Wirtschaft

Welle an Klimaschutz-Klagen Banken droht ganz eigenes "Dieselgate"

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Die Klimakrise ist mit Blick auf mögliche Gesundheits- und Wohlstandsschäden enorm groß.

(Foto: imago images/Hannelore Förster)

Was in der Autoindustrie die Manipulation von Abgaswerten ist, könnte für Banken die Finanzierung von Klimasündern werden. In den nächsten Jahre könnte eine Klagewelle auf die Geldhäuser zurollen. Ein weiterer Angriffspunkt wären als nachhaltige deklarierte Anleihen, die ihrem Ruf nicht gerecht werden.

Viele Banken haben noch nicht einmal alle Rechtsverfahren aus der Finanzkrise abgearbeitet, doch schon braut sich ein neuer Sturm zusammen: Klimaschutz-Klagen. "Nachhaltigkeit, das wird die nächste Klagewelle sein", sagt ein Spitzenmanager eines europäischen Geldhauses. Banken können sich angreifbar machen, weil sie klimaschädliche Geschäfte über Kredite oder Kapitalmarkt-Platzierungen finanzieren. Außerdem wecken sie bei sogenannten "grünen Anlagen", die ökologische Projekte unterstützen sollen, mitunter zu hohe Erwartungen. "Wir machen zu viele Versprechen, die wir nicht halten können", mahnt der Banker.

Anwälte rechnen zwar nicht unmittelbar mit einer Klagewelle - aber in zwei, drei Jahren könnte sie kommen. Einer Erhebung der London School of Economics zufolge wurden zwischen 1986 und Mai 2021 weltweit 1841 Klimaklagen eingereicht, 191 davon alleine in den 13 Monaten bis Ende Mai. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sitzen Regierungen auf der Anklagebank, doch immer mehr Fälle richten sich auch gegen Firmen.

Ende Mai verdonnerte ein niederländisches Gericht den Ölkonzern Royal Dutch Shell dazu, seinen CO2-Ausstoß bis 2030 nahezu zu halbieren. Damit verpflichtete ein Gericht erstmals ein Privatunternehmen dazu, Treibhausgas-Emissionen zu kürzen. Der Entscheid, der ein Umdenken der Gerichte widerspiegelt, könnte die Schleusen für ähnliche Verfahren öffnen.

Der einflussreiche Aktionärsberater ISS sieht etwa die Urteile gegen die Tabak- und Asbest-Branche als Beispiele dafür, was auf Unternehmen in Sachen Klima-Klagen zukommen könnte: Den Opfern wurden Hunderte von Milliarden Dollar an Entschädigungen zugebilligt. Die Klimakrise sei mit Blick auf mögliche Gesundheits- und Wohlstandsschäden noch viel größer.

Pariser Klimaziele als Knackpunkt

Noch sind vor allem Energie- und Rohstoffkonzerne Ziel der Klimaschutz-Klagen. Bei Finanzfirmen scheint der CO2-Fußabdruck auf den ersten Blick dagegen klein. So kommen einer Studie der Berater von Oliver Wyman zufolge 95 Prozent der Kredite an europäische Firmen von Banken, sie sich an die Vorgaben des Pariser Klimaschutzabkommens halten wollen. Dazu gehören auch Deutsche Bank, Commerzbank, UBS und Credit Suisse.

Zum Problem könnten aber die Firmen werden, die die Banken mit Krediten und Kapitalmaßnahmen unterstützen: Nur acht Prozent der kreditnehmenden europäischen Unternehmen bekennen sich zu den Pariser Klimazielen. Entsprechend dürften Klagen von Aktivisten gegen Finanzinstitute zunehmen: "Banken sind damit konfrontiert, weil sie eine Menge der Aktivitäten finanzieren, von denen wir uns abwenden müssen", erklärt Ellie Mulholland vom Forschungsprojekt CCLI.

