Wirtschaft

Ladesäulen für Elektro-Autos "Ausbaugeschwindigkeit müsste verfünffacht werden"

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Gemessen an den Zielen der Bundesregierung ist der Ausbau der Ladestationen zurzeit eine große Baustelle.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Deutschen sollen auf abgasfreie Autos umsteigen, die Elektromobilität kommt bisher aber nur langsam voran. Noch immer gibt es viel zu wenige öffentliche Ladesäulen. Wie weit liegen politischer Wunsch und Wirklichkeit auseinander?

Die Europäische Union verabschiedet sich vom Verbrennungsmotor: Ab 2035 dürfen die Fahrzeughersteller in den EU-Mitgliedsstaaten keine Autos mehr mit klima- und umweltschädlichen Diesel- und Benzin-Motoren verkaufen. Unklar bleibt, welche alternativen Antriebsarten neben den klassischen Verbrennern erlaubt bleiben. Sicher jedoch ist, dass elektrisch angetriebene E-PKW im vollen Umfang die neuen europäischen Vorgaben erfüllen.

In Deutschland nimmt der Absatz von E-Autos langsam Fahrt auf: Der Marktanteil der reinen Stromer hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf niedrigem Niveau vervielfacht. Zu den E-Autos zählen laut Elektromobilitätsgesetz (EmoG) nicht nur die ausschließlich elektrisch betrieben PKW, sondern auch die sogenannten Plug-in-Hybride, die sowohl mit Sprit als auch mit Strom fahren. Im zurückliegenden Jahr erreichte der gemeinsame Anteil der Autos mit Ladekabel am deutschen PKW-Bestand erstmals mehr als zwei Prozent.

Die überwiegende Masse der Personenkraftwagen auf deutschen Straßen verbrennt also noch immer Benzin oder Diesel. Damit mehr Menschen aufs E-Auto umsteigen, kündigte Bundesverkehrsminister Volker Wissing ein ehrgeiziges Programm zum Ausbau der deutschen Ladeinfrastruktur an.

Bis zum Jahr 2030 sollen in Deutschland insgesamt eine Million öffentlich verfügbarer Ladepunkte zur Verfügung stehen. Das Laden, heißt es, soll dann so einfach wie Tanken sein. Aktuelle Zahlen zeigen aber, dass der Ausbau der Ladesäulen der Zielvorgabe bisher noch sehr weit hinterherhinkt.

Wunsch und Realität liegen weit auseinander

Mehr als zehntausend neue Ladepunkte jährlich gingen in Deutschland zuletzt in Betrieb. Ende des Jahres 2021 waren 57.912 Auflademöglichkeiten installiert. Bis September dieses Jahres zählte die Bundesnetzagentur bundesweit bereits 68.275 einsatzbereite Ladepunkte. Um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, müsste der Ausbau aber viel schneller gehen. Bis 2030 bleiben nur noch sieben Jahre.

 

"Der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge ist eine der drängendsten Infrastrukturaufgaben für Deutschland. Dennoch ist beim Ausbau deutlich zu wenig passiert", kritisiert der Verband der Automobilindustrie. "Die Ausbaugeschwindigkeit der letzten zwölf Monate müsste mehr als verfünffacht werden. Deutschland hat großen Nachholbedarf."

Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger legt nahe, dass Deutschland eine kritische Phase der Mobilitätswende erreicht hat. In dieser Phase können sich Verbraucher zwar zunehmend reichweitenstarke E-Autos leisten, die Ladeinfrastruktur reicht aber zur Versorgung nicht aus. "In den vergangenen Jahren hat ja vor allem die nötige E-Fahrzeugflotte gefehlt, die privaten Unternehmen den Anreiz bietet, die Ladeinfrastruktur aufzubauen", erklärt der Unternehmensberater Jan-Philipp Hasenberg. "Dieser manchmal als Henne-Ei-Problem bezeichnete Zusammenhang löst sich nun zunehmend auf."

