0,7 Prozent Hoffnung für das DFB-Team. 0,7 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es im ersten K.o.-Spiel dieser Fußball-WM nicht gegen Paraguay geht, haben die Statistik-Freaks von "Football Meets Data" errechnet. Schottland und Schweden sind noch im Verteiler des Sechzehntelfinal-Pokers, realistisch ist ein europäisches Duell aber nicht für das DFB-Team. Ein gutes Blatt haben die Deutschen nicht auf der Hand, eigentlich stehen sie quasi blank da. Für die Nagelsmann-Elf sind das alles keine guten Nachrichten. Nicht nach Donnerstagabend deutscher Zeit.
Trotz umstrittener Blitz-Führung durch Leroy Sané zerbrach die Nationalmannschaft vor den Augen der Welt. Sie wurden von einem zunächst verzweifelten und dann leidenschaftlichen Gegner mit jeder Minute aufgefressen. Ecuador raubte der dem deutschen Team mit jedem Zweikampf mehr und mehr den Verstand. Nach dem Schlusspfiff stand nicht nur eine 1:2-Niederlage, sondern reichlich Nervosität.
Nun also (höchstwahrscheinlich) Paraguay. Wieder ein Gegner aus Südamerika. Wieder Leidenschaft pur. Individuell nicht so stark wie Ecuador, nicht so stark wie die Elfenbeinküste am zweiten Gruppenspieltag. Mit einem Marktwert von gut 150 Millionen rund sechsmal leichter als Deutschland. Aber ein Gegner, der vor allem gnadenlos verteidigt und überfallartig nach vorne stürmt. Und genau mit diesen simplen Mitteln hat das DFB-Team bei dieser WM sehr zu kämpfen. Die körperliche Robustheit greift die Achillesferse der Nationalmannschaft an. "Greif sie an, dann tun sie dir nicht mehr weh", analysierte ntv.de-Experte Arie van Lent nach dem Spiel gegen Ecuador nicht zum ersten Mal in diesem Turnier.
Kaum ein Spieler findet sich bislang im Turnier, der sich als Anführer der Wehrhaften anbietet. Manchmal ist es Joshua Kimmich, der auf der rechten Seite aber zu wenig Zugriff auf die Mannschaft hat und ohnehin mit pfeilschnellen Flügelstürmern reichlich ausgelastet ist. Manchmal ist es Felix Nmecha, der aber viel zu viele Rollen für indisponierte Kollegen einnehmen muss. Und manchmal ist es Deniz Undav, der ist nicht Anführer, aber Erzwinger.
Der Kampf gegen die nächste Blamage
Reicht das, um die Nummer 37 der Welt aus dem Weg zu schaffen? So wie bei der WM 2002, als Oliver Neuville in der 88. Minute nach einem wahnsinnig zähen Spiel traf? Er drosch den Ball mit voller Wucht an der Torwart-Legende José Luis Chilavert, der auch Paraguays Freistoßschütze war, vorbei. Für die Neuville-Rolle bietet sich Undav an, wie schon gegen die Ivorer, als er den Sieg nach einem lange Zeit auch schwachen Spiel doch noch über die Ziellinie brachte. Noch aber ist er nur der Joker, der die Dinge umbiegen soll. Ob Nagelsmann daran etwas ändern wird? Unklar, eher unwahrscheinlich.
Die Themen Aufstellung und System sind ohne eher nachrangig, wenn das deutsche Team erneut so fahrig und Duell-scheu auftritt. Wenn es vom Willen und der Wucht des Gegners erschlagen wird. Und der Druck auf das DFB-Team, das bei dieser WM von Spiel zu Spiel schwächer geworden ist, ist gigantisch. Nach 2018 und 2022 wäre eine Niederlage die nächste WM-Blamage und die endgültige Abmeldung aus dem Kreis der natürlichen Favoriten. Deutschland hat vier seiner vergangenen neun WM-Spiele verloren. Eine weitere Niederlage wäre ein Desaster. Deutschland muss eine dauerhafte Blitz-Resilienz finden, wie in den letzten 30 Minuten gegen die Ivorer. Denn gegen Paraguay wird es vor allem eins werden: ein knackiges Zweikampfspiel.
Nagelsmann reagiert äußert empfindlich
Kann Deutschland das? Die Mentalitätsfrage mag der Bundestrainer gar nicht hören. Auf die Frage, ob Ecuador es vielleicht einfach mehr wollte, antwortete er bei MagentaTV harsch: "Bitte hört auf mit dem Quatsch, ehrlich. Warum wollten die Jungs nicht Vollgas geben?" Er sah sich sogar gezwungen, es noch einmal klarzustellen: "Nee, die wollten es nicht mehr." Kurios: Deniz Undav widersprach ihm und Nagelsmanns Kapitän auch. "Die Analyse ist, dass wir auf jeden Fall verdient verloren haben", sagte Joshua Kimmich. Nach der Halbzeit hätten er und seine Kollegen nicht mehr auf Sieg gespielt. "Wir haben dann gemerkt, dass der Gegner das Spiel gewinnen musste, das Spiel gewinnen wollte", sagte Kimmich. "Und das am heutigen Tag definitiv mehr als wir."