Ähnliches gilt auch für die Finanzierung über den Kapitalmarkt. Sogenannte Green Bonds, also Anleihen, die umweltfreundliche Projekte wie etwa Sonnen- und Windenergie finanzieren sollen, haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Alleine von Januar bis März 2021 wurden grüne Anleihen im Rekordvolumen von 130 Milliarden Dollar platziert, wie der Datenanbieter Refinitiv berechnet hat. Anwalt Felix Biedermann von Simmons & Simmons in Frankfurt macht derzeit einen gewissen Hype aus, was nachhaltige Investments betrifft. "Und wo Goldgräberstimmung herrscht, gibt es eine Tendenz, Risiken zu unterschätzen. Aber die Party, auf der gerade viele feiern, wird irgendwann mal vorbei sein."

EU will "Greenwashing" vermeiden

Was grün ist, ist dabei nicht immer klar. Dem niederländischen Asset Manager NN zufolge ist diese Kennzeichnung nur bei 85 Prozent der Bonds gerechtfertigt. Der Rest werde von Unternehmen emittiert, die die Erlöse zwar für umweltfreundliche Projekte verwendeten, andernorts aber der Umwelt schadeten. Auch die Politik ist sich der Problematik bewusst. So will die EU-Kommission einen "Goldstandard" für grüne Finanzanlagen einführen, auch um "Greenwashing" zu vermeiden. Im Herbst will die Schweiz nachziehen.

Simmons & Simmons-Anwalt Daniel Kendziur warnt vor einer Klagewelle für den Finanzsektor, die die Ausmaße des Dieselskandals für die Autobranche erreichen könnte. Volkswagen und andere Hersteller hatten die Abgaswerte durch eine spezielle Software manipuliert, um Autos sauberer erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich waren. Für Strafen und Entschädigungen von Kunden legte alleine Volkswagen bislang mehr als 32 Milliarden Euro auf den Tisch. "Es droht so eine Art Dieselgate im Bereich grüner Finanzprodukte", konstatiert Kendziur. Kleinanleger könnten sich getäuscht sehen über die Klimafreundlichkeit einer Anlage und dann versuchen, Schadenersatz geltend zu machen. Es gebe in Deutschland ähnlich viele Kleinanleger wie Diesel-Fahrer. "Das kann eine Riesensache werden."

Massenverfahren könnte alle betreffen

Neben möglichen Massenverfahren unter dem Titel "Green-Bond-Gate" könnten auch Wettbewerber, Finanzbehörden oder Verbraucherschutz-Verbände gegen eine irreführende Bewerbung solcher Produkte vorgehen und klagen, so Kendziur. Einen Vorgeschmack darauf gibt eine Klage der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gegen die Deka Bank. Die Beratungsstelle hatte dem Institut in Zusammenhang mit einem Anlagefonds irreführende Werbung vorgeworfen. Deka lenkte ein, verwies aber darauf, dass es eine transparente und allgemein akzeptierte Darstellung der Nachhaltigkeitswirkung von Anlagen einfach noch nicht gebe.

Vom Emittenten über die begleitende Bank bis zum Asset Manager und zum Wealth Manager könnten Experten zufolge bei Irreführung alle verklagt werden. Die größte Gefahr sieht AlixPartners-Berater Ralph Kreis indes bei Anbietern, die etwa Green Bonds in Fonds oder strukturierte Produkte verpacken und vertreiben. "Dort kann ich mir vorstellen, dass mitunter zu viel versprochen wird." Anwalt Kendziur sieht unmittelbaren Handlungsbedarf für Produkte, die jetzt auf den Markt kommen. Wettbewerbsrechtliche Klagen oder Eingriffe von Finanzmarkt-Regulierungs-Behörden könnte es schon sehr bald geben. "Aber die großen Klagewellen von Anlegern werden sich nicht in einigen Monaten, sondern in einigen Jahren zeigen."

Quelle: ntv.de, mba/rts

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