Wirtschaft

Folgen der Gaspreisexplosion Britische Industrie droht mit Rückkehr zu Schweröl

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Um rentabel produzieren zu können, könnten Fabriken ihre Öfen wieder mit günstigeren, dafür aber umweltschädlichen Brennstoffen betreiben.

(Foto: picture alliance / empics)

Die bereits schwer angeschlagene Industrie Großbritanniens schlägt Alarm. Sinkt der Gaspreis nicht und es gibt keine Hilfen vom Staat, drohen Zustände, die kurz vor dem Klimagipfel keine Empfehlung sind. Der Versorgungsengpass könnte bald zum Himmel stinken.

Die Versorgungslage in Großbritannien spitzt sich weiter zu. Lebensmittel, Matratzen, Bier, Benzin - viele Waren sind bereits knapp. Es fehlen nicht nur Lastwagenfahrer, die die Güter von A nach B bringen. Zusätzlich leiden Verbraucher und Industrie auch unter dem hohen Gaspreis. Es geht längst nicht mehr um die Frage, ob Tannenbaum und Truthahn zu Weihnachten gesichert sind, sondern darum, ob die Infrastruktur am Laufen gehalten werden kann oder nicht.

Stromintensive Branchen wie Stahl-, Chemie- und Düngemittelindustrie warnen vor einem schwierigem Winter, wenn die Regierung keine Notfallmaßnahmen gegen steigende Gas- und Stromkosten ergreift. Der Handelsverband UK Steel weist darauf hin, dass die Stahlproduktion "unwirtschaftlich" sei, wenn britische Unternehmen doppelt so hohe Strompreise zahlen müssen, wie Konkurrenten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. British Steel verlangt von seinen Kunden im Bau- und Automobilsektor bereits Zuschläge von bis zu 30 Pfund pro Tonne, um die höheren Energiekosten zu decken. Die Verbraucher werden das beim Autokauf zu spüren bekommen, sagt David Bailey, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Birmingham Business School.

Aber nicht nur bei den Preisen sind die Folgen die Gaspreisexplosion zu spüren. Führende Unternehmen der Glas- und Mineralienindustrie weisen auf die Folgen für die Umwelt hin. Fabriken müssten gegebenenfalls auf kostengünstigere Kraftstoffe umstellen, um rentabel produzieren zu können. Fensterbauer könnten entscheiden, ihre Öfen wieder mit umweltschädlichen Brennstoffen zu betreiben, zitiert der "Guardian" Paul Pearcy von der Handelsorganisation British Glass. "Einige unserer Mitglieder haben immer noch Schweröl vor Ort, nachdem sie auf Gas umgestiegen sind", warnte er. "Einige erwägen ernsthaft, wegen des Gaspreises darauf zurückzugreifen." Unmittelbar vor der Klimakonferenz Cop26 in Glasgow sei das keine "keine gute Werbung".

Abfälle auf Müllhalden statt in die Verbrennungsanlage

Der britische Kalkhersteller Singleton Birch äußerte sich ebenfalls in diese Richtung. Auch er will seine höheren Produktionskosten weitergeben, was einen weiteren Dominoeffekt nach sich ziehen könnte, wie die britische Zeitung schreibt. Zu den Kunden gehören Wasserunternehmen, aber auch Firmen, die Kalk verwenden, um Abfall in Energie umzuwandeln. "Wir könnten in die lächerliche Situation geraten, in der es billiger wird, Abfälle auf Deponien zu deponieren als in Müllverbrennungsanlagen", zitiert das Blatt Singleton-Chef Richard Stansfield. "Es gibt alle möglichen Folgewirkungen."

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Nach der Düngemittel- und Stahlindustrie könnten die Glas-, Stahl- und Mineralstoffhersteller die nächsten Glieder in der Lieferkette sein, die wegbrechen. Die Handelsorganisation Energy Intensive Users Group warnte vor Stilllegungen in diesen wichtigen Industrien, sollte es keine Hilfe von der Regierung in London oder Energieregulierungsbehörde Ofgem geben. Die Gaspreise steigen seit Monaten. Erst am Mittwoch markierten sie wieder neue Rekordhöhen. Der Brennstoff ist knapp und die Speicher sind nicht so stark gefüllt wie im vergangenen Jahr. Weitere Dominoeffekte sind also zu befürchten.

Wegen steigender Energie-Großhandelspreise haben einige Versorger in Großbritannien bereits aufgegeben, allein im September waren es neun. Der britische Energieminister Kwasi Kwarteng warnte vor weiteren Pleiten in der Branche, gleichzeitig schloss er staatliche Hilfen für die angeschlagenen Firmen aus. Ende Oktober werden sich die EU-Staats- und Regierungschefs auf ihrem Gipfel mit den hohen Gaspreisen und möglichen Lieferproblemen mit Russland beschäftigen. Das kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem informellen EU-Rat im slowenischen Brdo an. Großbritannien als EU-Aussteiger wird nicht dabei sein.

Quelle: ntv.de, ddi

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