Eine solche Mentalität hat der argentinische Trainer Gustavo Alfaro Paraguay wieder eingetrichtert. 16 Jahre lang war Paraguay nicht bei der WM dabei, nun kämpft es sich durch das größte Turnier der Welt. Gegen die Amerikaner legte das Team beim 1:4 eine Bruchlandung zum Start hin, dann aber folgte ein beeindruckender Sieg gegen die fassungslose Türkei. Trotz der historischen Roten Karte gegen Miguel Almirón wegen der Hand-vor-den-Mund-Geste. Angeführt von Gustavo Gomez, der seit Jahren als einer der besten Verteidiger Südamerikas gilt, warfen sie sich bis zur maximalen Erschöpfung und darüber hinaus in jedes Duell. Sie litten und ließen ihren Gegner leiden. Und was aufs Tor kam, das hielt Keeper Orlando Gill.
Defensive, das können die Paraguayer: In der anspruchsvollen Südamerika-Qualifikation kassierte die Mannschaft in 18 Spielen nur 10 Gegentore. Einzig Ecuador ließ noch etwas weniger zu. Dass es Paraguay erstmals seit Südafrika 2010 zur WM geschafft hat, ist vor allem das Werk von Trainer Alfaro. Denn zu Beginn der kräftezehrenden "Eliminatorias" lief es für die Albirroja katastrophal. Nach sechs Spielen standen gerade mal fünf Punkte und ein erzieltes Tor auf dem Konto. Dann kam Alfaro. Der Argentinier hatte zuvor Costa Rica trainiert und Ecuador 2022 zur WM in Katar geführt. "Die WM-Quali war ganz weit weg, als er übernommen hat. Die Spieler waren größtenteils dieselben. Das heißt, er hat das bestehende Team deutlich besser gemacht", erläuterte Johannes Skiba, Experte für Fußball in Südamerika, im Podcast "ntv Sport".
Als Trainer von Paraguay holte Alfaro in seinem ersten Spiel ein 0:0 in Uruguay, im ersten Heimspiel wurde Brasilien mit 1:0 besiegt. Der Traumeinstand war der Beginn einer famosen Serie. Unter Alfaros Führung blieb Paraguay neun Spiele in Folge unbesiegt und verlor von den zwölf Quali-Spielen in Alfaros Amtszeit nur ein einziges, in Brasilien. Sieben Mal hielt Keeper Gill die Null. Und das, obwohl es sich bei dem Team um eine Ansammlung in Europa größtenteils Namenloser handelt. Der Kader Paraguays bringt es auf einen Marktwert, der dem vom 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach ähnelt. Der wertvollste Spieler im Kader, Julio Enciso, hat den Marktwert von David Raum (circa 25 Millionen Euro).
"Ureigene Identität" kehrt zurück
"Alfaro hat die Mannschaft motiviert, wie dies lange nicht der Fall war, und das Ergebnis ist offensichtlich", lobte Torwart-Ikone Chilavert vor Turnierbeginn im Gespräch mit dem "Kicker". Er schwärmte davon, wie sich das Mindset im Team verändert habe. "Die Einstellung wie einst, die frühere Aggressivität, die uns damals ausgezeichnet hat, ist zurück. Ich bin darüber sehr froh, denn Paraguay hatte lange Zeit diese uns ureigene Identität verloren."
Aber das Team wird nicht nur von "Kriegern" und Abwehr-Monstern getragen, sondern hat auch im Spiel nach vorne durchaus Möglichkeiten. Gerade Julio Enciso ist ein sehr schneller, wendiger und explosiver Spieler. Seine Beschleunigung und sein Dribbling auf engem Raum zählen zu seinen größten Stärken. Er kommt entweder über das Zentrum oder die linke Seite. Wäre also Gegenspieler von Kimmich, der gegen Tempodribbler bislang sehr an seine Grenzen kommt. In der Offensive fehlt Diego Gomez nach seiner zweiten Gelben Karte, dafür kehrt Almirón nach seiner Sperre zurück. Andere Waffen für das schnelle Umschaltspiel nach vorne: Der in Brasilien geborene und erst dieses Jahr eingebürgerte Mauricio von Palmeiras in Sao Paolo, der büffelige Isidro Pitta oder der in Barcelonas Talentschmiede "La Masia" ausgebildete Antonio Sanabria.
Noch aber bleiben 0,7 Prozent Hoffnung für das DFB-Team. 0,7 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Gegner doch nicht Paraguay heißt.



