Wirtschaft

Währungshüter hilflos Blockade der Zentralbank erschüttert Russlands Wirtschaft tief

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Bankkunden stehen Schlange vor einem Geldautomaten in St. Petersburg.

(Foto: REUTERS)

Tag eins, nachdem der Westen Russlands Zentralbank auf die Sanktionsliste gesetzt hat, zeigt: Das russische Geldsystem ist hart getroffen. Die Währungshüter stehen hilflos vor dem sich ausbreitenden Chaos am Finanzmarkt.

Die russische Zentralbank war auf diesen Moment vorbereitet - theoretisch. Seit der internationalen Krise infolge von Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim hatte die Notenbank eine riesige Devisen- und Goldreserve angelegt, um im Falle eines neuen Konflikts und möglicher Finanzsanktionen die russische Währung verteidigen und den Geldkreislauf im Land am Laufen halten zu können. Doch an diesem Morgen ist dieser Plan in sich zusammengefallen. Ein Großteil der umgerechnet 630 Milliarden Dollar schweren Zentralbank-Reserven ist eingefroren, oder wird es in Kürze infolge der von den USA und der EU verhängten Sanktionen sein. Russlands Möglichkeiten, auf dem Devisenmarkt große Mengen Rubel mit Euro und Dollar zu kaufen, sind damit extrem eingeschränkt.

Die Reaktion der Finanzmärkte, noch bevor das westliche Embargo gegen Russlands Währungshüter in Kraft getreten ist, zeigt, dass die finanzielle Verteidigung, die das Land aufgebaut hat, weitgehend wirkungslos ist. Die Zentralbank versuchte mit einer Art Verzweiflungstat am frühen Morgen, die Lage zu beruhigen. Während an den internationalen Handelsplätzen der Rubel innerhalb kürzester Zeit ein Drittel seines Werts verloren hatte, verschob man in Moskau den Handelsstart zunächst.

Unterdessen verkündete die Zentralbank - in Ermangelung eines Zugangs zu ihren Devisenreserven - eine Verdoppelung des Leitzinses, um den Rubel theoretisch gegenüber anderen Währungen für Anleger attraktiver zu machen. Zudem ordnete sie an, dass Unternehmen, die Dollar aus Exporteinnahmen haben, 80 Prozent davon verkaufen müssen. Vergeblich. Nach der Eröffnung crashte der Rubel auch in Moskau, wobei die Devisenhändler Schwierigkeiten hatten, überhaupt aussagekräftige Kurse zu ermitteln. Denn es kamen mangels Käufern kaum Deals zustande. Das heißt, egal zu welchem Kurs kann niemand in Russland sicher sein, seine Rubel in Dollar - oder Euro - tauschen zu können.

Das erschüttert die russische Wirtschaft gleich auf mehrere Weise. Ohne Vertrauen in die eigene Währung oder verfügbare Alternativen wie Dollar und Euro funktioniert kein Handel. Vor vergleichbaren Situationen standen in der jüngeren Vergangenheit nur Venezuela und der Iran, die von ähnlichen US-Sanktionen getroffen wurden. In Venezuela brach die Wirtschaft daraufhin nahezu vollständig zusammen. Auch der Iran stürzte in eine schwere Wirtschaftskrise. Russland könnte nun trotz aller seiner Milliardenreserven ein ähnliches Schicksal drohen. Ob Russland seine Währung wieder stabilisieren kann, dürfte entscheidend davon abhängen, inwieweit es gelingt, mit dem Öl- und Gasexport weiter Devisen ins Land zu bringen. Der Energiesektor ist von den westlichen Sanktionen ausgenommen. Jedoch ist zweifelhaft, ob die Zahlungsströme angesichts der blockierten Zentralbank aufrechterhalten werden können.

Aktienverkauf verboten

Die verzweifelte Zinserhöhung der russischen Zentralbank hilft in dieser Situation offenkundig nicht. Sie hat sogar mittelfristig massiv schädliche Nebenwirkungen, indem sie die durch Krieg und Sanktionen belastete Konjunktur weiter bremst und das Vertrauen in Russlands Wirtschaft und Währung zusätzlich schwächen könnte. Den Moskauer Aktienmarkt schloss die Zentralbank aus Furcht vor der Panik unter den Investoren bis auf Weiteres gleich ganz. Zudem verbot sie Händlern, auch außerbörslich russische Wertpapiere ausländischer Anleger zu verkaufen.

Unter anderem Norwegens Staatsfonds, der Größte der Welt, hatte angekündigt, sämtliche Beteiligungen in Russland abzustoßen. Einen Eindruck von dem, was an der Moskauer Börse passiert wäre, vermitteln die Kurse sogenannter Hinterlegungsscheine für russische Aktien, die in London gehandelt werden. Papiere russischer Banken verloren teils dreiviertel ihres Werts und selbst der Kurs des Gasexporteurs Gazprom, der bislang weitgehend ungehindert Geschäfte machen kann, brach um die Hälfte ein.

Auch andere Sanktion, wie etwa der Ausschluss zahlreicher Banken vom Zahlungssystem Swift oder das direkte Verbot, mit ihnen Geschäfts zu machen, zeigen bereits Wirkung. Erste westliche Firmen haben bereits den Betrieb in russischen Werken gestoppt, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen, von Bedenken wegen möglicher Sanktionsverstöße bis zu fehlenden Zulieferungen und Materialmangel.

Die direktesten und drastischsten Folgen für die russische Bevölkerung aber dürfte der Wertverfall des Rubels haben. Ende der vergangenen Woche hatten sich bereits erste Schlangen von Bankkunden, die ihr Erspartes abheben wollten, vor Geldautomaten gebildet. Die Zentralbank reagierte darauf mit der Ankündigung, die Banken mit zusätzlichen Rubel-Scheinen zu versorgen. Dagegen, dass der Wert vom Rubel allein seit Kriegsbeginn um ein Drittel zusammengeschmolzen ist, hilft das allerdings nicht.

Quelle: ntv.de

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