"Nichts stimuliert mehr als Pfiffe", hat Paul Breitner einmal gesagt - und man muss da aktuell unweigerlich an Fabian Reese denken, der nach den lautstarken Unmutsbekundungen der KSC-Fans am vergangenen Wochenende meinte: "Wenn man von 30.000 Menschen ausgepfiffen wird, was das mit einem macht. Mir tut es weh, mich verletzt es. Ich nehme das auch mit nach Hause. Es ist wahrscheinlich der Zahn der Zeit, hopp oder top, schwarz oder weiß. Dieser Groll aber tut mir weh."
Paul Breitner wird sicherlich Verständnis für die Gefühle des Wolfsburgers haben - seine Welt war das damals auf dem Platz allerdings nicht. Er wusste, dass er polarisierte, denn er setzte diese Streitbarkeit bewusst ein, wie er einmal erzählte: "Für mich war es nebensächlich, im Spiel anderthalb Stunden zu rennen. Die Hauptsache war, Schlagzeilen zu liefern, mich im Gespräch zu halten als einer von vier oder fünf Topleuten in Deutschland". Und das gelang ihm gut.
"Die Zeit" schrieb einmal über den Weltmeister von 1974, der mit seinem Elfmeter zum 1:1-Ausgleich im Finale gegen die Niederlande maßgeblich am Titelgewinn beteiligt war: "Breitner war ein durchschnittlicher Verteidiger, ein durchschnittlicher Mittelfeldspieler, ein durchschnittlicher Stürmer, ein durchschnittlicher Athlet. Einzig und allein war er auf einem Gebiet überdurchschnittlich: auf dem Gebiet der Selbstdarstellung." Und das funktionierte so gut, dass die FC-Fans dereinst bei einem Spiel seiner Bayern in Köln voller Inbrunst riefen: "Breitner in den Kölner Zoo, Paule in die Muppet-Show." Auch an diesem Tag war sein Plan wieder aufgegangen: Niemals im Mittelmaß untergehen, sondern aus der Masse hervorstechen.
"Du pfeifst wie ein Arsch"
Da war es kein Wunder, dass Paul Breitner nach seiner Karriere als Spieler sein Talent des Marktschreiers nutzte, um bei einer großen deutschen Boulevardzeitung regelmäßig auf die Pauke zu hauen. Und das alles, obwohl er selbst einmal diesen wunderbaren Satz gesagt hatte: "Schreiben ist eigentlich einfach, die Schwierigkeit besteht lediglich im Formulieren". Und genau diese Problematik führte wohl dazu, dass Breitner gerne den Rundumschlag auspackte. Sehr zum Leidwesen der aktiven Kicker-Generation. Als er es im Rahmen der EM 1988 wieder einmal ziemlich deftig trieb, meinte Rudi Völler stellvertretend für die anderen Spieler: "In der Mannschaft wissen natürlich alle, dass der Paul Breitner ein Arschloch ist, nur sagt es keiner offiziell."
Der auch nicht unbedingt wegen seiner ausschweifenden Diplomatie bekannte Nationaltorhüter Toni Schumacher hatte schon ein, zwei Jahre vorher versucht, den Ex-Bayern-Profi zur Vernunft zu bringen: "Ich habe ja Verständnis für das Bedürfnis, sich mitzuteilen, aber Paul sollte lieber in die Davidoff-No.1-Kiste greifen, die ich ihm geschenkt habe. Eine Zigarre im Mund steht ihm besser als ein Füller in der Hand." Ein großer Fan von Breitner war hingegen der Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder. Sichtlich gerührt meinte er einmal: "Der Mann schreibt die Wahrheit. Das könnte mein Bruder oder mein Sohn sein. Ich würde das genauso schreiben. Ich habe auch Kolumnen geschrieben. Ich bin ein sehr wahrheitsliebender Mensch. Er ist ein hochintelligenter Mann, der ist nicht doof, wie sie das immer darstellen in den Medien".
Zum Autor
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Die bewegenden Worte der Schiedsrichter-Legende über Breitner sind vor allem auch deshalb etwas ganz Besonderes, weil die beiden auf dem Platz damals durchaus ein spezielles Verhältnis pflegten. So konterte Wolf-Dieter Ahlenfelder einmal die mehrmalige, derbe Titulierung seitens Breitner als "Affe" irgendwann ganz gelassen mit dem Hinweis an den Nationalspieler: "Schau mal in den Spiegel, Breitner, dann weißt du Bescheid." Tatsächlich trug der Bayern-Star in diesen Tagen eine sehr üppige Mähne mit Vollbart. Als bei einer anderen Begegnung Breitner den Schiri "Ahli" mit den Worten "Du pfeifst wie ein Arsch" beleidigte, lächelte der Mann aus dem Ruhrgebiet nur und meinte: "Und du spielst wie ein Arsch!" Zwei echte Menschen auf dem Platz, wie sich das gehört.
