Wirtschaft

Volle Speicher und Tankerstau Europas Gasmarkt ist satt

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Ein LNG-Tanker beim Entladen an einem Terminal für Flüssiggas in der Ostsee. Deutschland muss, Stand heute, eine Gaslücke von 20 Prozent schließen.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Europas Gasprobleme scheinen plötzlich viel kleiner als noch vor ein paar Monaten. Die Gasspeicher sind "proppevoll". Es gibt mehr Flüssiggas, als der Markt derzeit gebrauchen kann. Die Spot-Preise kommen zurück. Warum? War die Krise nur eingebildet?

Die Temperaturen sind mild, die Gasspeicher voll, der Nachschub an Flüssiggas (LNG) läuft wie geschmiert, neue Terminals werden aus dem Boden gestampft, und der Gaspreis ist von seinen astronomischen Höhen deutlich zurückgekommen. Es ist zwar nicht alles wieder gut, auch nicht so, als sei nichts geschehen. Aber es sind gute Nachrichten zum Jahresende. Die Energiekrise schrumpft zusammen, und die Lage entspannt sich.

Kaum etwas demonstriert die Entspannung auf dem Energiemarkt besser, als die vor Europas Küsten liegenden LNG-Tanker. Laut der Analysefirma Vortexa ankerten vor wenigen Tagen 34 Frachter mit Flüssiggas auf offener See, ohne einen Hafen anzusteuern. Hintergrund sind die fallenden Gaspreise. Die europäischen Benchmark-Gas-Futures für November haben in den vergangenen Wochen um etwa zwei Drittel nachgegeben. Die Dezember-Kontrakte liegen bereits wieder etwas höher. Die Rohstoffhändler versuchen, die Rendite der insgesamt 2 Milliarden Dollar teuren Fracht vor der Küste zu maximieren. Warten lohnt.

Wenn Händler zocken, ihre Frachter lieber als schwimmende Lager nutzen, um auf höhere Spotpreise zu warten, bedeutet das, der Markt ist satt. Europa wird mit Flüssiggas überschwemmt und kann es sich - zumindest im Augenblick - auch leisten, abzuwarten. Die milden Temperaturen haben den Staaten wertvolle Zeit verschafft.

Vor allem, um ihre Lager zu füllen. Die deutschen Gasspeicher platzen seit dieser Woche mit historisch bislang nie erreichten Füllständen von über 100 Prozent aus allen Nähten. "Proppevoll", kommentierte Netzagenturchef Klaus Müller den Füllstand zufrieden. "Das Gassystem in Europa ist voll", zitiert die "New York Times" (NYT) den Vorstandsvorsitzenden des spanischen Gasbetreibers Enagas, Arturo Gonzalo Aizpiri. Und die "Financial Times" (FT) textet: "Willkommen im milden Westen".

LNG-Terminal in Niedersachsen in nur 200 Tagen

Im Frühjahr war an eine solche Entwicklung kaum zu denken. Doch nach heutigem Stand werden die Gasflammen nicht so schnell erlöschen, es wird keinen schnellen Blackout geben und niemand muss wegen Gasmangels auf eine warme Dusche oder Heizung verzichten. Ersatz für russisches Gas ist gefunden, und auch die Preise geben Anlass zur Hoffnung.

Auch beim Bau von LNG-Terminals drückt Deutschland jetzt auf die Tube. Das sogenannte Floating Terminal in Wilhelmshaven wurde diese Woche - innerhalb von nur 200 Tagen - fertiggestellt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck lobte den Bau des ersten deutschen Flüssiggas-Terminals als zentralen Baustein für die Energie-Sicherheit.

Gefühlt ist ein Wunder geschehen. Und dazu beigetragen haben nicht nur die milden Temperaturen - der Verbrauch in Europa liegt derzeit etwa 30 Prozent unter dem saisonalen Durchschnitt -, sondern vor allem die Flüssiggaslieferungen aus den USA. Als sich die Situation einstellte, vor der die Amerikaner in der Vergangenheit immer wieder gewarnt haben, trug dann das amerikanische LNG dazu bei, das versiegende russische Gas zu ersetzen.

Hilfreich war auch, dass die EU-Länder sich in der Krise solidarisch gezeigt haben. Überschüsse werden an europäische Partner umverteilt. Spanien hat laut der unabhängigen Investmentfirma Frankfurt Asset Management eine Speicherkapazität von 36 Milliarden Kubikmeter pro Jahr, braucht davon aber nur die Hälfte. Es ist also genug übrig, um zum Beispiel Deutschland bei Bedarf zu unterstützen. Was fehlt, ist allein die Infrastruktur, die einen einfachen Austausch möglich macht. Aber auch das soll sich bald ändern.

Abfackeln von Gas lohnt sich wieder

Auch wenn es paradox ist: Ein weiteres Zeichen für Entspannung auf dem Energiemarkt ist die Tatsache, dass es sich für Gasproduzenten lohnt, Gas abzufackeln. Abfackeln werde in Amerikas größtem Schieferölbecken wieder zunehmen, prognostiziert laut Bloomberg das norwegische Analyseunternehmen für die Öl- und Gasindustrie, Rystad Energy.

Die Gasproduktion im Perm-Becken hat sich seit der Pandemie schneller erholt, als die Pipelinekapazitäten gewachsen sind. Deshalb ist es für die Produzenten bei dem Preisniveau wirtschaftlich sinnvoller, Gas zu verfeuern und das teurere Öl zu pumpen. Mehrere größere Pipeline-Erweiterungen fertigzustellen, wird bis in die zweite Hälfte des nächsten Jahres dauern. Es sind gute Aussichten für den nächsten Winter, weil es helfen könnte, künftige Engpässe in der Versorgung abzufedern. Wenn es hart auf hart kommt und die Preise entsprechend wieder steigen, gibt es hier noch mehr Gas zu holen.

Ciaran Roe, Global Director für LNG beim Finanzdienstleistungsunternehmen S&P Global hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Gaspreise mit Russlands Abkehr vom europäischen Markt noch weiter purzeln werden, irgendwann sogar "auf den Kopf gestellt" werden könnten. "Wir sehen den beispiellosen Boom der Gaspreise", sagte er. "Und wir alle wissen, was dem Allzeit-Boom oft folgt", sagte er der "NYT". Die Blase platzt. Die LNG-Preise seien im Jahr 2020 so tief gefallen, dass es sich nicht mehr gelohnt habe, Frachten in den USA zu laden. Unternehmen stornierten Bestellungen und nahmen Strafen in Höhe von mehreren Millionen Dollar in Kauf.

Deutschland muss nach heutigem Stand eine Gaslücke von 20 Prozent schließen. Die bisherigen Sparerfolge zeigen, das ist machbar, möglicherweise bald aber auch gar nicht mehr nötig: "Die Dinge sind jetzt viel besser, als sie im Mai aussahen," zitiert die "FT" Rui Soares von Frankfurt Asset Management. "Wenn die Terminals in Betrieb sind, könnte sogar dieses Opfer vermeidbar sein", so Soares. "Es wird ein weniger angenehmer Winter als sonst in Deutschland, aber die Haushalte werden nicht frieren und die Industrie nicht zusammenbrechen. Die Realität ist besser als die Wahrnehmung."

Quelle: ntv.de

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