentiert sich nicht überall. Das ist sein Problem." Tatsächlich war es ein Teil von Vogts eigenem Selbstverständnis, das ihm im Umgang mit der Presse stets etwas fehlte - gerade im Gegensatz zu dem mediengewandten Kaiser Franz Beckenbauer. So hat Vogts einmal gemeint: "Wenn der Franz in einen Raum kommt, ist es hell. Wenn ich komme, muss ich erst einmal den Lichtschalter suchen."

Viele Störfeuer - auch von außerhalb

Während Beckenbauer ohne Skrupel als TV-Experte in die USA reiste und in unmittelbarer Nähe zum DFB-Team Quartier bezog ("Da hätte Beckenbauer sagen müssen, das mache ich nicht. Das mache ich vielleicht in vier Jahren, aber jetzt nicht, nicht bei meinem direkten Nachfolger", Schulze-Marmeling), musste Vogts fast täglich Interna aus der Mannschaft in der Zeitung lesen. Letztendlich führte dies - neben der Nähe, die sein Kapitän zu Beckenbauer stets hielt - zum Bruch mit Lothar Matthäus.

Noch heute möchte Berti Vogts über diesen Vertrauensbruch, der ihn sehr schmerzte, nicht öffentlich sprechen. Er bat in der Doku darum, Lothar Matthäus zu fragen. Und tatsächlich antwortete dieser: "Ich glaube, dass ihm ins Ohr geflüstert worden ist, dass ich anscheinend einen guten Kontakt zur 'Bild'-Zeitung habe, und vielleicht hat er dann deswegen seinem Kapitän nicht mehr vertraut."

Die Lage wurde für Vogts immer unübersichtlicher. Die Störfeuer der Boulevardpresse und von Franz Beckenbauer, die internen Probleme und dann auch noch das Lied von Newcomer Stefan Raab, der in seinem Song "Böörti Böörti Vogts" völlig ohne Skrupel die Person des Bundestrainers ins Lächerliche ("Das trägt ganz sicher nicht dazu bei, dass man mehr Vertrauen zum Trainer bekommt", Lothar Matthäus) zog. Für Vogts muss der Druck und die Last fast unmenschlich gewesen sein zu dieser Zeit. In der Doku heißt es völlig zurecht: "Es war wie Sodom und Gomorrha in dieser Mannschaft und in diesem Hotel, viele Spieler taten, was sie wollten."

Vogts: "Das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht"

Doch genau daran hatte natürlich auch Berti Vogts seinen Anteil. Denn es wäre wohl zu leicht, die komplette Schuld von Vogts' Schultern zu nehmen. Es war am Ende der Bundestrainer auch selbst, der an der Mammut-Aufgabe bei dieser WM in den USA scheiterte, wie auch Andreas Möller in seinem Buch "15 Sekunden Wembley: Eine Karriere voller Titel" ausführlich schreibt: "Die Atmosphäre war längst nicht so kameradschaftlich wie 1990, dafür war der Konkurrenzkampf im Team wohl zu groß. Bundestrainer Berti Vogts schaffte es nicht, diesen komplizierten Kader mit Ruhe und Souveränität zu steuern, was ehrlich gesagt auch nicht einfach war. So viele Charakterköpfe unter einen Hut zu bringen, war eine Herkulesaufgabe. Hinzu kam, dass einige Spielerfrauen Nebenkriegsschauplätze eröffneten. Ständig wurde über belanglose organisatorische Dinge diskutiert.

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Es war schwierig, alles von der Mannschaft fernzuhalten. Mal war das Hotel zu weit von der Stadt entfernt, ein anderes Mal genügte der Standard des Hotels nicht den hohen Ansprüchen. Anstatt beim Mannschaftsessen über Stärken und Schwächen unserer Gegner zu sprechen, ging es um das Wohlbefinden der Spielerfrauen. Es wäre die Aufgabe von Berti Vogts gewesen, das zu verhindern, denn das ganze Theater lenkte vom Fußball und somit von der Mission WM-Titel ab."

Und auch Lothar Matthäus meint rückblickend: "Berti hat da keine gute Figur abgegeben. Ich glaube schon, dass wir 1994 nicht die Führung gehabt haben, die wir 1990 mit Franz Beckenbauer hatten." Vogts selbst möchte auch heute noch nicht weiter über diese Zeit lamentieren - doch er sagt mit ernster Miene, die offenbart, wie ihn diese WM noch immer seelisch schwer beschäftigt: "Das, was ich da durchgemacht habe, 1994, das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht."

Doch Vogts lernte aus den eigenen Fehlern, die er bei der Weltmeisterschaft gemacht hatte, und formte für die Europameisterschaft 1996 in England ein Team, das seiner Devise von den elf Freunden, die auf dem Platz gemeinsam füreinander einstehen, näherkam. Belohnt wurden er und die Mannschaft mit dem EM-Titel. Eine Auszeichnung, die versöhnte, aber die schlimmen Momente der WM 1994 nicht ungeschehen machen konnte.

Verwendete Quelle: ntv.de