Droht bald Stau an den Stromtankstellen? Die aktuellen Daten des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) und der Bundesnetzagentur zum PKW-Bestand und zur Versorgung mit E-Ladesäulen deuten nicht auf eine rasche Entspannung hin, im Gegenteil: Den amtlichen Angaben zufolge kamen 2017 noch 11,6 Ladesäulen auf 100 E-Autos. Da die E-Flotte schneller wächst als das Angebot an Ladesäulen standen Anfang 2022 rein rechnerisch nur noch 4,9 öffentliche Ladesäulen für je 100 E-PKW zur Verfügung. Die Lage scheint sich demnach als eher zu verschlechtern.

Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer hält solche Vergleichsrechnungen allerdings für wenig sinnvoll. "Die Schnellladesäulen an den Autobahnen sind schon da, und stehen leider öfter leer", sagt der Leiter des Duisburger CAR-Instituts. Wichtiger sei es, so Dudenhöffer, dass es gute Versorgungskonzepte für die stark befahrenen Zentren in Städten wie München und Berlin gebe. In ländlichen Regionen dagegen könnten sich Leute leicht eine heimische Aufladestation, eine sogenannte Wallbox, fürs E-Auto auf dem eigenen Grundstück einrichten.

Verbände fordern Abbau von Hürden

Dudenhöffer kritisiert außerdem, dass die Bundesregierung plant, die Kaufprämie für Elektroautos einzuschränken. Er warnt vor gravierenden Folgen. "Dann überlegen sich auch Investoren und Unternehmen, ob sie noch Ladesäulen bauen wollen. Ohne Elektroautos machen Ladesäulen wenig Spaß."

Die Förderung von E-Autos und der Ausbau der Ladesäulen müssen also zusammenfinden, betont der Branchenkenner. Für den Umstieg vom Verbrenner zum E-Auto dürften neben dem Anschaffungspreis und der Reichweite jedoch auch psychologische Faktoren eine Rolle spielen. Für die Hälfte der deutschen Autokäufer, heißt es in einer Auswertung zum Energiewendebarometer der staatlichen Förderbank KfW, wirke eine unzureichende öffentliche Ladeinfrastruktur abschreckend. Tatsächlich ist die Versorgungssituation in den deutschen Bundesländern sehr unterschiedlich, wie der Blick auf die Karte mit den aktuellen KBA-Daten im Verhältnis zur Bevölkerung zeigt.

"Laut einer Umfrage aus dem November 2021 sind noch fast 40 Prozent der Elektroauto-Fahrer mit der Ladesituation auf Langstrecken nicht besonders zufrieden", heißt es beim ADAC. Kritikpunkte seien demnach aber auch zu hohe Preise und zu langsames Laden. "Sorge, die nächste Schnellladestation nicht rechtzeitig zu erreichen, haben hingegen nur 23 Prozent der Elektroauto-Fahrer." Marktbeobachter Dudenhöffer glaubt, dass viele Deutsche derzeit vor allem über Vermietung, Leasing und Auto-Abos eigene Erfahrung mit dem Fahren und Aufladen der Fahrzeuge sammeln. Dies könnte durchaus dazu beitragen, etwaige Bedenken abzubauen.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fordert ein ganzheitliches Konzept der Bundesregierung, wie Deutschland die große Verkehrswende auch mithilfe von Elektromobilität vollziehen soll - "von der Steuergesetzgebung, über ambitioniertere CO2-Flottengrenzwerte für neu zugelassene Pkw, bis hin zu der Nutzung des öffentlichen Raums." Demnach sollte der Bund verstärkt auch eigene Flächen für Ladeinfrastruktur zugänglich machen. Langwierige Ausschreibungsverfahren würden zeigen: Aktuelle mache der Staat "den Ausbau des Ladeangebots nicht schneller, besser oder günstiger".

Letztlich sind die Gründe, warum die Masse der Autofahrer der Elektromobilität skeptisch gegenübersteht, wohl sehr vielschichtig. Kosten, Risiken und Nutzen der Verbrennungsmotoren sind bekannt, beim Stromantrieb wirkt vieles noch ungewohnt. Für den Schritt in die Alltagstauglichkeit sehen Automobil- und Energieverbände den Ausbau der Ladesäulen als wichtigen Baustein der Mobilitätswende. Mehr Tempo beim Ausbau könnte ein Anfang sein - für die nötigen Lade- und Berührungspunkte.

Quelle: ntv.de

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