Von Künstlern geliebt
In einem "Sport Bild"-Artikel aus dem Jahr 1988 berichtete das Magazin über das berufliche Treiben der Europameister von 1972 nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn: "Linksverteidiger Paul Breitner (36) ist Kolumnist der BILD, handelt mit Champagner, ist in der Immobilien- und Anlagenbranche, studiert in München". Breitner selbst tat sich mit seiner eigenen Berufsbezeichnung schwerer. Auf die Frage, wie er im Hotel einchecke, sagte er einmal: "Ich schreib' 'Kaufmann' rein. Da fragt dann keiner mehr, was ich mache."
Dass er schon immer für die Außenwelt schwer zu fassen war, machte damals auch dem konservativen Klubpräsidenten des FC Bayern München, Wilhelm Neudecker, das Leben schwer. Er bot den linken und streitbaren Verteidiger damals aus einem sehr speziellen Grund zum Verkauf an. "Sonst habe ich in Kürze Verhältnisse, wie sie an den Hochschulen herrschen", schimpfte der Vereinsvorsitzende. Der denkende Spieler Breitner machte Neudecker damals einfach Angst. Denn der Bayern-Profi sah schon früh und gerne über den eigenen Tellerrand hinaus: "Wer sagt denn, dass nicht einer von uns Spielern sich in dreißig Jahren als Philosoph einen Namen macht, oder als Maler oder was weiß ich."
Diese Denkweise zog Deutschlands Künstler damals fast magisch an. Sie liebten Breitner mehrheitlich regelrecht. So durfte er sogar in Filmen wie "Kunyonga - Mord in Afrika" Nebenrollen bekleiden und wurde von Musikern mit ihren Platten beschenkt. Wie im Jahr 1972, als die Band "Ton Steine Scherben" ihm ihr neues Album "Keine Macht für Niemand" zuschickte. Bis auf Frontmann Rio Reiser liebten die Musiker den Fußball. Ob aktiv auf dem Platz oder vor dem Fernseher. Und so sendeten sie ihre Platte voller Stolz und mit großen Sympathien an den Europameister.
Lange hörten sie nichts von Breitner, bis es eines Morgens an der Türe klopfte. Dort stand in einem roten Bayern-Trainingsanzug Paul Breitner höchstpersönlich: "Ja, Servus. Ihr habt mir hier diese Platte geschickt, gell? Und jetzt wollte ich mal wissen, was ihr für Leute seid." - "Ja, Paul, komm doch rein." Und so setzte man sich gemeinsam auf den Fußboden, Breitner zündete sich einen Zigarillo an, man trank Tee und redete über die unterschiedlichen Berufe - als sei es das Normalste von der Welt.
"Der Sport wird etwas ärmer"
Auch mit dem Hamburger Musiker und Schauspieler Volker Lechtenbrink verstand sich der Bayern-Profi gut. 1983 brachte Lechtenbrink zum Abschied von Paul Breitner einen Song mit dem Titel "Der Paul tritt ab" auf den Markt. Eine der zahlreichen legendären Liedzeilen lautete: "Der Paul tritt ab, und eins ist klar, ist man auch kein Schwärmer, da geht ein Stück Zivilcourage, der Sport wird etwas ärmer."
Der Sport wurde auch deshalb etwas "ärmer", weil Breitner in all den Jahren eine Menge Titel hatte sammeln können. Neben dem Gewinn der Europameisterschaft 1972 und der WM 1974 holte er zudem fünf deutsche Meistertitel und den Europapokal der Landesmeister mit dem FC Bayern München. Und auch als Spieler der Königlichen von Real Madrid gewann er zwei spanische Meisterschaften und einmal den Pokal. Denn neben all seinen aufsehenerregenden Aktivitäten abseits des grünen Rasens verdiente sich Breitner seine Hauptaufmerksamkeit natürlich vor allem wegen seiner sportlichen Qualitäten.
Dass man beides allerdings auch gut miteinander kombinieren kann, zeigte der Mann aus Kolbermoor dann aber noch einmal bei seinem fußballerischen Schlussakkord. Nachdem er am 33. Spieltag der Saison 1982/1983 bei der 0:1-Niederlage gegen den FC Schalke 04 in der 72. Minute zum letzten Mal in einer Bundesliga-Partie eingewechselt worden war, setzte Breitner schließlich den Schlusspunkt seiner Karriere nach der Saison bei einem Freundschaftsspiel in Asien.
Ohne sich abzumelden, ging er dort in der 70. Minute vom Platz, wurde vom Linienrichter zurückgehalten und nach einer Beleidigung vom Schiedsrichter gefragt: "Wollen Sie die Rote Karte?" Breitner antwortete lächelnd: "Jawoll, ich will sie!" Danach sagte er noch: "So ist es richtig, die Rote Karte war ein Symbol. Jetzt ist endgültig Schluss."
Ein typischer Breitner zum Abgang. Heute feiert der Welt- und Europameister seinen 75. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, lieber Paul Breitner.




